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Kritik

Schweizer Gemach

Hansjörg Schneider schreibt seine Hunkeler-Romane in einem sehr schweizerischen Format, muss man sagen
Hamburg

Ob es so etwas wie regionaltypische Krimis im deutschsprachigen Raum gibt, lässt sich nicht so einfach beantworten, außer mit der Erkenntnis, dass es zwar haufenweise Krimis gibt, die in den Regionen spielen, aber dass das entweder nicht für Qualität bürgt oder egal ist. Rheinische Krimis? Bayerische? Berliner? Schauplätze gibt es ohne Ende, auch Lokalkolorit – aber mehr? Kaum.

Oder eben doch. Hansjörg Schneider ist zumindest ein Gegenbeispiel dafür, dass es Krimis gibt, die sich bei der Lektüre einer Region zuordnen lassen: das Sujet, der Plot, die Anlage und Ausführung der Handlung, Stil – was immer man will, „Hunkeler und die goldene Hand“ – der siebte von acht Hunkeler-Krimis - weist in die Schweiz. Aber es sind nicht nur die Schauplätze, die im Länderdreieck Schweiz, Deutschland und Frankreich angesiedelt sind, die dafür sprechen.

Es ist auch – Klischeeritter, der man wird – die gelassene Gemächlichkeit, die Schneiders Krimi auszeichnet und ihn als Schweizer Roman kennzeichnet. Das ist gut und bedient zugleich ein paar Vorerwartungen – wogegen nichts zu sagen ist.

Kern der ganzen Angelegenheit ist der Kommissär Peter Hunkeler, der sich wegen des schreibtischtätertypischen Rückenleidens in der Kur im Solebad befindet und in den Mord an einem Basler Kunsthändler gezogen wird. Der Mann, der das Bad mit seinem Liebsten ausgesucht hat (eine alte Gewohnheit) wird quasi unter den Augen Hunkelers erstochen (wenn denn nicht die Dampfschwaden wären, die das Bad durchziehen).

Verdächtigt wird der Liebhaber des Opfers, der es sich zur Gewohnheit gemacht hat, das Becken mit einem umgeschnallten Tauchermesser zu durchschwimmen – welche Fantasie dahinter steckt, wäre ja noch zu fragen. Der junge Mann wird in Haft gesetzt, die ermittelnden Polizisten wissen sich nicht recht zu helfen, ob sie einen Mord im Milieu, eine Beziehungstat oder sonstwas annehmen sollen. Und so stochern sie eben da, wo es genehm ist.

Nur eben Hunkeler nicht, der es sich nicht nehmen lässt, seine eigenen Ermittlungen anzustellen. Hunkeler kommt denn auch nach und nach ein paar absurden wie verrückten Geschichten auf die Spur, von denen eine die Geschichte zum Mord ist – eine Privatsache am Ende. Bei anderen geht es um Geld, bei weiteren um Geschichte, worum es eben bei Geschichten geht.

Die Sache wird nicht einfacher dadurch, dass es zur selben Zeit eine Reihe von Einbrüchen gibt, bei denen regionale Kunstschätze gestohlen werden. Zumindest ein Teil hat mit irgendeinem mittelalterlichen Herzog zu tun, dem bei einer Schlacht eine Hand abgeschlagen wurde. Warum die wiederum zu einer Reliquie wurde, ist nicht ganz klar. Aber wie es scheint, gibt eine paar junge Leute, die sich darum bemühen, die Hand im Rhein zu Grabe zu tragen – was auch nichts ändert, woran auch immer.

Das Gewirr, dem sich Hunkeler gegenüber sieht, lichtet sich aber nach und nach (sebstverständlich). Es gibt einen Showdown und die nötigen Geständnisse. Also das, was man eine Lösung nennt. Und so können Kommissär und Leser zufrieden sein. Ob der gelösten Fälle, darüber, dass Hunkeler – natürlich – recht hatte und seine karrieristischen Kollegen nicht, darüber auch, dass das alles so wunderbar gemächlich vor sich geht. Quasi wie in ein warmes Solebad getaucht.

Roman wie Protagonist haben so gesehen eine anachronistische Patina, die alles aufweist, was man von einem anachronistischen Ensemble erwartet: Der Held ist aus der Zeit gefallen, am Ende seiner Karriere, ein mürrischer Kerl, der sich Schweine anschafft, um sich zuhause zu fühlen, der noch den Ofen anfeuert jeden Tag und sich keine Sorgen darum machen muss, dass sein Haus bei seinen wochenlangen Abwesenheiten unter die Räuber fallen würde.  Dafür sind die Nachbarn da, die für eine Art sanfte Landwirtschaft ebenso sind wie für die gut nachbarschaftliche Überwachungsgesellschaft. Hier wird noch ordentlich gewirtschaftet, das Schwein im eigenen Kamin geräuchert, die Moderne hat hier nicht stattgefunden. Autos und Kühlschränke sind jedenfalls kein Kriterium, solange sich die Mentalität nicht ändert. Die ist aber nicht nur langsam, sondern auch aufmerksam. Amerikanische Geheimdienste sind nichts dagegen – nur ist das hier eben alles in einem nostalgischen Erzählsepia gefärbt ist, das kräftig nach Einverständnis schreit.

Darin ist denn auch das Hauptargument gegen Schneiders Roman zu sehen: Er jongliert mit den Zutaten einer alten heilen Welt im leidlich neuen Gewand. Aber es wird eben nicht ganz deutlich, ob diese Kunstwelt irgendetwas über die Wirklichkeit aussagt, sagen wir, Schweizer Couleur. Vielleicht, dass sie sich verweigert?

Hansjörg Schneider
Hunkeler und die goldene Hand
Hunkelers siebter Fall
Diogenes
2013 · 240 Seiten · 10,00 Euro
ISBN:
978-3-257-24237-9

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