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Illustration von Judith Sombray
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Illustration von Judith Sombray
Kritik

Ins Herz der Finsternis

Heinz Strunk reist mit „Der goldene Handschuh“ in die Welt eines Hamburger Serienmörders. Eine Gegend, in die man nicht will.
Hamburg

Nominiert Leipziger Buchpreis 2016 - Belletristik
Wilhelm-Raabe Literaturpreis 2016

Es fängt zwar mit einem Leichenfund an, aber es dauert sehr lange, bis der erste Mord geschieht, und es ist nicht einmal klar, obs einer ist. Es dauert auch sehr lange, bis der Name des Mörders fällt. Bis dahin ist immer nur von Fiete die Rede. Und es ist lange unklar, ob Fiete oder einer der anderen Besessenen der Serienmörder ist, von dessen Existenz jeder Leser weiß, der den „Goldenen Handschuh“ in die Hand nimmt.

Der goldene Handschuh ist eine Kneipe im Hamburger Stadtteil Sankt Pauli, der früher für die größte Vergnügungsmeile Deutschlands stand, und noch nicht für einen aufmüpfigen Fußballverein. Wirt ist ein ehemaliger Preisboxer, Herbert, dem es zu verdanken ist, dass es hier kaum zu Schlägereien kommt, zumindest solange er selbst da ist und nicht Anus zum Beispiel, der die anderen Dienste schiebt. Denn Der goldene Handschuh ist seit 1962 rund um die Uhr geöffnet.

 

 

Hier strandet so ziemlich alles, was nirgends anderswohin kann, Säufer, der Bodensatz und alte Nutten, Leute, die keine Bleibe mehr haben, oder solche, die sich hier in aller Ruhe die Kante geben wollen. Junge Kerle wie der halbwüchsige Reedersenkel WH3, dem die heillose Geilheit aus der verpickelten Haut kommt und der mit seinen harmlosen Ausflügen nach Sankt Pauli renommieren will. Oder der Jurist Karl, der auf der Suche nach neuen Opfern ist. Oder die Schimmeligen, die im Hinterzimmer vom Goldenen Handschuh hocken und sich selten hervortrauen. Sie sehen so aus, wie sie genannt werden. Oder Rolli, der der im Rollstuhl sitzt. Oder die Leiche, oder Soldaten-Norbert, oder Fanta-Rolf, oder Tampon-Günter. Die alle so heißen, weil es einen Grund gibt, sie so zu nennen.

Oder eben der Schiefe, der seit neuestem den Spitznamen Fiete hat. Fiete findet er gut, denn er hat noch nie einen Spitznamen gehabt, und dann so einen, der sympathisch klingt.

Aber Sympathie spielt keine große Rolle im „Goldenen Handschuh“. Hier geht’s um den Suff und um nichts anderes. Hier sitzen welche, die nirgends anderswo sitzen und saufen können. In dieser Welt gibt es viele Wörter für den Suff, den Schmiersuff zum Beispiel, der mit besoffen sein nichts mehr zu tun hat. Und der einen Zustand bezeichnet, in den man nicht geraten will.

Fiete ist Stammgast im Goldenen Handschuh, wie die anderen auch, die hier zumeist sitzen. Zufallsgäste gibt es kaum, und wenn dann kaum lange. Immer wieder kommen Frauen in den Goldenen Handschuh, die eine Bleibe suchen, die man hier finden kann. Denn trotz Suff sind alle hier darauf aus. Frauen kann man hier gut kennenlernen, heißt es am Anfang von Strunks Geschichte um den Goldenen Handschuh. Wenn man diese menschlichen Wracks noch Männer und Frauen nennen will. Man will nicht, aber sie sind es.

Fiete hat eine lange Geschichte. Er ist von Sachsen herübergekommen und kam bei einem Bauern unter, der ihn erst wie einen Gefangenen behandelte und dann, als er flieht, fast umbringt. Halbwüchsig wird er vergewaltigt. Danach ist es nicht mehr weit bis zum Goldenen Handschuh.

Er versucht auf die Füße zu kommen, er arbeitet, bis zum Unfall, danach wird er Nachtwächter, und alles läuft gut. Er gibt sich Mühe. Versucht sogar die freie Zeit wie solche Leute zu verbringen, die freie Zeit nicht im Goldenen Handschuh totschlagen. Er macht Ausflüge, er lässt seine Uniform reinigen. Er lernt sogar eine Frau kennen, von der er glaubt, dass sie sich interessiert für ihn und ihren lahmen Alten so schnell wie möglich loswerden will. Fiete hat Sehnsucht.

„Er stellt sich eine andere Welt vor, in der er selbst jung und gesund und sein Atem angenehm ist und er seiner nach Rosen duftenden Frau mit reiner Haut, schönem Gebiss, einem makellosen Körper den Himmel auf Erden bereitet.“ Dieser Fiete, mit bürgerlichen Namen Fritz Honka, der wahrscheinlich vier Frauen ermordet und ihre Leichen zerstückelt in seinem Haus versteckt hat, der von Gewaltfantasien überwältigt wird und sich schlimmer als Adolf Hitler nennt, dieser Fritz Honka liebt die Frauen, er verzehrt sich nach ihnen, er will sich für sie aufopfern. Strunk nennt das ein „katastrophisches Glücksverlangen“, das ihn bezwingt und das ihn antreibt.

Er schleppt Frauen ab, die bei ihm wohnen, Gerda, ist die erste, Herta, Frida, Ruth folgen, die er unterschreiben lässt, dass sie keinen eigenen Willen haben, die schmutzig sind, alt, verbraucht, versoffen, an denen er sich abarbeitet, mit einem Kochlöffel, einer Bockwurst, die dann abbricht und steckenbleibt. Die sein gewalttätiges Gedankenkino antreiben. Sie explodieren zu lassen, zum Beispiel. Und die er schließlich umbringt, in der Wut, in der Konsequenz all seiner Gedanken.

Heinz Strunks „Der goldene Handschuh“ ist ein wüstes Buch, sprachlich konsequent und genau, mit jener Präzision, die die Welt dieses Fritz Honka entwirft, ohne sich ihr zu ergeben. Dass dabei der Serienmörder, der in der Linie eines Fritz Haarmann und Jürgen Bartsch steht, gar nicht so singulär ist, zeigen die Parallelgeschichten, die sich im Goldenen Handschuh treffen, obwohl sie sonst nichts gemein zu haben scheinen. Die Reederswelt und die von Fiete und Seinesgleichen.

Aber soweit sind sie nicht voneinander weg. Wir wissen nicht, was aus WH3 wird, nachdem er klatschnass gepisst wurde, während oben seine Angebetete wartet. Wir wissen auch nicht, ob jener Karl von Lützow nicht doch irgendwann zu weit geht. Sie alle eint, dass sie Frauen hassen und dass sie ihre Gewaltfantasien an ihnen festmachen.

Strunk lässt das unverbunden nebeneinander stehen, er wechselt zwischen ihnen, beinahe ohne Motivation, er ist seinen Figuren dicht auf den Fersen. Aber er bewertet nicht, er zeigt. Und er lässt sprechen. Rollis Juckanfälle könnten sprechender kaum sein. Sie überkommen ihn, von links unten anfangend, überziehen seine Haut, dass er sich hemmungslos zu kratzen beginnt, überall, wo er hinkommt, und überall, wo er nicht hinkommt. Das treibt ihn voran, ohne dass er sich dagegen wehren kann oder will, er will nur dass es aufhört und er tut sich alles an, damit das passiert, damit das endlich im Schmerz endet, der wie eine Erlösung ist.

Keine Frage, diese Menschen sind Opfer, ihrer selbst und dessen, was ihnen angetan wurde. Sie gehören nicht hinter Gitter, sondern in Betreuung. Der Mörder Fritz Honka ist so schuldig, wie man nur schuldig sein kann. Er tut denen, die noch schwächer sind als er, Gewalt an. Aber er gehört trotzdem nicht verurteilt.

Strunk lässt uns in einen Abgrund blicken, der uns näher ist, als wir nur hoffen können. Wir müssen, wollen wir nicht hineinstürzen. Ekel ist erlaubt, Widerwillen auch, aber eben kein Urteil.

Heinz Strunk
Der goldene Handschuh
Rowohlt
2016 · 256 Seiten · 19,95 Euro
ISBN:
978-3-498-06436-5

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