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Kritik

Schmock unterwegs

Helmut Kraussers „Deutschlandreisen“ sollte man warum noch einmal lesen?
Hamburg

Die gute alte Lesereise ist, wie man vielleicht weiß, mittlerweile wieder ziemlich beliebt, und mit der Lesereise eben auch der Lesereisebericht. Insofern verspricht der Griff zu Helmut Kraussers „Deutschlandreisen“ allerlei (was auch immer), aber bei der Lektüre heraus kommt eigentlich kaum mehr als die Frage danach, warum irgendjemand, das, was hier auf 300 Seiten gedruckt worden ist, überhaupt lesen sollte. Weils Krausser ist? Nun, das entschuldigt eigentlich auch nicht alles, und erst recht nicht dieses Buch.

Helmut Krausser, Jahrgang 1964, gehört mittlerweile zu jener mittleren Autorengeneration, die es immerhin gut in den Literaturbetrieb geschafft und dort – hoffentlich – ihr Auskommen hat. Er ist als Autor recht rege, hat einige gute, zum Teil erfolgreiche Romane geschrieben und es damit sogar ins Kino geschafft. Auch das ist ihm zu gönnen. Gute Arbeit soll gut bezahlt werden. Der Verlag, der ihn vertritt, gehört zur ersten Liga und ist vor allem für junge Literatur bekannt.

Allerdings ist Kraussers Erfolg eben noch nicht groß genug, dass er auf Lesereisen verzichten könnte, kann man vermuten. Und auf denen liest er eben nicht nur, sondern isst, trinkt (zu viel), schläft und macht sich Notizen über dieses und jenes. Zum Beispiel über die Städte, die er bereist. Das ist erlaubt, resp. man kann es ihm nicht erfolgreich verbieten, was schade ist. In der Tat, er kann machen, was er will, und wird dafür auch noch honoriert, wie er auf halber Strecke mitteilt. Aber was er will, darüber sollte er noch einmal nachdenken.

Beispiele? Dass Krausser Opernfreund ist, sei ihm gegönnt. Dass er Puccini schätzt, kann nach seinem Puccini-Buch kaum überraschen. Dass er vehement für die Oper des späten 19. Jahrhunderts ficht, gehört in den Bereich der Geschmacks- und Meinungsfreiheit. Die moderne Musik nach Schönberg allerdings als Geisteskrankheit abzutun, als die künftige Generationen sie möglicherweise ansehen werden, ist dann was? Ein Tabubruch? Gewagt? Ironisch? Nicht Zutreffendes bitte streichen.

Oder die heftigen Attacken aufs Regietheater, das auf den Text des Autors pfeift und so etwas wie Werktreue nicht kennt. Das kann einem Autor wie Krausser (ein Skandal wird berichtet) nicht gefallen. Er fühlt sich um sein Werk betrogen und den Zuschauer gleich mit, der in einen Krausser gehen will und stattdessen einen, sagen wir, Castorf bekommt (Castorf ist mir lieber, spätestens jetzt). Man ist eben nicht gern Material, auch wenn man dafür bezahlt wird.

Oder andere gewagte Meinungen: Da ist die Begegnung mit einem Mann, vielleicht ein Perser, der in einen Wutanfall ausbricht und Krausser als Rassisten beschimpft, als der ihn bittet, ein wenig Abstand zu halten. Das geht ein bisschen hin und her, Krausser denkt sich den Mann als Versager zurecht und lässt das in dem Satz gipfeln: „Dem Perser sollte ich vielleicht ein paar Orte in Brandenburg nennen, wo er seine Opferkarriere zum krönenden Abschluß bringen kann.“ Sehr witzig, ironisch und tabubrecherisch, ja, wirklich gewagt.

Und was will mir Herr Krausser damit sagen, dass er diese Episode gleich an den Anfang seiner Notizen stellt? Nichts? Und der nette Iraner, der ihn später mit dem Taxi fährt? Gleich eine andere Sache.

Skandale sind eh das, was Krausser besonders eloquent macht. Zum Beispiel der Skandal um seine Reservierung im Kölner Hilton, die ihm mehr Seiten entlockt als zum Beispiel sein Besuch in Hagen. Nichts für Hagen, aber selbst die langweiligste Stadt lässt sich noch witziger an als eine Tirade auf ein Hotel und dessen Geschäftsgebaren.

Es kann also kaum weit her sein mit dem von Krausser genüsslich zitierten Kehlmann-Satz, dass die einigermaßen bekannten Autoren Deutschland am besten kennen, weil ihre Geldnot sie dazu zwinge, jede Lesereise, die ihnen angeboten werde, auch zu machen. Auf diese Weise kommen sie immerhin herum.

Aber an seinem Deutschland ist Krausser anscheinend nicht interessiert, es sei denn, es betrifft ihn. Seine Deutschlandreise 2006, die den ersten Abschnitt umfasst, ist eigentlich eine einzige Krausseriade: In Leipzig spielt ein Teil von „Eros“, einem der Romane Kraussers. In Weimar wurde 2005 Kraussers „Diptychon“ aufgeführt. In Halle gabs vor Jahren eine Marionettenfassung von Kraussers „Schmerznovelle“, in Cottbus hat man hingegen auf Kraussers „Nibelungen“ (gibt’s die?) aus Kostengründen verzichtet. In Dresden gabs Kraussers „Wir sind daheim geblieben“. Noch weiter? In Hamburg hat man ein Stück Kraussers verrissen. Seine größte, unverdienteste Niederlage, wie er dem mittlerweile ungeneigten Leser beiderlei Geschlechts mitteilt.

Der Klappentext wirbt damit, dass man mit diesen Tagebuchaufzeichnungen Krausser so nahe komme wie nie zuvor. Das mag sein, man kann aber auch gut darauf verzichten. Und Daniel Kehlmann hat anscheinend in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gemeint, dass diese Tagebücher so lange gelesen würden (gemeint waren aber wohl andere Tagebücher, die vielleicht sogar anders sind), solange sich Menschen für deutsche Literatur interessierten. Wenn das so ist, dann kann der Untergang der deutschsprachigen Literatur nicht mehr fern sein und ist sehr wünschenswert.

Nun ist ja Krausser nicht irgendjemand, sondern ein bekannter Gegenwartsschriftsteller, was einen vor Dummheiten nicht schützt. Eine davon ist der Satz: „Mein Problem: Ich habe den Punkt erreicht, wo ich glaube, alles zu Ende gedacht zu haben. Ist vermutlich Blödsinn, ist eitle Faulheit, aber konkret schwer zu widerlegen.“ Ist das so? Aber vielleicht nicht besser noch mal von vorn anfangen mit Denken?

Aber aufgepasst: Sind solche Peinlichkeiten nicht derart dick aufgetragen, dass man sich bei der Lektüre immer wieder fragen muss, ob das, was man da liest, vielleicht alles nur ein großer, wenngleich grober Spaß ist? Ironie, ein Spiel, und zwar mit dem Text, meinen Erwartungen und meiner Wahrnehmung. Man solle so etwas von einem hinreichend pfiffigen Kerl erwarten können, aber vielleicht ist auch das nur eine bloße Rechtsvermutung.

Aber wenn dem so ist, dann bekennt der Verfasser dieser Zeilen reumütig seine Ignoranz und wendet sich anderen Büchern zu, wenns erlaubt ist.

Helmut Krausser
Deutschlandreisen
Dumont
2014 · 302 Seiten · 19,99 Euro
ISBN:
978-3-8321-8094-2

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