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Kritik

Bingo spielen in der Disco

"Flarf Disco" von Hartmut Abenschein, erschienen in der edition taberna kritika, ist wieder so eines von diesen Büchern, die freundlicherweise alles Wissenswerte über sich im Titel tragen, ...
Hamburg

...handelt es sich doch um einen Band mit Flarf Poetry, und das Material, das verflarft wird, sind die Titellisten aller bisherigen spex-Beilagen-Tonträger. Zur gegebenenfalls nötigen, raschen Aufhellung der Begriffe "Flarf" und "spex" zitieren wir zweimal Wikipedia (und heben jeweils eigenmächtig den entscheidenden Halbsatz hervor):

Flarf poetry is an avant-garde poetry movement of the early 21st century. The term Flarf was coined by the poet Gary Sullivan, who also wrote and published the earliest Flarf poems. Its first practitioners, working in loose collaboration on an email listserv, used an approach that rejected conventional standards of quality and explored subject matter and tonality not typically considered appropriate for poetry. One of their central methods, invented by Drew Gardner, was to mine the Internet with odd search terms then distill the results into often hilarious and sometimes disturbing poems, plays and other texts.

Spex is a prominent German rock and pop culture magazine located in Berlin, Germany. Besides music news, Spex also covers literature, cinema, fashion and contemporary social trends. Since January 2008, Spex is headquartered in Berlin and includes an audio CD.

Ob man nun mit "Flarf Disco" etwas anfangen kann oder nicht, hängt stark davon ab, wieviel man diesen beiden Zutaten anfangen kann - wobei es wirklich beide benötigt. Zwar behauptet das "Intro" betitelte Vorwort aus der Feder von Benedikt Sartorius das Gegenteil - man käme, so steht dort sinngemäß, bei der Rezeption der sechs Kapitel von "Flarf Disco" durchaus ohne Popdiskurs-Referenzkatalog im Hinterkopf aus, ohne tieferes Wissen über die Geschichte der "spex" - aber das stimmt leider überhaupt nicht.

Sartorius ist soweit Recht zu geben, als Flarf im Endergebnis antidiskursive, "in sich ruhende" Gebilde generiert, an denen gerade das interessant ist, was sich gegen das Diktat des "Wohlgefügten" und des wie auch immer "Richtigen" sträubt. Gleichwohl aber muss das konkrete Ausgangsmaterial von irgendwo kommen. Damit Flarf Sinnzusammenhänge und diskursive Übereinkünfte triumphal suspendieren kann, müssen erst einmal welche vorhanden sein, und wichtiger, ich, der Leser, muss mir ihrer bewusst sein, um den Effekt ihrer Abschaffung und/oder Transformation würdigen zu können, von dem Flarf wesentlich lebt. Ohne solches Bewusstsein bin ich bei dieser Lektüre in den Dark-Room der Flarf Disco verwiesen - und tappe im Dunkeln, in der blinden Hoffnung, Erregendes zu greifen zu bekommen.

Um es kurz zu machen: Gelegentlich im Laufe von Flarf Disco gelingt (mir) ein solcher Glücksgriff; ein Text tut sich in seiner Absurd- und Fremdheit auf, entfaltet irgendeine Form von Präsenz - noch dazu (und deshalb "Glücksgriff") in jedem Fall eine Präsenz, die sich bloß aufgrund üblicher poetischer Prozesse, Verfahren und Maßstäbe (s.o.: "Qualität", "Sinn") nicht ergeben hätte können. Dies geschieht gelegentlich. Nicht oft.

Ich zweifle nicht daran, dass diese Texte lustiger sind, wenn man die Kunst des Zitatzuordnens in Hinblick auf deutsche Pophitparaden seit dem Jahre Schnee instinktiv beherrscht. Es gibt Texte in Flarf Disco, die man sich in einer Live-Lesung von Abendschein lebhaft vorstellen kann und möchte; das Gelächter von fünf Eingeweihten an den für sie vorgesehenen Stellen; das andere Gelächter hinwiederum der wirklich Eingeweihten an jenen anderen Stellen, zwei Takte nach den ersten... Die Anwesenheit einer Person des eigenen Vertrauens, die man ggfs. fragen kann: "Ist das ein Songtitel?" - "Nee." - "Aber das jetzt?" - "Ableitung des Bandnamens von..., in Verbindung gezwungen mit... Hihi..."

Der einzige Moment des Bandes, da ich Pop-Banause mich nicht darauf verwiesen fand, im Trüben-Kontextlosen zu fischen (und dabei auf die Gnade des zufälligen "Texts an sich" zu hoffen), machte mich sicherer: Ja klar war das lustig, und dabei unpoetisch nur aufs Poetischste:

ICH HABE DEN BRIEF

von gott an die menschen verloren

auf dem langen weg nach hause
auf dem fahrrad so blau
im zuviel unserer göttlichen definition
eines zusammenbruchs

unsrer rockigen köpfe
sag dass du zu mir gehörst
ich kann dich sehen
kannst du mich sehen

sag alles was du siehst
gehört dir
sag ade
sag denn man tau
zu den zwei silbernen bäumen
zu den venen am himmel

ich bin auch die welt des kindermädchens
sie ist einseltsames lautes tier und immer dort
wo man die sonne riecht

ich habs versucht
mein kleines nichts
mein affe sucht liebe
bis es kopfschmerzen macht
in kaskaden

mit schwarzen lippen sitzen wir
hinten im therapeutikon
neben den trümmerfrauen

dort machen wir parties
mit einem coolen feuerpfeil
für einen letzten aufgang der sonne

Aber lustig, poetisch-unpoetisch, also: mehr als ein bloßer Zeilensteinbruch konnte das für mich eben nur sein, weil ich zufällig wusste, worauf "affe sucht liebe" sich bezieht - welches im Einzelnen der Kontext ist, von dem diese spezielle Zeile des Textes sich freistrampelt. Nur deshalb konnte ich dann auch die anderen Zeilen als Austragungsort solchen Strampelns zur Kenntnis nehmen; die Inkongruenz von Kontext(en) und Text(en) besichtigen und mich freuen. Manches musste dabei ergoogelt werden (wie heisst eigentlich Reverse-Engineering, angewandt auf Lyrik?); manches konnte man spasseshalber stehenlassen und gut wars...

Flarf funktioniert als Protest gegen zuviel Kontext und zu pompöse Sinnträgerei. Dabei perpetuiert er im Ernst die Kontext- und Sinn-Felder, die er im Spiel suspendiert. Hartmut Abendscheins "Flarf Disco" ist in dieser Hinsicht guter Flarf. Wenn denn "guter Flarf" eine mögliche Aussage sein sollte.

Hartmut Abendschein
Flarf Disco.
Mit einem Intro von Benedikt Sartorius
edition taberna kritika
2015 · 14,00 Euro
ISBN:
978-3-905846-34-8

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