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säg noch ein bisschen weiter

Hamburg

Nach einer intensiven Schaffensphase von drei Jahren legt Hendrik Rost nun seinen neuen Gedichtband vor: „Das Liebesleben der Stimmen“. Es ist seine eigene Stimme, die ganz bei sich und zugleich weltzugewandt in aufmerkende Interaktion mit anderen Stimmen tritt: Den Stimmen von Kindern, der Partnerin, jenen der Pflanzen- und Tierwelt, der Landschaften, Traumstimmen und Erinnerungen, aber auch Stimmen des Kultur- und Geisteslebens, etwa Philosophen und ihrer Denkrichtungen (Heraklit, Hegel, die Scholastiker, indische Philosophie usw.) und Schriftsteller, mit denen die Dichterstimme spricht, sich so neugierig wie wertschätzend auseinandersetzt, lang verstorbenen wie Petrarca, Pessoa, Rilke oder Büchner genauso wie Zeitgenossen, nicht zuletzt durch Widmung (Mirko Bonné, Farhad Showghi).

Hendrik Rost gliedert sein Buch in 7 Kapitel und stellt ein Gedicht voran, das als poetisches Konzept für die Gedichte dieses Buchs begriffen werden kann. Hier tritt die Dichterstimme in ein Gespräch mit dem noch zu Schreibenden und dem gerade Geschriebenen ein:

Handhabe

Jetzt noch glauben an die Kombination im Innern.
Jetzt noch eine Nacht dazwischen liegen lassen.
An die Zeit glauben, die über Ozeane streicht,
und dazwischen eine Nacht liegen lassen ...

Dieses Gedicht ist eine Litanei. Das Verb „glauben“ wird in diesem Gedicht achtmal repetiert, doch hat dies nichts mit einem Bekenntnis zu einer Religion und einem allmächtigen Gott zu tun, sondern verleiht dem Akt des Schreibens selbst eine göttliche Dimension, dem Glauben an das Wort und die Metapher, an Wortkombinationen, die auf unerklärbare Weise entstehen und aufs Papier oder auf die Tastatur drängen. Rost führt hier „das Werkzeug Ich“ ein, das als solches nie selbst tätig werden kann, sondern von jemandem oder etwas gesteuert oder bedient werden muss, der oder das dieses „Werkzeug Ich“ erst belebt. Und es tritt hier gleichzeitig ein stets Zweifelnder hervor, der sich zum Glauben an die Macht des Wortes und der Intuition mahnt. Dieses „Werkzeug Ich“ ist ein all jene Stimmen Liebendes, die es vorfindet und dann aufs Papier bringt, und es fordert sich vehement zum Innehalten auf, zum nüchternen Abwägen und zur Analyse, um die Euphorie eines vielleicht nur vermeintlichen Gelingens zu zähmen. Der Vers „noch eine Nacht dazwischen liegen lassen“, der in Variationen fünfmal wiederholt wird, imponiert wie eine produktive Beschwörung der Gelassenheit. Vielleicht wird es nach dieser Nacht Gewissheit geben, vielleicht nur den Ausblick auf eine weitere Nacht des Liegenlassens. Rost lässt am Schluss des Gedichts keine Illusion aufkommen, dass es für ihn beim Schreiben von Gedichten je so etwas wie Geübtheit geben könnte:

... glauben an das neue Joch. Keine Routine lassen.
Jetzt. Und sichere Nächte keine. Keine Methode.

Handhabe also und gleichzeitig keine Handhabe sind diese Worte, denn das Dichten bleibt eine Abfolge von Anfängen, immer wieder wird neu alles, der Gedanke, Stimmungen, das weiße Blatt, das leere Textdokument ein neues Joch.

Gleichzeitig begreife ich das Eingangsgedicht als Einladung und Handlungsanleitung für Lesende, sich diesem Gedichtband langsam zu nähern, ihn mehrmals zur Hand zu nehmen und darin zu lesen, wieder zu lesen, was man gestern las, um es heute vielleicht anders zu lesen, dabei Nuancen zu entdecken, eine andere, ergänzende Betrachtungsweise.

Einschub: Nach mehrfacher Lektüre muss ich bekennen, dass diese Rezension lediglich ein Zwischenbericht (und als solcher steht er auch mittendrin) ist von meiner Reise durch den Rost’schen Lyrikkosmos. Ich habe dieses Buch noch nicht ausgelesen, denn es ist eines der wenigen Bücher, die mehrfache Lektüre nicht nur vertragen, sondern geradezu verlangen und dafür immer wieder Neues zum Erschließen bereithalten. Die Stimmen dieses Gedichtes interagierten auf seltsame Weise mit meiner inneren Stimme, stellten ein wortloses, nein, ich würde sogar sagen ein vorbewusstes Einvernehmen her. Und plötzlich erfahre ich meine Grenzen, wenn ich dieses Harmonieren der inneren Stimme mit jenen vielen Stimmen in Rosts Gedichten in meine sich äußernde Stimme übertragen soll. Weil mir auf einmal die passenden Worte fehlen. Ein Dilemma für eine Rezensentin, die darob seit Tagen sich in Gelassenheit zu üben versucht! Ende des Einschubs.

Die Einführung des „Werkzeug Ich“s lässt sofort an Handwerk und Handwerker denken und Hendrik Rost greift das Handwerkliche des Schreibens noch einmal im Gedicht „Vom Schreiben in Versen“ auf,

...säg noch ein bisschen weiter an dem Text,
auf dem du sitzt. ...

heißt es da, 12 Worte, zwei knappe Zeilen, die meisterhaft den schmalen Grat zwischen Gelingen und Absturz beim Dichten (wie auch beim Rezensieren usw.) einfangen. Immer wieder greift der Lyriker die Arbeit des Dichtens auf, hält Zwiesprache mit anderen Dichtern und mit sich selbst und den eigenen Erfahrungen, etwa wenn er mit Kleist um die Alster zieht, im Gedicht „Nach dem Stolpern“ als Verletzter über Sachlichkeit, Inspiration und intakte Sprache reflektiert, oder im Gedicht „Morbus“ mit (oder gegen) Clemens Brentano Wörter wiegt.

Viele von Rosts Gedichten erzählen Geschichten, haben zumindest einen erzählenden Kern, durch den und um den das Gedicht gewebt wird. Im letzten Gedicht des Bandes „Tilde“ ist es die existentielle Erfahrung eines beinahe Ertrinkens, als er schwimmend in einen Flussstrudel gerät und erst loskommt, als seine Gegenwehr ermattet. In „Dezemberbild“ ist es eine Reise nach Seebüll, das ein Kunstmuseum beherbergt und Sitz der Noldestiftung ist. Der Dichter sieht die Landschaft bei einem Spaziergang mit den Augen Emil Noldes und räsoniert wie nebenbei „Und immer gehört zum Exzess auch Verlöschen“. Und in „Ort und Stelle“ ist es die tägliche Begegnung mit einem Fremden, der einfach nur dasteht und den Kopf dreht. Dem Lyriker gelingt es eindrücklich, durch Variationen der Anfangszeile „Jeden Morgen steht einer an der Straßenecke“ das ewig Gleiche dieses Stehens und Kopfdrehens sinnlich zu vermitteln.

Rosts Betrachtungen sind oftmals analytisch und unpathetisch und ab und an durch seinen nüchternen, ziemlich trockenen Humor geerdet. So lesen wir im Gedicht „Das verlorene Kind“, einer Naturbetrachtung an einem feuchten Herbstmorgen, die Zeilen:

... Die größte Gefahr für Idylle geht
von Hundehaufen aus.

Dieses Gedicht nimmt vom Tod eines Mistkäfers seinen Ausgang, dessen Körper „geköpft vom Scharfrichter Amsel“ von Ameisen ausgeschlachtet wird. Im Gedicht „Vaudeville im Wald“ sind es Maden, die einen toten Balg beben lassen, während sie ihn verwerten. Der Tod ist auch in anderen Gedichten Thema, oft bildstark und sanftironisch gebrochen, und auch der eigene Tod wird nicht ausgespart, z.B. im Gedicht „Poetenverfügung“. Manchmal ist es das Leben, das dem Tod ein Schnippchen schlägt, wenn im Gedicht „Keule“ der Sturm ein Nest mit jungen Eichhörnchen auf die Terrasse wirft. „Verloren ist eine andere Form/von geborgen“ heißt es, als die Tierchen von der menschlichen Ersatzfamilie aufgenommen werden.

Erwähnenswert ist noch die bereits eingangs angeführte religiöse Komponente mancher Gedichte. Im Gedicht „Wache“, das auch das eigene Schreiben thematisiert, heißt es „Vater, dies ist die Nacht“. Es sind gebetähnliche Worte, die an die Leidensgeschichte Jesu erinnern. Es wird nicht geklärt, ob sich das lyrische Ich in dieser Zwiesprache an den eigenen Vater oder Gott wendet. Und es ist letztendlich nicht nötig, dies zu explizieren, denn, wie wir im Gedicht „Frei Schnauze“ erfahren, „alles ist erfunden“

Die eigene Sprache – so was von erfunden.
Sie ist ein Gespinst und die Sprache anderer
in ihr, sie ist von vorn bis hinten Fiktion.

Hendrik Rost
Das Liebesleben der Stimmen
Wallstein
2016 · 86 Seiten · 18,90 Euro
ISBN:
978-3-8353-1777-2

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