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Kritik

Der schwarze Faden

Heiner Müllers gesammelte Gedichte
Hamburg

„Ich glaube, mein stärkster Impuls ist der, Dinge bis auf ihr Skelett zu reduzieren, ihr Fleisch und ihre Oberfläche herunterzureißen.“ Dieses bekannte Zitat von Heiner Müller stammt aus einem Interview von 1982.Obwohl er damit vor allem das Stückeschreiben und hier speziell die Hamletmaschine meinte, scheint dieser Impuls vor allem in einem kurzen Gedicht verdeutlicht, das Müller nur ein Jahr zuvor geschrieben hatte.

ZAHNFÄULE IN PARIS

Etwas frißt an mir

Ich rauche zu viel
Ich trinke zu viel

Ich sterbe zu langsam

Gerade einmal fünf Zeilen brauchte Müller, um sich selbst die Oberfläche herunterzureißen, seine gesundheitlichen Problem auf ihr Skelett zu reduzieren. Auslöser für dieses so unscheinbare Gedicht war eine simple Karies, die dem Dichter jedoch einmal mehr seine Sterblichkeit vor Augen führte. Das Ergebnis dieser Reflexion ist ein Selbstportrait, das in seinem Minimalismus so präzise und ehrlich ist, wie man nur sein kann. Heiner Müller, Whisky, Brille und Zigarre, führt ein selbstzerstörerisches Leben, dessen er sich bewusst war und das wiederum hat Stil. Nach außen ist Müller vielleicht der coolste Autor seiner Zeit, nach innen ist er so verletzlich wie die meisten. Vielleicht sogar noch verletzlicher, zumindest scheint er sich selbst zu fragen, wie sein Körper so lange durchhalten kann.

Neben der frühen kommunistischen Lyrik, den kommentierenden Reflexionen und Umdeutungen antiker Dramenstoffe, neben all den Gedankenexperimenten und -protokollen, die Heiner Müllers Lyrik so vielschichtig machen, sind es vor allem die Gedichte, die manchmal meditativ, meist aber analytisch um den Tod kreisen. Überzeugen kann man sich davon in dem jüngst erschienenen Band Warten auf der Gegenschräge, der Heiner Müllers lyrisches Werk erstmals umfassend versammelt. Herausgeberin Kristin Schulz, die 2013 Co-Herausgeberin der gesammelten Gedichte Thomas Braschs war, brachte hier eine Reihe noch unbekannter Texte und Entwürfe aus dem Nachlass zur Erstveröffentlichung.

Der Titel des Bandes verdankt sich jedoch einem bereits zuvor veröffentlichten Gedicht, das bezeichnenderweise DRAMA heißt und, im November 1995 geschrieben, zu den letzten Texten Müllers gehört.

DRAMA

die toten warten auf der gegenschraege
manchmal halten sie eine hand ins licht
als lebten sie eh sie sich ganz zurueckziehen
in ihr gewohntes dunkel das uns blendet

Allerspätestens seit Müllers Diagnosegedicht Herzkranzgefäß vom August 1992 verdichtet sich der schwarze Faden Tod in seinem lyrischen Werk so sehr, dass mit ihm der letzte Rest Leben zusammengezurrt werden soll. In DRAMA warten die Toten bereits, doch es ist noch Leben da, das Gefühl von Sonnenlicht auf der Haut, das zu den Dingen gehört, die man am liebsten für alle Ewigkeit mit sich führen möchte. Bei aller Analytik geht es in Müllers Lyrik bisweilen sehr einfühlsam, oft sogar mythisch zu. Das liegt vor allem an den Entstehungszeiten und -kontexten der Gedichte. So kann Müllers Sprache durchaus hymnisch, fast monumental werden, wenn er sich der Bearbeitung antiker Dramen widmet. Manche Gedichte, etwa Ödipuskommentar, Elektratext, Medeaspiel, sind hier, wie die Titel teilweise nahelegen, als Kommentare, Notate und spielerische Variationen der dramatischen Arbeiten zu verstehen.

Dank des umfangreichen Kommentars sowie der editorischen Notizen der Herausgeberin lässt sich Heiner Müllers lyrisches Werk als niemals abgeschlossener, stets im Wechselspiel mit anderen Texten sich befindender Prozess verstehen. So ließ Müller zwischen erster Niederschrift und Veröffentlichung mancher Gedichte Jahrzehnte vergehen und nahm selbst dann noch Korrekturen vor, wenn ein Text bereits gedruckt vorlag. Der Vergleich verschiedener Versionen und Entwürfe macht die Auseinandersetzung mit Müllers Lyrik besonders reizvoll, erschwert jedoch die editorische Arbeit immens. Um dennoch einen ungefähren Eindruck von der „Flut an Notizen und Entwürfen von 36 laufenden Metern innerhalb des Archivs“ zu bekommen, wurden in Warten auf der Gegenschräge ausgewählte Manuskriptseiten faksimiliert wiedergegeben bzw. besonders stark vom gedruckten Text abweichende Versionen im Anhang veröffentlicht.

Es wird dem Leser also viel Material und Information an die Hand gegeben, um die lyrische Arbeit und das lyrische Arbeiten Heiner Müllers einordnen zu können. Von „Verstehen“ soll bewusst keine Rede sein, da Müller selbst sich gern vorstellte, seine Lyrik werde als Flaschenpost zu seinem Leser kommen und ihm für sein Leben irgendwie brauchbar sein. Es bleibt zu hoffen, dass diese 670-seitige Flaschenpost von möglichst vielen gefunden werden wird.

Heiner Müller
Warten auf der Gegenschräge
Gesammelte Gedichte
Suhrkamp
2014 · 675 Seiten · 49,95 Euro
ISBN:
978-3-518-42441-4

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