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10 Jahre Wortschau, Literaturzeitschrift
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10 Jahre Wortschau, Literaturzeitschrift
Kritik

Wissenschaft und Technik im Einklang mit der eigenen Biografie

Hamburg

Auf der Toilette sitzend durchstöbere ich eines meiner Bücherregale und ziehe nach längerer Zeit mal wieder Helge Schneiders 1992 erschienene Autobiografie "Guten Tach. Auf Wiedersehn." hervor. Schneider war da erst 37 Jahre alt, also ein bisschen jung vielleicht (auch wenn heutzutage minderjährige Musiker bereits den zweiten Teil ihrer Autobiografie auf den Markt bringen), aber der damals unter "Die singende Herrentorte" firmierende Künstler fand auf dem Umschlag des Buches eine (für seine Verhältnisse) schlüssige Begründung für das Buch: Die Idee zu dem Buch kam mir, weil ich dachte, hier, das Buch zur Person. Es gibt das Buch zum Film, die Seife zur Schallplatte, den Film zum Auto, das Getränk zum Buch usw., und viele machen so was. Heute, zwanzig Jahre später, boomen Biografien und vor allem Autobiografien noch immer. Nahezu jeder Prominente findet einen Anlass (einen runden Geburtstag, eine medienwirksame Rolle, schlimmstenfalls das vierte Best-of-Album, bestenfalls der Golden Globe oder Oscar), um über sein Leben zu schreiben oder schreiben zu lassen.

Auch im Bereich der Literatur ist es Usus, einem einen Autor betreffenden Ereignis, zumeist ist dies (wenn es nicht gerade der Tod ist) eine hochrangige Auszeichnung, schnellstmöglich ein neues Buch folgen zu lassen, um Sticker wie "Shortlist", "Nobelpreisträger" oder "Bachmann-Preis" verkaufsfördernd platzieren zu können. Schnell zu reagieren ist da oberste Pflicht, und auch die Lyrikedition 2000 hat schnell reagiert: Ende November 2012 erhielt Hartwig Mauritz den Dresdner Lyrikpreis, schon wenige Wochen später prangte ein Stern mit entsprechendem Hinweis auf seinem neuen Gedichtband "rumor der frösche auf den dünnen flächen der physik".

           Es gibt Verlage, die gerade im Bereich der Lyrik ihr Risiko zu minimieren versuchen, indem sie ausdrücklich und ausschließlich mit Preisen dekorierte Autoren veröffentlichen; Autoren, von/bei denen sie sich gewisse Verkaufszahlen und/oder finanzielle Förderung durch Stiftungen erwarten/erhoffen. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, Verlage sind Firmen und ein jeder Firmenchef ist seines Kontos Schmied. Beim neuen Gedichtband von Hartwig Mauritz aber war dies anders und die Auszeichnung nur die Sahne auf dem lange zuvor bestellten Eis, denn das Erscheinen des Buches stand lange fest, bevor Autor oder Verlag auch nur ahnen konnten, dass er bei der Endrunde in Dresden dabei sein oder gar gewinnen würde. Zudem ist es nach "biotope" von 2008 bereits Mauritz’ zweiter Lyrikband bei der aktuell von Florian Voß herausgegebenen Lyrikedition 2000.

Hartwig Mauritz und seine Gedichte lernte ich im vergangenen Jahr beim Lyrikpreis Meran kennen. Wenn er dort auch keinen Preis erhielt, so zeigten sich Jury und Publikum doch einhellig beeindruckt von seiner der Wissenschaft und Technik verpflichteten Lyrik, und auch mir imponierte, wie gehaltvoll seine Gedichte über Strom und Schallwellen, über Licht und Klänge daherkamen, selbst für einen absoluten Techniklaien wie mich. Mehr als gekonnt verknüpfte der 1964 geborene Mauritz in seinen vorgetragenen Gedichten fachliche, technische Information mit geschichtlichen Begebenheiten und der eigenen Biografie:

1967

nach zwanzig uhr zucken szenen, treiben augen übers glas
im vakuum nachrichten, filme brechen den abend im kathoden
strahl zu lichtspielflimmern. der ton trifft manchmal nicht das bild
der landkarten ost und west. wie teilt man ein land auf in satelliten
antennen, berge, brocken. wie teilt man die luft auf über dem draht
und vater sieht nicht fern in andere kriege: hubschrauber, palmen
klagemauer, führt den eigenen noch im schlaf bricht feuer aus
zerbricht die waffe in der hand des dreijährigen. der spielt figuren
die das licht benennen hinter glas. vor daktari und kurras’ schuss
schützt ihn das fernsehzimmer, wo die erwachsenen kinder sitzen
bilder essen. nur mutter dreht am knopf und zieht das licht
aus dem gesicht der kinder, die den raum mit stimmen füllen
ihre blicke ziehen ihn zurück ins kinderzimmer, malen weiter
an dem film. über houston läuft greifbar schon der mond.

Hartwig Mauritz versteht sich darauf, in seinen Gedichten Wissen zu vermitteln oder zumindest auf Zusammenhänge neugierig zu machen. Klingt nach Lehrer? Kein Zufall, denn in der Tat arbeitet Mauritz nach seinem Studium der Elektrotechnik und anschließender wissenschaftlicher Beschäftigung an der Universität Wuppertal seit vielen Jahren als Lehrer an einem Berufskolleg und unterrichtet dort in technischen Fächern – zwar unwahrscheinlich, dass er während des Unterrichts eigene Gedichte oder überhaupt Gedichte einstreut, aber mir für meinen Teil hätte das sicherlich mehr gebracht als das, was mein ehemaliger Physiklehrer so von sich gegeben hat...

So sehr Hartwig Mauritz es augenscheinlich mag, sein Wissen um Persönlichkeiten wie Paul Nipkow, Nicola Tesla oder Guglielmo Marconi (die mir dank Appendix nun auch was sagen) in seine Lyrik mit einfließen zu lassen: Er kann auch ganz anders. Stimmungsvoll seine im Kapitel "Museum abgelegter Haut" festgehaltenen Eindrücke einer Ägyptenreise und die sehr persönlichen Gedichte des Kapitels "Körperbilder", denen die Widmung des Buches an seine Frau geschuldet sein dürften.

"rumor der frösche auf den dünnen flächen der physik" ist der eindrucksvolle Beweis, dass Gedichte eine große Portion Inhalt vertragen und transportieren können, ohne trocken, langwierig oder gar langweilig sein zu müssen. Hut ab!

Hartwig Mauritz
rumor der frösche auf den dünnen flächen der physik
Lyrik Edition 2000
2012 · 84 Seiten · 8,50 Euro
ISBN:
978-3-869064864

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