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Kritik

Zum Flüchtling gestempelt

Hamburg

Helga M. Novaks dritter autobiografischer Roman „Im Schwanenhals“ beginnt mit einer Verleugnung. Bevor sie sich immatrikulieren darf, wird sie zu einem Vorstellungsgespräch – man könnte auch sagen: einer Gesinnungsprüfung – vorgeladen. Welches Buch sie zuletzt gelesen habe, lautet eine der Fragen. Doch das Buch, das sie gerade liest, steht in der DDR auf dem Index. „Den Inhalt von Zarathustra habe ich vergessen“ wird sie später sagen. „Wie ich das Buch verleugnet habe, hat sich mir für immer eingeprägt.“

Wer die ersten beiden Bände ihrer Autobiografie – „Die Eisheiligen“ (1979) und „Vogel federlos“ (1982) – nicht kennt, kann sich ihre Vorgeschichte bruchstückhaft aus nacherzählten Gesprächen und Stasi-Ermittlungsberichten zusammenreimen. Einige Namen, die immer wieder erwähnt, aber nicht näher erklärt werden, erschließen sich den LeserInnen trotzdem nicht. Nur so viel: Novak wird 1935 in Berlin geboren und wächst bei linientreuen Adoptiveltern auf. Voller Enthusiasmus stürzt sie sich in den Aufbau eines DDR-Sozialismus. Doch im dritten und letzten Band der Trilogie weicht ihre anfängliche Begeisterung mehr und mehr einer Skepsis angesichts der massiven Widerstände, die ihrem natürlichen Wissensdurst, ihrem Bedürfnis nach Aufklärung entgegen gesetzt werden.

Es ist 1954, und Novak darf sich, dank ihrer Verleugnung, in Leipzig für Publizistik einschreiben. Bald schon stoßen ihr die „Tiraden gegen Dekadenz, Expressionismus, imperialistischen Kannibalismus“ und die „sorgfältige Verplanung der Freizeit“ durch ständige Versammlungen, Lehrgänge und diverse Produktionseinsätze unangenehm auf.

Erste Dossiers werden über die latente Rebellin verfasst. Novak wird darin als „Typ einer Intellektuellen“ und „in ihrem Wesen flatterhaft“ eingeschätzt. Heute lesen sich diese bemüht sachlichen, gleichzeitig aber durch und durch verquasten Aktenauszüge mit einem Schmunzeln. Doch das Lachen bleibt einem im Halse stecken, wenn man bedenkt, worauf diese Protokolle hinauslaufen: Intelligent und attraktiv wie sie ist, wird die Zwanzigjährige dazu auserkoren, männliche Studenten auszuhorchen. Als sie sich weigert, ihren isländischen Geliebten und dessen Freunde zu bespitzeln, kommt es zum Eklat. Novak tritt aus der Partei aus, wird exmatrikuliert und reist mit ihrem Freund nach Island.

Auf unbestimmte Zeit heimatlos geworden, ist dies der Auftakt einer Odyssee, die das gesamte Leben der Autorin bestimmen wird. Immer wieder ist Novak hin und her gerissen – zwischen zwei Ländern, zwei Männern, ihrem Wunsch nach freier Meinungsäußerung einerseits und überwältigendem Heimweh andererseits.

Ihre „Hoffnung, der Sozialismus in der DDR würde sich eines Tages einer lebenswerten Demokratie zuwenden“ will und will sich nicht erfüllen. Stattdessen fühlt sich Novak, wann immer sie in ihre Heimat zurückkehrt, mit einem Bein schon in der Falle. „Schwanenhals“, wird ihr einmal erklärt, lautet der wohlklingende Name für ein perfides Fangeisen, aus dem es kein Entkommen gibt – außer das gefangene Tier beißt sich das eigene Bein ab.

In Reykjavík lernt sie den „Atomdichter“ Dagur kennen und reist mit ihm – bettelarm, aber frei – durch Italien. Erst die Zusage vom Luchterhand Verlag, ihren ersten Gedichtband herauszubringen, und ihr Studium am Johannes R. Becher-Literaturinstitut in Leipzig versprechen ein wenig Stabilität und Absicherung. Doch schon bald zieht sich das Spinnennetz aus „Geheimen Informantinnen“ – als Spitzel angeworbene Kommilitoninnen –erneut um sie zusammen. Während die Autorin in Westdeutschland eine gewisse Bekanntheit erlangt, existieren ihre Gedichte in der DDR nur als Stasi-Abschriften. Dabei ist ihr erster Gedichtband mit dem Originaltitel „Ostdeutsch“ auch eine Liebeserklärung an ihr Land. Eine bittere Ironie, mit der Novak ihr Leben lang zu kämpfen hat. 1966 wird ihr die Staatsbürgerschaft der DDR entzogen. „Zum Flüchtling gestempelt“, lebt sie in Westdeutschland, Island, Jugoslawien, Portugal und Polen, „ausweislos ausweglos“.

Novaks Sprache schwankt zwischen lyrischer Lebendigkeit und steriler Faktenaufzählung – eine Mischung, die zuweilen irritiert. Tagebücher, Briefe, Behördenschreiben und Zitate aus anderen Biografien fanden Eingang in das Buch, das Novak aus Krankheitsgründen mit Hilfe ihrer langjährigen Freundin Rita Jorek verfasste. Nicht immer harmonieren die beiden Schreibstile, und auch das Material-Potpourri ergibt nicht überall ein großes Ganzes. Insgesamt hätte mehr poetischer Wagemut, mehr stilistische Experimentierfreude auch der autobiografischen Prosa gut getan, um diese noch eindringlicher zu gestalten. Ihr außergewöhnliches Sprachvermögen hat die Autorin schließlich in zahlreichen Lyrikbänden und Hörspielen unter Beweis gestellt. Während die tief sitzende Angst vor Verfolgung und das Gefühl der Heimatlosigkeit nachvollziehbar werden, wirkt gerade in den letzten beiden Kapiteln die Selbstinszenierung als „erwerbslose Ausländerin ohne festen Wohnsitz“ übertrieben. Schließlich ist Novak seit Jahrzehnten eine etablierte und mit diversen Preisen ausgezeichnete Schriftstellerin. Zu Recht kritisiert sie die selbstgerechten Enthüllungsmethoden im Fall Sascha Anderson und die scheinheilige Hexenjagd auf ehemalige Stasi-Spitzel in der DDR-Literaturszene. Ein wenig mehr Selbstkritik hätte jedoch auch nicht geschadet.

Trotz kleiner Mängel bleibt das Buch spannend bis zur letzten Seite. „Im Schwanenhals“ ist ein bemerkenswertes Zeitzeugnis, das zugleich unschätzbare Einblicke in das private, politische und schöpferische Leben einer eigenwilligen Ausnahme-Lyrikerin gewährt.

Helga M. Novak
Im Schwanenhals
Schöffling & Co
2013 · 352 Seiten · 21,95 Euro
ISBN:
978-3-89561-119-3

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