Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Aufforderung zur Kontemplation

Hamburg

Da gibt es ein Gedicht in Henrik Rosts neuem und mittlerweile sechstem Gedichtband Licht für andere Augen, in dem liefern sich Heidegger und Celan einen Wettbewerb im Pflanzenbestimmen: Heidegger ist gut, der Dichter aber unschlagbar./ (…) Sein Wissen ist gut und geschunden,/ er muss gewinnen. Heidegger lächelt sich/ in eine Niederlage, von der er sich bis heute/ nicht erholt hat. Celan blickt den Denker an,/ dessen Bart er nicht deuten kann. Er geht/ noch tiefer in Blütenträume und Gedächtnis,/ die ihn verrückt werden lassen, sie zwingen ihn,// mit dem Messer auf seinen Nachwuchs loszugehen.

Da ist also zunächst einmal eine ganz hervorragende Idee, ein Setting, wie gemacht für ein Gedicht – Heidegger und Celan im Wettbewerb darum, wer die meisten Pflanzen am Wegesrand bestimmen kann. Ein ungewöhnlicher Blick auf die Begegnung des philosophischen mit dem dichterischen Monolithen des 20. Jahrhunderts. Denn, wie viel wurde nicht schon spekuliert und geschrieben über jene denkwürdige Begegnung 1967 auf dem Todtnauberg im Südschwarzwald, wo Heidegger seine berüchtigte kleine Hütte hatte, in der seine Frau ihm Mütze um Mütze strickte, wie Thomas Bernhard in Alte Meister lästert.

Heidegger hatte den Poeten eingeladen ihn dort zu besuchen, und Celan mit der Hoffnung, heute,/ auf eines Denkenden/ kommendes/ Wort/ im Herz, wie er danach im Gedicht Todtnauberg schrieb, kam.

Bis heute ranken sich Mythen und Spekulationen darum, was der nazistische verstrickte Philosoph und der selbstquälerische Dichter dort oben auf ihren Spazierwegen wohl mit einander besprochen haben mögen. Fest steht lediglich, für Celan endete der Besuch in einer Enttäuschung. Das kommende Wort, die Entschuldigung, oder die Eingeständnisse, die er sich von Heidegger erhoffte, erhielt er nicht. Die halb-/ beschrittenen Knüppel-/ pfade im Hochmoor, // Feuchtes,/ viel, so endet das Gedicht Todtnauberg. Das berühmte Gespräch der beiden Wortmeister untereinander, bei dem kein wirkliches Gespräch zustande kam, bietet bis heute Raum für eigene Interpretationen.

Aber zurück zu Hendrik Rost: Was für ein großartiger Einfall also die Beiden beim Wettbewerb um die Namensvergabe zu zeigen. Celan als adamgleichen Meister im Benennen zu zeigen, der aber zugleich ob seiner Benennungswut verrückt wird, während Heidegger beschämt, aber gesund zurück bleibt.

Ebenfalls schön ist auch das Spiel mit den Doppeldeutigkeiten der Namen. Celan kennt Wundrose. Leberblume. Lauch. Wundrose ist aber keine Blume, sondern eine bakterielle Infektion der oberen Hautschichten, die sich als scharf begrenzte Rötung zeigt. Celan will also sozusagen durch die Blume von seiner Wunde sprechen. Er hat noch eine Rechnung mit Heidegger offen und muss gewinnen, prallt aber an Heideggers Lächeln und Bart ab.

Eine Anspielung auf Celans Gedichtband Mohn und Gedächtnis aus dem Jahr 1952 findet sich in dem Gedicht und eine surrealistische weite Sicht nach Westen eröffnet sich den Beiden: Bis nach Brest können sie sehen, der Hafenstadt in der Bretagne im Departement Finistère, dem Ende der Welt.

Gelungen ist ebenfalls der Kausalzusammenhang, der zwischen Celans unerfüllter Benenn- und Aussprachewut und dem späteren Gewaltakt an seiner Familie gezogen wird:sie zwingen ihn,// mit dem Messer auf seinen Nachwuchs loszugehen. Da er Heidegger, auf den sich seine Wut eigentlich richtet, nicht an seinem Philosophenbart zu fassen bekommt, richtet sich die aufgestaute Aggression später in pervertierter Form gegen seine eigene Familie. Statt dem Ontologen macht er seiner Frau den Vorwurf des Antisemitismus. (Wobei die prosaische und sehr direkte Art und Weise auf die Celans spätere Verrückung und seine Mordversuche an der Familie geschildert werden, etwas leicht Diffamierendes und Indiskretes an sich haben.)

Es folgt ein rätselhafter Einschub: Aus dem Tal hört man derweil das liebe Seelchen/ nach dem Ehebrecher rufen: und dann folgt der leider etwas ernüchternde Schluss. Denn im letzten Vers liefert der Autor die Moral von der Geschichte gleich mit, wodurch er die Wirkung leider verschenkt: Denk mal nach,/ was Worte zu hohlen und leeren Gewächsen macht.

Denn dass hier zwei äußerst beredte Männer scheitern, weil sie nicht wirklich miteinander zu sprechen vermögen, wird auch so klar, und hätte nicht nochmals ausgesprochen werden müssen.

Wie Celan in dem Gedicht scheint auch Hendrik Rost in dem gesamten Band getrieben von dem Bedürfnis alles direkt auszusprechen. Jedes Kind bei seinem richtigen Namen zu benennen. Es wird kein Risiko eingegangen falsch verstanden zu werden. Keine Umwege über ein poetisches, mehrdeutiges oder doppelbödiges Sprechen genommen.

Das oben besprochene Gedicht trägt nicht umsonst den Titel Anekdote. Der überwiegende Teil der Gedichte in Hendrik Rosts neuem Band haben anekdotischen Charakter. Auf prosaisch-nüchterne Weise werden Begebenheiten wiedergegeben: der erste Unfall, ein Anruf Thomas Klings beim Autor, Lästereien nach einer Lesung in der Heide usw. Die Pointen am Schluss lesen sich dabei oftmals wie ein Zen-Koan: Wir stehen auf dem Eiffelturm./ Deshalb sehen wir den Eiffelturm nicht. heißt es z.B. am Ende von Pariser Levitation. Man muss schon eine Weile grübeln, bis man den Mehrwert dieser und andere schlichter Beobachtungen und Aussagen erkennt.

Erkenntnistheoretische Fragen sind es, die den Autor umtreiben. Und am schwersten lässt sich das erkennen, worauf und worin man sich gerade selbst befindet. Der blinde Fleck, ist da, wo man gerade ist.

Auf formaler Ebene sind die Gedichte streng aufgebaut. Unterschiedliche Strophenformen werden probiert und auch ein Zufallshaiku ist darunter. Fragen der Poetik (Das Gedicht wird automatisch erstellt/ und trägt keinen Absender. Du wirst von ihm hören), die Leib-Seele-Problematik, Vater-Sohn-Beziehungen und auch die Evolution werden behandelt. Aber nach Poesie, nach lyrischen Stilmitteln oder Figuren, sucht man vergebens in den Gedichten. Es handelt sich um überwiegend schlichte, schmucklose Prosasätze in Zeilenumbrüchen, die nur ab und an durch eingestreute Surrealismen, die kurz irritieren, ausgehebelt werden: Die Klassiker sind aus, sagt der/ Zimmerservice. Wir nehmen ein Fläschchen Intuition. Sonst nichts. Ein Hauptsatz jagt den anderen und dient scheinbar nur einer unvermittelten Wissensweitergabe: Das erstgeborene Kind gleicht/ nach der Geburt kurz dem Vater,/ damit er es annimmt und nicht totschlägt/ und bei der Familie bleibt. Erst im Ganzen werden die für sich glasklaren Einzelsätze rätselhaft und fordern den Leser zur Kontemplation auf: Die folgenden Kinder stehen für sich/ von Anfang an. Was wir Liebe nennen,/ sprengt die Gefühle. Wir sind wild./ Das ist eine Form von Verstand.

Die großen Fragen werden in kleinen, leichten Gedichten behandelt. Das wirkliche Gewichtige in scheinbar unbedeutenden kleinen Beobachtungen gefunden. Vielleicht könnte man den Band eine kleine Alltagsmystik nennen. Denn auch eine unio mystica vollzieht sich in den Gedichten, zwischen zwei Liebenden: Haut war deine und meine Haut/ und wir haben uns ausgeschwitzt.// Ich spüre noch, wie du dich/ anfühlst, und ich fehle mir.

Hendrik Rost
Licht für andere Augen
Wallstein
2013 · 80 Seiten · 16,90 Euro
ISBN:
978-3-8353-1017-9

Fixpoetry 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge