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Lyrik-Kritik aus 30 Jahren von Harald Hartung
Hamburg

Die Launen der Poesie lautet der Titel eines neuen Buchs des bekannten Lyrikers und Essayisten Harald Hartung. Man würde ein heiteres Vergnügen erwarten, hätten nicht Verlag oder Autor dem Pegasus das kiloschwere Gewicht des Untertitels an die Fersen gehängt: Deutsche und internationale Lyrik seit 1980. Das klingt nach Allgemeinem, nach Literaturwissenschaft, Zusammenfassung, Überblick, Kompendium, aber diese Vermutung trifft nicht zu. Die Launen der Poesie ist eine Sammlung von 88 Rezensionen, die Hartung zwischen 1982 und 2013 publiziert hat. Knapp 90 Titel in einem Zeitraum von 30 Jahren: das ergibt durchschnittlich 3 Titel pro Jahr. Kein Resumé also zur lyrischen Produktion eines Menschenalters, zumal es mitnichten nur um zeitgenössische Erstpublikationen geht, sondern auch um neu veranstaltete Auswahleditionen, Gesamtausgaben, Übersetzungen usw. Der älteste der hier besprochenen Dichter, eine Frau, wurde 1830 geboren: Emily Dickinson. Die jüngste, Nadja Küchenmeister, ist Jahrgang 1981. Es handelt sich also, genau genommen, um einen Zeitraum von 150 Jahren, aus dem der Kritiker seinen Stoff nimmt, wie der Tag ihm ihn zugetragen hat. Doch so zerstreut die Anlässe zu diesen Rezensionen sein mögen, der Rezensent Hartung selbst zeichnet ein sehr kompaktes Bild nicht nur von seinen persönlichen Vorlieben und Abneigungen, von den Maßstäben, welche er anwendet, und den Methoden, über die er verfügt, sondern auch vom Geist der Zeit, in dessen Namen er spricht.

Hartung bezieht sich, in einer anfänglichen Orientierung über das Geschäft der Kritik, auf die alte und unlösbare Frage Gottfried Benns: Entsteht ein Gedicht oder wird es gemacht? Und er antwortet wie der Meister: es wird gemacht. Allerdings ist der poetologische Nihilismus Benns nicht nach Hartungs Geschmack. Artistik oder absolute Poesie, war Benns Devise: „Nichts mit Glasur darüber“. Hartung denkt beim Machen an die Machart, das Handwerk. Und er möchte auch den Kuchen haben, von dem das Gedicht sich nährt. Er will also wissen, woraus ein Gedicht gemacht ist, und dann übergehen zu der Frage, wie es gemacht ist. Es ist ihm  um das Ineinander von Leben und Kunst zu tun, und zwar so, daß die Übergänge sichtbar bleiben. In diesem Sinne nimmt er eine mittlere Position ein: Damit ein Gedicht entsteht, muß es gemacht werden.

Aber nicht der verarbeitete Lebensstoff macht das Gedicht, denn auch Prosa kann auf Erlebnis und Erfahrung bezogen, kann daraus gesogen sein. Was Poesie ausmacht, sind Verse, und ein Dichter macht ein Gedicht, indem er Verse schmiedet. Das ist auch heute noch eine erstaunlich unangefochtene Konvention. Zwar müssen Verse sich nicht reimen, wie schon der Wandsbecker Bote angesichts der Oden Klopstocks bemerkte. Aber sie müssen auf ordentlichen Füßen gehen, und Harald Hartung mag das Metrum am liebsten abzählbar, so wie man's einmal im Proseminar gelernt hat. Wenn es in der neueren Lyrik gänzlich Unmodernes, nämlich alkäische, sapphische, ja sogar asklepiadeische Strophen gibt, findet er das stets erwähnens- und meistens lobenswert. Auch die mächtig wieder in Mode gekommene Sonettform erfreut ihn, es sei denn, einer, etwa Günter Grass, treibe damit politischen Schindluder. Greift ein anderer, hier ist es Jan Wagner, gar zu einer der schwierigsten Formen der Lyrikgeschichte, zur Form der Sestine, so ist ihm der Beifall des Kritikers gewiß, auch wenn es bei den Reimen vernehmlich knirscht. Umgekehrt verhält es sich mit dem freien, eigengesetzlichen Vers: Da dieser seine Gestalt nicht in der Nachahmung der Tradition findet, müßte seine poetische Notwendigkeit sich selbst erweisen, müßte ihm folglich das Handwerk am deutlichsten abzulesen sein. Hartung aber schweigt sich über dieses Thema hörbar aus, der freie Vers scheint dem Kritiker eher verdächtig: leicht vermutet er funktionslose Wort- und Zeilenbrüche, konstatiert er bloß Flattersatz oder abgeteilte Prosa usw. Hartung hält sich nicht damit auf, solche Urteile zu begründen. Einmal beruft er sich aber auf Carl J. Burckhardt, der einst, selbst schon in hohem Alter, einen jungen Dichter fragte, „warum die heutigen Lyriker Prosa, anstatt fortlaufend, übereinander schreiben“, also in freien Rhythmen. Burckhardt war ein hoch angesehener Historiker und Diplomat, ein hochgebildeter Bürger mit konservativer Überzeugung, aber er war in poetologischen Fragen Dilettant. Es ist zwar das Vorrecht des Dilettanten, sich ans Bewährte halten zu dürfen. Wenn aber der Kritiker, statt sein Urteil zu begründen, sich auf den Traditionalismus des Dilettanten beruft, stehen alle Maßstäbe auf dem Kopf, es sei denn, der Kritiker wolle bewußt eine Lanze für den Traditionalismus brechen. In diesem Fall wäre jeder Verdacht gegen den freien, eigengesetzlichen Vers nachvollziehbar: steht dieser doch, seit seinem Ursprung im 18. Jahrhundert, in einem unmittelbaren Konnex mit der Aufklärung und dem frühen, revolutionären Idealismus, mit Empfindsamkeit und Sturm und Drang, tritt er doch ein für Freiheit, Subjektivität, Autonomie. Es liegt etwas Widerständiges und Aufrührerisches im freien Vers, und das gilt historisch nicht bloß im poetologischen, sondern auch im politischen Sinn. Wie alle handwerklichen Mittel, kann auch der freie Vers überstrapaziert, abgestumpft und konventionell werden. Er kann auch – um hier nicht optimistischen Fortschritts- und melancholischen Verfallstheorien das Wort zu reden – künstlerisch überboten werden. Man öffne nur die jüngsten Werke von Friederike Mayröcker, wo die experimentierfreudige Dichterin die Grenzen der Poesie zur Prosa sprengt und Verse ohne Zeilenbruch fortlaufend drucken läßt. Harald Hartung mag im Einzelfall mit seinen kritischen Einwänden gegen den freien Vers Recht behalten. Er kann genauso unangemessen sein wie die Sonettform. Es war ohnehin irreführend, den Leser glauben zu machen, man könne vom Stoff des Gedichts zu seiner Form und damit zum Handwerklichen übergehen, so wie man von einem Raum zum andern hinübergehen kann. Die Linie, die den Stoff des Gedichts von seiner Form trennt, ist keine überschreitbare Grenze, sie ist eine Spiegelachse. In dem, wie ein Gedicht gemacht wird, muß sich spiegeln, was es sagen will. Wenn etwa der Vers klappert, vielleicht bloß um des Reimes willen, ist das Gedicht ebenso verfehlt, wie wenn es sich um Flattersatz ohne formalen Sinn handelt. Gedichte sind Gebilde, die dem Sinn für Formen entspringen und durch Form den Sinn hervorbringen. „Dies ist ein Reim, doch ein Gedicht, ist, was sich reimt, noch lange nicht“, schrieb Oskar Loerke einmal nieder.

Harald Hartung weiß, was ein Gedicht ist, obwohl er dieses Wissen in der methodischen Anlage seiner Rezensionen verfehlt. Man sieht es aber an den Zitaten: die Kunst des Zitierens beherrscht dieser Kritiker völlig. Ihm sind Zitate nicht nur Belegstücke. Sie sind der Ort, wo die Dichter selbst zu Wort kommen, und der Kritiker Hartung läßt sie zu Wort kommen, ohne sie zu übertönen: sie bleiben als Zitat Gedicht. Dabei riskiert er, daß die zitierten Verse einem Leser etwas anderes sagen, als Hartung in ihnen erkannt hat und mit ihnen ggf. beweisen will. Diese Achtung vor der Mehrschichtigkeit der im Gedicht Form gewordenen Sprache ist sein Ausweis für den Beruf des Kritikers. Sie setzt sich selbst dort durch, wo Hartung, selten genug, eindeutig Verrisse schreibt: auch hier geben die Zitate einen Eindruck von der Gestalt der Gedichte, nicht bloß eine Karikatur. Leider hat Hartung den wenigen Verrissen nicht eine einzige Lobrede gegenübergestellt, die einem Werk gölte, das nicht schon breite Anerkennung gefunden hat. Es ist kein Risiko, eine neue Auswahl aus dem Gesamtwerk von William Carlos Williams zu preisen. Viele seiner Texte sind wahrhaft Musterstücke der Anthologien und auch deutschen Lesern seit langem bekannt. M.a.W.: Williams ist beinahe schon ein Klassiker – da braucht es kein: Ecce poeta! Hartung ist im Urteil fast immer zurückhaltend, wägt verschiedene Standpunkte ab, ohne ausdrücklich zu einem Schluß zu kommen. Unterschwellig wird der Leser schon empfinden, was Hartung gefällt und was nicht. Aber ganz klar drückt der Kritiker sich ungern aus. Manchmal hat man den leisen Verdacht: Hartung möchte nicht gern einmal derjenige gewesen sein, der den Dichter in seiner Zeit nicht gesehen hat – und deshalb hält er seinen Urteilen ein Schlupfloch offen.

Harald Hartung macht kein Hehl daraus, daß er für politische Lyrik, für die sogenannte engagierte Poesie nicht viel übrig hat. Sie rangiert für ihn nach der experimentellen und konkreten Poesie an letzter Stelle. Diese hat er anfangs noch vereinzelt besprochen, wenn auch mit deutlichen Vorbehalten, jene kommt, obwohl Hartung in seinen Rezensionen häufig politisch argumentiert, als aktuelle Möglichkeit überhaupt nicht vor. Mag sein, daß es sich ohne die Themen von Liebe und Tod … schwerlich dichten lasse. Aber das heißt doch nicht gleich, daß Herzschmerz das einzige Thema der Poesie wäre. Es gibt ja auch für Hartung noch das Gespräch über Bäume, die Naturlyrik, es gibt sogar das Erhabene zu besingen, auch große Vorgänger in Dichtung, Kunst und Wissenschaft wollen im Gedicht gerühmt sein – Petrarcas Besteigung des Mont Ventou ist freilich nach Hartung schon reichlich oft bedichtet worden –, es gibt die Welt der Dinge, des Seins, der Maschinen, der Kybernetik und der Sprache als Thema des Gedichts. Schließlich gibt es den christlichen Glauben und die Religion mit ihren eigenen Hoffnungen und Tröstungen, es gibt sogar die Faszination des Bösen, und es gibt, ein für den deutschen Bürger schwieriges Gelände, den Humor, der alles in sein skeptisches Licht taucht. All das findet in Hartungs Rezensionen Platz. Daß es also politische Lyrik, die auch in der deutschsprachigen Tradition, freilich oft angefochten, stets zu Wort gekommen ist, in den letzten 30 Jahren überhaupt nicht gegeben haben sollte, ist eher unwahrscheinlich. Sollte der Stimme des Menschen, wenn er sich auseinandersetzt mit den irdischen Mächten, die über sein Leben, seine Existenz schicksalhaft zu entscheiden vermögen, sollte seinem Widerwort dagegen, bloß Verfügungsmasse zu sein, sollte seinem Verlangen nach Freiheit und Selbstbestimmung das Ausdrucksmittel der Poesie versagt sein?

Harald Hartung · Heinrich Detering (Hg.)
Die Launen der Poesie
Deutsche und internationale Lyrik seit 1980
Wallstein
2014 · 376 Seiten · 24,90 Euro
ISBN:
78-3-8353-1380-4

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