Anzeige
x
Kritik

Von Petrarca bis Sinatra

Heinrich Detering analysiert Bob Dylans Spätwerk
Hamburg

13.10.2016
Nobelpreis für Literatur für Bob Dylan

Ob es Bob Dylan im Regalmeterranking der Sekundärliteratur schon unter die weltweiten TopTen hinter Shakespeare, Kafka und Co. geschafft hat, ist nicht bekannt. Doch es scheint zum Leben eines Nobelpreisdaueranwärters zu gehören, dass ihm ein ganzes Heer von Literaturwissenschaftlern folgt, das sich mit Dylans Werk fast besser auskennt als Dylan selbst. Der Göttinger Lyriker und Literaturprofessor Heinrich Detering gehört zu diesem Heer. Auch wenn seine Publikationen über den Songwriter sich in Grenzen halten, gilt er doch als ausgewiesener Dylan-Experte.

Diesem Ruf wird Detering auch mit seinem neuesten Buch gerecht. In Stimmen aus der Unterwelt widmet er sich ganz dem Spätwerk Dylans, das Detering vor allem als Ansammlung und Variation klassischer Mysterienspiele versteht. Eine Lesart, die Dylan selbst legitimiert, wenn er sagt: „These songs of mine, I think of them as mystery plays.“ Dabei wissen die zahlreichen Dylan-Deuter weltweit, dass in ihrem Falle keine Quelle so unsicher ist wie Dylan selbst.

Der Beginn von Dylans Spätwerk lässt sich laut Detering eindeutig auf den 11. September 2001 terminieren. Jenem Tag also, als der Musiker mit „Love and Theft“ sein 31. Studioalbum veröffentlichte und die Welt den Atem anhielt. Und als sie wieder Luft bekam, ließen die Rufe der Kritiker nicht lange auf sich warten. Das Wort, das in jenen Tagen am liebsten gegen „his bobness“ ausgerufen wurde (und teilweise noch immer ausgerufen wird): Plagiat! Ein Vorwurf, den Detering jedoch bereits im Vorwort entkräften kann.

„Dylan zitierte …, er montierte und collagierte, dass seinen Hörern und Lesern Hören und Sehen verging. Die Entdeckung, dass er sich auch in seinem vielgerühmten autobiographischen Bericht … Chronicles Vol. I, …, aus diversen literarischen Quellen bediente, von Marcel Proust bis zu Jack London und Mark Twain, war danach nicht einmal mehr sonderlich überraschend. Dass aber auch eine ganze Reihe von scheinbar spontanen Äußerungen in Interviews der letzten Jahre wörtlich aus Romanen Jack Londons oder aus den antiken Satiren des Juvenal übernommen sind – das deutete an, mit welcher unheimlichen Konsequenz Dylan sein Verfahren durchhielt.“

So lernt man von Detering, dass Dylan seit „Love and Theft“ im Prinzip die gesamte Tradition des amerikanischen Songwritings mit seiner persönlichen Lesebiografie zusammendenkt, diese mal mehr oder weniger stark durch seine Biografie filtert und so letztlich neue Songs arrangiert. Von Petrarca bis Sinatra, von Shakespeare (vor allem Shakespeare!) bis hin zu Bertolt Brecht (der bekanntlich ebenfalls ein großer... Monteur war); auch wenn in den Songs seit 2001 mitunter keine einzige Zeile mehr von Dylan selbst stammt, so sind es doch unverkennbar Dylan-Songs, denen sozusagen eine generierte Zeitlosigkeit, ähnlich der von Mysterienspielen, anhaftet. So kommt es in ihnen schon mal vor, das Helden der Antike im Wild-West-Setting Hobo-Dramen erleben und Shakespeareschen Widersachern vor biografischem Dylan-Hintergrund erliegen.

Anhand überaus detaillierter Analysen verdeutlicht Detering die weitreichende Verzweigung des „Komplex Dylan“ und auch, dass die Entwicklung zu dieser Art Spätwerk bereits in den Songs und Verfahren des jungen Bob angelegt war. Die akademische Gewissenhaftigkeit, mit der Detering dabei vorgeht, driftet jedoch allzu oft und allzu sehr ins Detailversessene ab und unterstreicht damit den Charakter des Buches als wissenschaftliche Fachpublikation, weniger als essayistisches Lesebuch für Dylan-Fans (wohl aber Dylan-Nerds). Das macht Deterings faktisch hochinteressantes Buch leider nicht immer zu einem spannenden Lesevergnügen. Tipp: Lesepausen mit viel Musik einlegen.

Heinrich Detering
Die Stimmen aus der Unterwelt
Bob Dylans Mysterienspiele
Das Werk ist Teil der Reihe: (Edition der Carl Friedrich von Siemens Stiftung)
C.H. Beck
2016 · 256 Seiten, 24 Abb. · 19,95 Euro
ISBN:
ISBN 978-3-406-68876-8

Fixpoetry 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge