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Kritik

LIEBE IN LUFTMASCHEN

Übersetzer Hans-Ulrich Möhring entdeckt die Leidenschaft von Gedichten
Hamburg

Das Übersetzen ist ein undankbares Gewerbe: Dienst an einem, dessen Schreiben vom Abdruck gekrönt wurde, während man den Übersetzenden, nicht selten selbst erfolglos schreibend, bestenfalls im Buchinneren nennt.

Übersetzende sind Schattendienstleute, kriegen niemals Lorbeeren und werden schlecht bezahlt. Sie haben selten ein Büro oder eine Werkstatt, wo sie arbeiten. Meist behämmern sie, von Grübelpausen unterbrochen, ihren Laptop zwischen Waschmaschine und Küchentisch. Stets muss erst die Hausarbeit erledigt werden, bevor sich die Wörterbücher aufschlagen lassen.

Ulli, der Ich-Erzähler von Hans-Ulrich Möhrings von Rugerup Novelle betitelter Erzählung „Ausgetickt“, ist überraschenderweise ein Mann. Tatsächlich ist ein Großteil der Übersetzenden weiblich. Der Natur des Übersetzergeschäfts nach ist Ulli Hausmann, d.h. für Jausenbrote, Elternabende und Zahnarzttermine seiner beiden Kinder zuständig, während seine Gattin Karriere macht.

Bis zur Mitte seines Lebens läuft alles wie geschmiert. Immerhin hat Ulli sich einen Namen als Leib-Übersetzer eines erfolgreichen britschen Fantasy-Vielschreibers gemacht, das heißt, innerhalb seines Berufsstands hat er optimal ausgesorgt. Obendrein macht es ihm Spaß.

Doch als die Kinder flügge werden und seine Frau auffällig gern Termine nach Büroschluss wahrnimmt, ereilt Ulli eine Krise. Er stellt seine Ehe in Frage, kommt sich übergangen vor, wird von den Sprösslingen nicht länger gebraucht und steht auf einmal auch beruflich vor einem Problem, das seinen Trott unterbricht: Es gilt im Roman ein Gedicht zu übersetzen, besser gesagt das vorangestellte Leitwort, das von Emily Dickinson stammt. Dieses Motto soll dem Publikum ein bestimmtes Licht, eine Eingangsstimmung auf den Roman werfen, dessen ist sich Ulli bewusst. Und: dass diese paar Zeilen zu übersetzen seine Fähigkeiten übersteigt. Gedichte lassen sich bestenfalls in einer anderen Sprache nachdichten, das Handwerk des Übersetzers ist ein anderes.

Die Einsamkeit des Übersetzers, wenn er sich ins Werk eines/einer Anderen begibt, ohne sich mit diesem/r austauschen zu können, tritt vor allem beim Übertragen von Gedichten zutage; vorausgesetzt, sie wollen etwas verheißen, bedeuten oder eröffnen. Das ist ein anderes Metier als die Zauberer-Action, die Ulli meisterlich ins Deutsche bringt. Er steht an. – und besinnt sich seiner ehemaligen Studienkollegin, der ausgeflippten Sylvie, zu der er kaum mehr Kontakt hat. Sie ist Dichterin und Ulli fragt sie um Rat, nachdem ihm weder die beiden vorhandenen Übersetzungen zusagen noch ihn theoretische Statements zum Gedichte-Übersetzen überzeugt haben. Ulli hat „Lyrik in den allermeisten Fällen immer nur als sprachliche, um nicht zu sagen sprachspielerische Verarbeitung subjektiver Befindlichkeiten wahrgenommen, eine Art bildhafter Stimmungsverdichtung, auf die man sich als Leser seinerseits einstimmen muss, wenn man etwas davon haben will.“ Nie hätte er Gedichte „mit Worten wie Wagnis oder gewachsen sein in Zusammenhang gebracht. Eine richtiggehende geistige Auseinandersetzung damit“ ist ihm unvorstellbar, „weil das scharfe Instrument der Kritik <...> solche luftigen Gebilde im Nu zerfetzen würde.“

Doch Sylvie, die ein gelassenes Späthippiedasein auf einem Gartengrundstück führt, wenn sie nicht  – an Wochenenden – Hamburger Arztgattin ist, bekehrt Ulli. Sie verschafft dem Schreibtisch-Fantasten in der Auseinandersetzung mit Emily Dickinsons Gedicht ein solches Wagnis. Sie bringt ihn dazu, dass er seine vom Fließband-Übersetzen allzu routinierten zweisprachigen Denkwerk­zeuge zum Zupacken einsetzt, bis seine philosophischen Hirnwindungen nur so krachen. Sokrates hätte beim vorliegenden Fallbeispiel von Hebammenkunst gesprochen. Wobei Sylvie nur eine Hebamme ist, die zur nächsten weiterreicht, zum Original Emily Dickinson. Ihr sphinxhaftes Wesen gilt es zu knacken, bevor Ulli sich auf ihr Gedicht einlassen kann.

Freilich geht der akzelerierte Erziehungsroman einher mit Ullis Midlife-Krisen-Seelenanalyse: Die beiden Studienkollegen erzählen einander ihre Leben und arbeiten aus, warum aus ihrer Freundschaft damals nicht mehr geworden ist. Wenigstens Ulli hat eine Trauerweide nötig, Sylvie gibt eher die Therapeutin. Sie hat ihre Resümees längst gezogen. Etwa über ihren Part in der Studentenfreundschaft sagt sie zu Ulli: „Du warst mir ein wichtiger Freund <...> Ein ständiger Anstoß, Dinge für mich zu klären, sie nicht im Ungefähren zu belassen. Ins Bett gegangen bin ich dann allerdings mit den andern <...>, von denen ich dachte, die brennen wie ich, die sind auch entzündet von irgendwas. Aber von deren Flamme ist nie eine Wärme ausgegangen, immer konnten sie nur ihr eigenes Süppchen kochen, nie wirklich was abgeben, mich teilhaben lassen, an mir teilhaben. Entweder sie wollten mich zum Brennholzsammeln anstellen, oder sie haben es genossen, wenn mein Feuer flackerte und tanzte, ohne näher danach zu fragen, was ich meinerseits koche, was mich innerlich bewegt.“

Hier spricht ein Mensch, der über sich, seine Wirkung auf andere und seinen Bedarf dabei viel nachgedacht hat. Selten liest man treffendere Darstellungen des Typs „Die Künstlerin als junge Frau“, und das noch in poetischen Metaphern! Ulli, der Übersetzer, hat als Chronist des Erlebten sichtlich angezogen von Sylvie, von der gemeinsamen Auseinandersetzung mit dem – von einem anderen starken Menschen: Emily –, rührt. Die faszinierende Sylvie vermittelt nur, geht der Dritten im Bunde zur Hand. Denn es ist Emily, die Ulli zu sich selbst bringt: die Auseinandersetzung mit ihren Zeilen. Gedichtaufdröseln wird Ullis Geburtshilfe. Im Sinn-Erkennen lernt er sich kennen.

Sylvie bringt auf den Punkt, wie Dickinson es schafft, Lesenden wie Ulli quer durch Zeit und Raum nahe zu treten: „Die Nähe, die sie in ihren Briefen mit wenigen Worten schafft, ist einfach unglaublich <...> Sie hüpft dem andern direkt auf den Schoß, aus Schüchternheit, könnte man sagen. Sie weiß keinen andern Weg, die Distanz zu überbrücken. Und sie hat recht: Es gibt keinen. Es gibt keinen Weg von Herz zu Herz. Du musst springen.“

Und dieses Springen – Mutigsein, den ersten Schritt tun – geht Ulli, dem beamteten Sprach-Fährmann, ab. Sylvie hat das Wagnis für ihn verkörpert, ja stellt es immer noch dar. Dafür ist er ihr dankbar: Sie bringt ihn auf die Sprünge, verhilft ihm in der Krise wieder auf die Beine, ohne dass ein Liebesabenteuer daraus würde, mit dem Ulli sich gern vor seiner Frau Aufmerksamkeit verschafft hätte.

Abenteuer ist vielmehr der Austausch mit Dickinsons Gedicht, die beiden Kollegen sich selbst verstehen hilft. Ulli denkt über Emily wie über Sylvie nach und revidiert sein Vorurteil über Dichtung: „Warum schrieb eine Gedichte? Weder um eine eindeutige Aussage, die ihr schon vorher feststand, aus ästhetischen Gründen in Verse zu fassen, noch um ein betörendes, aber sinnloses Wortgeklingel zu veranstalten.“ Darüber hinaus lässt er sich, nach Vorbild Sylvies, auf Dickinsons Einladung ein: „Es gab etwas, das sie ansprach, und zwar so hartnäckig und unabweislich, dass sie früher oder später nicht anders konnte, als diesem Anspruch zu antworten.“

Sylvie erklärt ihm Dickinsons Credo: „My business is to sing. Dass die Welt dir nicht zuhört, ist keine Entschuldigung dafür, nicht zu singen“. Diese Lehre hat Sylvie, die nicht veröffentlichte Dichterin, aus der Beschäftigung mit Dickinson (die ihrerseits erst nach Ableben gedruckt wurde...) gewonnen.

Wie nun Ulli die Erfahrungen im Vorfeld seines Übersetzungsversuchs zusammenfasst, entspricht Sylvies Wesen, das ihn als Studenten beeindruckt, ja gebildet hat: „Das Gedicht erlaubt nicht nur viele Hinsichten, es fordert sie geradezu heraus. Es fordert zur Auseinandersetzung mit der Sache heraus, je mehr, je besser. Ich glaube nur, dass diese Auseinandersetzung erst dann fruchtbar werden kann, wenn die Sache kein anderes Objekt mehr ist, über das man nach Belieben und ohne eigenes Risiko Hypothesen aufstellen kann, sondern wenn man selbst die Sache geworden ist“, bringt Hans-Ulrich Möhrings Erzähler „Ulli“ eine Theorie über das Wesen der Muse vor, die Felix Philipp Ingolds postmoderne These vom Verschwinden des Autors enthält. (Wenn Ulli dessen Aufsatz über das Übersetzen, Möhring meint wahrscheinlich: „Üb er's: Übersetzen“ – auch missfällt.)

Selbst die Sache werden heißt für etwas zu brennen, sich entfachen, begeistern lassen.

Ulli kennt aus seinem risikolosen Leben diesen Totaleinsatz nicht. Doch Erkenntnisse, passende Sichtweisen, Einsichten, was im betreffenden Gedicht alles gemeint sein könnte, beflügeln sein ausgeprägtes Sprachdenken auf einmal. Die Erfahrung, dass Gedichte beim Übersetzen mehr befreien, wo erzählerische Texte an die Leine nehmen, tut ihm gut. Ulli spürt seine Flügel, es wird wieder aufwärts gehen.

Wobei das Gedicht zu verstehen noch lange nicht heißt, es ließe sich in die eigene Sprache bringen: „Die Lesung garantiert nicht die Lösung. Die Lösung, das rechte Bild, das rechte Wort, der rechte Anschluss, der rechte Ton, es ist eine Gnade, immer. Und um jemand anders wiederzugeben, brauchst du noch mehr Gnade als zum Selberschreiben. Sie wird geschenkt oder nicht, du kannst nicht drauf bauen.“ – fasst Ulli in dick salbenden Worten seine Erkenntnis zusammen.

Nun: Aus den Höhepunkten dieser bahnfahrtkurzen Erzählung habe ich großzügig zitiert. Was die Handlung selbst voranbringt, ist eher enttäuschend: Der Autor hat sich nicht die Mühe gemacht, den Bericht von Realien zu bereinigen. Die wieder gegebenen Übersetzungen von von Koppenfels und Kübler und den Aufsatz von Ingold gibt's wirklich und möglicherweise hält er sich auch bei den anderen zitierten oder auftretenden Personen an das Vermummungsverbot. Es entsteht der enttäuschende Eindruck, man hat's mit einem nüchternen, ungestalten Arbeitsbericht in unausgegorenem Herzblut zu tun, und das ist schade. Man fühlt sich ums Mitschwelgen betrogen.

Der Autor, tatsächlich Übersetzer von Fantasy-Bestsellern aus dem Englischen, hat schon 2008 einen 500-seitigen epischen Text zur Übersetzereinsamkeit geliefert, „Vom Schweigen eines Übersetzers. Eine Fiktion“. Allzugern würde ich nachlesen, welche Bewandtnis es mit der ungewöhnlichen Gattungsangabe „Eine Fiktion“ hat. War sie dem Autor Programm oder den Verlagsprogrammisten Beteuerung? Das nun bei Rugerup erschienene „Ausgetickt“ – der Titel leitet sich aus Dickinsons zu übersetzendem Gedicht mit der Anfangszeile „A Clock Stopped“ her, der letzten Endes gar nicht Aufnahme in die autorisierte Version des Fantasy-Romans finden wird – heißt im Untertitel „Ein Exzess“, auf dem Deckel aber „Novelle“. Wurde auch hier der Wunsch zum Vater des Gedankens?

Es ist schön, das Nachdichten als exzessives Mitdenken (Ebendiesdichten) eines Anderen zu bezeichnen; weil es – schreibt hier eine Nachdichterin – eben ein intensives, direktes „Neigen von Herz zu Herzen“ ist, wie Goethe über die Leidenschaft dichtet. Wenngleich es so eine Neigung aus naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten nicht geben kann: Bildner und Nachbildner auf selber Augenhöhe und in verschiedenen Sprachen, vom Schöpfer des Originals und dem seiner Verwandlung in die andere Sprache fließend, obwohl die Neigung, eine Leidenschaft, vom Zweiten zum Ersten, von unten nach oben erfolgt. Nachdichten ist eine Liebe in Luftmaschen: Manchmal entstehen nur Luftblasen, manchmal Luftschlösser.

Hans-Ulrich Möhring
Ausgetickt
Ein Exzess – Novelle
Edition Rugerup
96 Seiten · 17,90 Euro
ISBN:
978-942955-47-8

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