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Gertrud Kolmar Preisverleihung
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Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

Stimme aus dem Fuchsbau

Hamburg

Ach, die Zeiten sind schlecht: Die Verlage sind in der Krise, ebenso die Buchhändler und die Literatur gleich auch. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, dass sich der Buchmarkt vollständig in der Hand irgendeiner Goliath-corporation befindet, die schlampig produzierte Bücher zu Dumpingpreisen an funktionale Analphabeten verkauft, um danach die exorbitanten Gewinne unter ihren Aktionären aufzuteilen, damit die sich dann von Zeit zu Zeit ein wirklich gut gedrucktes und gebundenes Buch als Statussymbol zu hohen Preisen kaufen und ins Regal stellen (oder auf den Kaffeetisch legen) können.

Dieses Lamento ist wahrscheinlich nicht viel jünger als die Erfindung des Buchdrucks – aber dadurch nicht unbedingt wahr. Denn natürlich müssen sich die erleichterten Produktionsbedingungen für Bücher nicht zwangsläufig mit dem sinnfreien Geldvermehrungswillen einer Aktionärsversammlung paaren; man kann sie auch mit den altmodischen Verlegertugenden „Liebe zur Literatur“ und „Wille zur Selbstausbeutung“ zusammenbringen. Was dabei herauskommt zeigt sich in unserer Zeit nirgends so schön, wie an einer Reihe von kleinen Gedichtbänden, Heftchen im besten Sinne des Wortes, die von verschiedenen Verlagen in immer größer werdender Zahl herausgegeben werden und dazu beitragen, aufregende neue und vergessene Lyrik unter das Volk zu bringen. Gemeinsam ist ihnen neben der bedauerlichen Tatsache, dass sie dem Großfeuilleton weitgehend verborgen zu bleiben scheinen, die Kombination moderner Technik wie Internetvertrieb und Digitaldruck mit gediegener, liebevoller Herstellung der zum Teil gar handgebundenen Bücher bei dennoch bezahlbaren Preisen.

Zu diesen Verlagen gehört der hochroth-Verlag, der mittlerweile in Berlin, Budapest, Riga, Paris und Wien ansässig ist (ein Ende seiner Verbreitung ist nicht abzusehen) und in schmalen, 20-60 Seiten starken Bändchen hauptsächlich Lyrik verlegt, die man anderswo vergeblich sucht: zweisprachige Ausgaben zeitgenössischer lettischer, griechischer, französischer und maltesischer Gedichte etwa., aber auch deutschsprachige Lyrik mit und ohne Übersetzungen.

In dieser Reihe ist soeben der Band „Chaque pierre orpheline“ mit Gedichten der 2013 verstorbenen Dichterin Helga M. Novak erschienen. Er versammelt 16 von Dagmara Kraus ausgewählte Gedichte mit französischen Übersetzungen von Elisabeth Willenz zum hochrothüblichen Preis von 6 Euro.

Lohnt es sich, einen solch schmalen Band mit Gedichten zu kaufen, die allesamt schon in anderen Ausgaben von Novaks Gedichten zu finden sind? Es lohnt sich. Zum einen aus ästhetischen Gründen: die sorgfältige Bindung, das gute Papier, das Format – es ist ein Vergnügen, diesen Band in der Hand zu halten (und ich will nicht ausschließen, dass die Bände dieser Reihe in einigen Jahrzehnten gesuchte Antiquariatsartikel sein werden). Zudem ist es immer interessant, meine eigene Lektüre von Gedichten in meiner Muttersprache an einer Übersetzung zu überprüfen, zum Beispiel hier:

Sommerzeit

Sommerzeit
die Hähne schrein zur selben Zeit
Winterzeit
die Sauen schrein zur selben Zeit

...

heure d´été

heure d´été
heure du cris des coqs
heure d´hiver
heure du cris des truises

...

Und natürlich die Auswahl: Aus dem großen Werk Helga M. Novaks auszuwählen, ist eine schwierige Aufgabe. Kraus löst sie, indem sie gar nicht erst versucht, die Auswahl repräsentativ sein zu lassen. Der „Findling“, den sie uns präsentiert, legt hingegen Zeugnis ab von der selbstgewählten Einsamkeit der letzten Jahre der Dichterin, ihrem Leben nachdem sie „in einen Fuchsbau gesunken“ war. Dabei entsteht ein melancholisches, anrührendes, illusionsloses Bild dieses Lebens zwischen Erinnerungen („und wünsch mich in mein Land / wo ich solang als Mädchen war / dalag unter besseren Küssen“), Schilderungen ihres Eremitinnendaseins („ich ziehe der Pumpe einen Mantel an / aus Heu und mache ihr einen Gürtel aus Draht“), Flucht- und Todesgedanken („hier schlagen die Uhren aber keine geht / niemand reißt mehr ein Blatt vom Kalender / wegstehlen will ich mich / wie eine brandstiftende Königin / weg von ihrem eigenen lodernden Thron“) bis hin zu ganz unprätentiöser Illusionslosigkeit („mein Herz aber wird zerfallen schade“).

warum entdeckt denn keiner
die Schönheit meines Verfalls?

heißt es am Ende des Gedichts „Sommerzeit“. In dem vorliegenden Band (in dem übrigens dieses Fragezeichen das einzige Satzzeichen ist) können wir es tun.

Helga M. Novak
Gedichte
chaque pierre orpheline
Übersetzt von Élisabeth Willenz. Ausgewählt von Dagmara Kraus.
Hochroth Paris
2014 · 380 Seiten · 6,00 Euro
ISBN:
978-2-9543903-7-6

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