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Kritik

Opus Opitz

Hamburg

Wer seine entscheidenden Anstöße in Richtung Lyrik durch die Rockmusik und Texte der Songwriter  bekommen hat, bei dem führen Töne offenbar ein natürliches Dasein im Wortbild: „Die Dunkelheit knistert wie Kandis“ heißt der letzte Gedichtband von Hellmuth Opitz, Jahrgang 1959. Immerhin 77 lyrische Betrachtungen, Beschreibungen – und auch Belustigungen. Er verarztet die halbe Welt ohne künstlich-künstlerische Aufregung und schaut auch in die Ecken, wo man normalerweise nicht so gut hinkommt. Sogar seinem Toaster hat er das Lied gesungen.

Wenn Opitz vorliest, lacht man leicht. Auch, weil man erleichtert feststellt, dass man eigentlich alles verstehen darf – und ihm soweit folgen kann. Bis er oder man selbst einen Bogen nimmt, der aus der Kurve trägt. Wenn man die Gedichte selber liest, merkt man, dass er keineswegs auf Lacher aus ist. Aus einem kleinen Anfang entstehen Szenerien und Stimmungen im Blickfeld, vorm Fenster, am Ufer oder auch am Busbahnhof, an dem eine verlassenes 70er-Jahre-Bürohaus steht: „Das Abendlicht legt Sprengladungen in die Fenster des Gebäudes, das vor gar nicht langer Zeit mal Zukunft hieß.“
Oder der Schwenk am Morgen über den Svendborg Sund, der „spielt eher ins Silberne / kühl klimpernde Münzen / eine verlorenen Klaviermelodie“ (womit zum Augenblick erste Töne kamen) „und dann der Basso Continuo der / vorbeituckernden Faerö nach Aerö“.

Es brauchen keine beschaulichen oder gar pittoresken Orte zu sein, ein „brennender Mercedes auf der A2“ taugt auch. Oder die Transformation der falschen Begrifflichkeit: Hat man es schon gehört, „Erhöhtes Märzaufkommen“? Oder etwas Ähnliches? In seinem Brotberuf als Werber, weiß Opitz, dass Worte viel wert sein können - als Dichter, wie wert-voll und reich die Sprache der Lyrik ist. Einer der schönsten Begriffe auf den 115 Seiten: Totholzmikado! Aber leider: In den Anmerkungen hinten im Buch nennt der Dichter redlicher Weise seine Quelle, die Lyrikerin Jutta Over. Nun gut, dann vielleicht „staubpaniert“ oder „vernickelte Augen“ aus dem sehr anrührenden, drittletzten  Gedicht, das so beginnt: „Aufgelesen an einer Landstraße nahe Lüneburg / im sirrenden Sommer ´45, gestoppt / von einer englischen Militärstreife. / Fast hätten sie ihn erschossen, / als er nicht hörte auf ihre Kommandos. / Taub, stumm, die Augen vernickelt, / von einer notdürftig verdrahteten Brille, / so schlurfte er da lang, staubpaniert, / in einem Anzug, den nur noch / Schweißränder zusammen hielten.“

Die beiden ersten von 14 Strophen vom hochtraurigen „Lebenslauf eines Unbekannten“. In meiner Phantasie sah ich den jungen Hellmuth Opitz als Zivi in Bethel bei Bielefeld Barmherzigkeit übend bei der verregneten Beerdigung des Unbekannten, „ein paar Schirmherrschaften als Trauergemeinde.“ Nein, wieder daneben, hier ist die Inspirationsquelle eine ganz andere. Aber auch das steht in den Anmerkungen dieses lesenswerten dritten Gedichtbandes des Opus Opitz aus dem Pendragon Verlag in, ja was sonst, Bielefeld. Es lohnt sich.

Hellmuth Opitz
Die Dunkelheit knistert wie Kandis
Pendragon
2011 · 144 Seiten · 14,95 Euro
ISBN:
978-3-865322784

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