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Kritik

Die professionelle Nachdenklichkeit in der Verwunderung über die Welt

Henning Ritter, von 1985 bis 2008 verantwortlicher Redakteur der Seite „Geisteswissenschaften“ bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, ist mit seinen unlängst erschienenen „Notizheften“ (Berlin Verlag, September 2010) auf große Resonanz gestoßen. Von der „Zeit“ zum „Klassiker der Gegenwart“ (1) erklärt, hat das 426-seitige Buch – ob im Feuilleton oder im Rundfunk – durchweg Lob geerntet. Halten es die einen für einen „große[n] Wurf“, der „mehr als Respekt verdient“ (2), meinen die anderen, dass es sich aufs Erfreulichste von den „doppelt so umfangreichen, aber nur ein Hundertstel so bedeutenden Aufzeichnungen eines Fritz J. Raddatz“ (3) abhebe. Welchen Stellenwert man ihm zuspricht, ist unter anderem daran zu erkennen, dass sich selbst die „F.A.Z.“ nicht eines Urteils enthalten wollte. So hat sie am 26. November 2010 eine um „Überparteilichkeit“ (4) bemühte Besprechung abgedruckt. Diese Rezension schlägt einen außergewöhnlich nüchternen Ton an und versucht, die „Notizhefte“ als intellektuelles Porträt der Nachkriegsgeneration zu verstehen. Positiv bewertet sie vor allem, dass Ritter, dessen Band aus Aphorismen, Maximen, Sentenzen sowie kleineren Aufsätzen besteht, die „verschütteten Traditionen der Kurzprosa ausgräbt, bedenkt, aktualisiert und historisiert“ (5). Dieser Aspekt soll im Folgenden genauer unter die Lupe genommen werden, reiht sich doch der Verfasser bewusst in die lange Liste der philosophischen Schriftsteller ein, die ihre Erkenntnisse in fragmentarischer, pointierter oder sprunghaft-assoziativer Form dargeboten haben.

Hierbei ist zunächst der Titel von Interesse. Er deutet nicht nur an, dass die versammelten Texte über einen längeren Zeitraum entstanden und aufgrund ihrer Beiläufigkeit ursprünglich gar nicht veröffentlicht werden sollten. Vielmehr unterstreicht er auch ihren Auswahlcharakter, denn bloß ein Zehntel der zwischen 1990 und 2009 festgehaltenen Reflexionen fand Eingang in die Publikation. Folglich sind die „Notizhefte“ weder ein Ideentagebuch, wie es z.B. Friedrich Hebbel geführt hat, noch ein thematisch angeordnetes Cahier in der Nachfolge von Paul Valéry. Die Beiträge – insgesamt 1185 – bieten Abwechslung und reichen von Einzeilern bis zu mehrseitigen Betrachtungen. In elegant-unaufdringlichem Stil gehalten, befassen sie sich mit einer Vielzahl von Literaten, darunter die französischen Moralisten, Ortega y Gasset, Alexis de Tocqueville, Søren Kierkegaard, Charles Darwin, André Malraux, Sigmund Freud oder Carl Schmitt. Im Mittelpunkt stehen allerdings „Lieblingsautoren und Lieblingsepochen“ (S. 7), wie es in der knappen „Vorbemerkung“ heißt. Kein Wunder also, dass der Montesquieu- und Rousseau-Herausgeber Ritter den Schwerpunkt auf das vorrevolutionäre Frankreich legt. Obwohl er über ein erstaunliches Fachwissen verfügt, spielt er sich nicht in den Vordergrund. Im Gegensatz zu Nicolás Gómez Dávila, dessen „Scholien“ den „inbegriffenen Text“ nur selten erahnen lassen, weist er nämlich stets darauf hin, wem er seine Einfälle verdankt. Bibliophile Ratespiele liegen ihm fern, und so ist er zwar der Meinung, dass „die schönsten Einsichten […] Funde sind“ (S. 88), doch müssen sie als solche erkennbar bleiben. Von dieser Einstellung zeugen nicht zuletzt seine schriftstellerischen Selbstauskünfte, in denen er sich trotz der Behauptung, man könne „ohne Eitelkeit [gar nicht] schreiben“ (S. 336), als Diener an der Literatur begreift: „Fragebogen: Was möchten Sie sein? – Eine Leerzeile in einem Gedicht Hölderlins“ (S. 76). Damit wird deutlich, dass Ritter nicht zu imponieren versucht, indem er eifrig zitiert bzw. exzerpiert; es geht ihm eher darum, historischen Größen seine Reverenz zu erweisen und ihre Gedanken weiterzuspinnen. Das führt bisweilen zu überraschenden Resultaten – etwa wenn er in Nietzsches unaufhörlichem Kreisen um das Bewusstsein, den Willen und das Mitleid bereits die Lehre von der ewigen Wiederkehr des Gleichen erblickt (vgl. S. 226) oder wenn er Ciorans bitterem Pessimismus eine heitere Seite abgewinnt (vgl. S. 139). Nicht weniger spannend ist seine Auseinandersetzung mit Oswald Spengler, auf den er beispielsweise mit einem bildkräftigen Aperçu reagiert: „Untergang des Abendlandes: Was kann es Schöneres geben, als mit dem Abendland unterzugehen!“ (S. 331). Schließlich kommt Ritter auch auf die Aphoristik zu sprechen, wobei ihn – wie nicht anders zu erwarten – die französische Maximenliteratur des 18. Jahrhunderts besonders fasziniert. Auf die entscheidende Frage, inwieweit der Wahrheitsgehalt eines Denkspruchs durch die geschliffene Formulierung beeinträchtigt wird, gibt er jedoch keine eindeutige Antwort. So nimmt er einerseits die Maximen von Chamfort und Rivarol in Schutz, weil sie „den Sinn für das Neue als Nebenertrag der guten Pointe [schärfen]“ (S. 48), spricht sich andererseits aber zugleich gegen den Esprit aus: „Wer schreibt, soll nicht versuchen, witzig zu sein. Dies ist das Vorrecht der Mündlichkeit“ (S. 272). Infolgedessen fällt es ihm schwer, geistreiche Wortakrobatik gut zu heißen. Über Karl Kraus, den Meister der aggressiv-verblüffenden Inversion, schreibt Ritter daher: „Karl Kraus ist witzig, aber man lacht nicht. Man bewundert seinen Witz“ (S. 304). Das mag erklären, warum die Notizhefte nur wenige Aphorismen enthalten. Darüber hinaus vermeiden sie jegliche Zuspitzung, was man z.B. an „Die Verwertung der Popularität, des Ruhmes zu Lebzeiten, ist heute so groß, daß für den Nachruhm nichts mehr bleibt“ (S. 294) oder „Geschmack ist immer Geschmackssicherheit“ (S. 151) sehen kann. Gleichwohl verbürgt diese Technik nicht unbedingt Qualität, da sich auch einige Banalitäten unter seinen Gedankensplittern befinden. Zum Beleg seien „Schlechte Gesetze verlangen immer nach schlechteren, um ihre Wirkung aufzuhalten“ (S. 136), „Das Schwerste: zu sagen, was man denkt“ (S. 209) sowie „Man kann die Gegenwart nicht in Kategorien der Gegenwart verstehen“ (S. 282) angeführt. Insofern liegt die Stärke des Autors weniger in lakonischen Spruchweisheiten. In längeren Bruchstücken läuft er hingegen zur Höchstform auf:

Das Spießige an Ernst Jünger tritt in einer kleinen Notiz seines Pariser Tagebuchs am 23. Februar 1943 hervor: „Während der Mittagspause lege ich jetzt immer ein Augenfrühstück ein.“ Er blättert in einem Band Turner, bei gleichzeitigem Bewußtsein, eine große Katastrophe zu erleben. Er legt sozusagen ein Deckchen unter, damit es nicht scheppert (S. 58).

Auch in Kurzessays, die sich über mehrere Seiten erstrecken, zeigt er sein ganzes Können. Dies ist etwa dort der Fall, wo er „die in der Moralistik gebräuchliche Feststellung, dass die Menschen einem nicht verzeihen, was sie einem angetan haben“ (S. 108) in eine hochkomplexe Analyse zum Täter/Opfer-Verhältnis einmünden lässt. Dasselbe gilt für den Text, in dem er über Pessimismus und Optimismus nachdenkt. Hier regt ihn die Lektüre von Norberto Bobbio zu folgendem Satz an: „Die Unmöglichkeit, zwischen Pessimismus und Optimismus durch Einsicht zu wählen, ist, so legt Bobbio nahe, ein weiterer Grund, Pessimist zu sein“ (S. 291). Damit wird ersichtlich, wie eng Ritters Notizen mit der Rezeption anderer Denker zusammenhängen. Dass die Medaille aber ebenfalls eine Kehrseite hat, sollte man nicht verschweigen. Immerhin bleiben die eigenständigen Reflexionen des Verfassers deutlich in der Minderzahl. An einer Stelle entsteht sogar der Eindruck, er sei sich über dieses Defizit im Klaren: „Eine Stimme sagt: Kümmere dich nicht um das, was andere gesagt haben, sag, was du selber sagen willst“ (S. 130). Angesichts dessen verwundert es umso mehr, dass er dem Leser zahlreiche unkommentierte Trouvaillen zumutet. Die „Notizhefte“ mögen zwar kein „Buch der Freunde“ sein, das Hugo v. Hoffmannsthal fast zur Hälfte mit Lesefrüchten aufgebläht hat, doch ist jene weit verbreitete Unart auch hier zu monieren. Das fällt noch schwerer ins Gewicht, sobald man sich den Umfang der Sammlung vor Augen hält. Das ausgewählte Material hätte nämlich ohne Weiteres dazu ausgereicht, zwei separate Bände zu füllen. Wenn die „Notizhefte“ also gelegentlich „Längen haben“ (6), wie das Deutschlandradio bemängelte, hat dies in erster Linie mit der Stoffmenge zu tun. Ansonsten ist dem Autor kaum etwas vorzuhalten, weil er sich von Anfang bis Ende auf einem hohen Reflexionsniveau bewegt. Seine Untersuchungen sind subtil und verzichten auf Effekthascherei. Nur selten schlägt er über die Stränge; dann aber meistens in Bezug auf Pluralismus und Multikulturalität. Bei diesen Gelegenheiten wettert er mal gegen den „platten Konformismus“ (S. 67), mal gegen die „Koalition aus Frauen, Schwarzen und Minderheiten“ (S. 107). Solche Stellen sind freilich im Textzusammenhang zu interpretieren. Bedenklich wird es allerdings, wenn er in Sachen Einwanderungspolitik mit rhetorischen Mitteln arbeitet, anstatt sauber zu argumentieren: „Der Multikulturalismus hat die Vielfalt der Kulturen gewollt und die Einfalt der Religionen bekommen“ (S. 392). Weitaus anspruchsvoller ist dagegen Ritters Kritik am Fortschrittsdenken. Sie bildet den Kern seines konservativen Weltbilds, das ferner in Äußerungen wie „Was helfen würde: Änderungen ohne Reformen“ (S. 261) oder „Die Geschichte muß die Rückwärtsbewegung noch lernen“ (S. 271) zutage tritt. Dies lässt zumindest vermuten, dass er mit Adorno – einer weiteren zentralen Gestalt seines Bandes – wenige Gemeinsamkeiten hat. Was allerdings erstaunt, ist die Nähe zwischen den beiden. Schließlich kommt Ritter trotz seiner Vorbehalte gegen die Ausdrucksmittel der „Minima Moralia“ (vgl. S. 94) zu vergleichbaren Ergebnissen. Wenn er nämlich beklagt, dass sich „das Individuum mit voremanzipativen Inhalten [anreichert]“ (S. 76), ist er nur einen Schritt von Adornos „Egoismus ohne Selbst“ entfernt. Ebenso verhält es sich bei der Bewertung von Freud – „[t]atsächlich verewigt die Psychoanalyse die Gesellschaft, die manche mit ihrer Hilfe ändern wollten“ (S. 93) – oder bei der These, dass Heidegger die Begriffsarbeit vernachlässigt habe: „Das zutreffende Bild für die Wahrheit ist nicht die Lichtung, sondern die Rodung“ (S. 251). Über Kreuz ist Ritter aber zweifellos mit den ‚französischen Meisterdenkern’ und ihren Epigonen. Die performativen Selbstwidersprüche dieser Schule entlarvt er in einem wahren Kabinettstückchen, das zu den besten Abschnitten seines Buches gehört:

Keine Generation von Autoren hat ihre Autorschaft so ausgeschöpft wie jene Franzosen, die den Tod des Autors ausgerufen und den ‚Diskurs’ an seine Stelle gesetzt haben. Zu ihrem archivierten Nachlaß gehört nicht nur jeder Zettel, den sie beschrieben, sondern sogar die Stimme, das Flüchtigste der Selbstäußerung. Foucault, Barthes, Deleuze – sie werden von einer Generation von Schülern, meist selbsternannten, ediert, die sich autodidaktisch nichts anderes angeeignet haben, als das Handwerk, ihre Meister zu edieren. Es sind nicht Schüler, die eine Lehre weitergeben, sondern solche, die das verlassene Feld der Autorschaft weiter pflegen (S. 332).

Derartigen Ansätzen, die sich in akademischen Kreisen noch immer halten, setzt Ritter ein klassisches Verständnis von Philosophie entgegen. Im Einklang mit Aristoteles und Jean Paul bringt er die ‚professionelle Nachdenklichkeit’ deshalb wieder mit der Verwunderung über die Welt in Verbindung: „Philosophisch ist es nicht so sehr, einen Sachverhalt auszusprechen, als ihn staunend ernst zu nehmen“ (S. 116). Dass solche Vorschläge im universitären Kontext undenkbar wären, liegt auf der Hand. Aus diesem Grund kommt es derzeit allein außerhalb der philosophischen Seminare zu einer Rückbesinnung auf beständige Theorien. Zusammen mit Ritter sind hier vor allem die Aphoristiker Michael Rumpf, Jürgen Große und Andreas Steffens zu nennen. Von ‚verschütteten Traditionen der Kurzprosa’ zu reden, wie es die eingangs erwähnte F.A.Z -Rezension tut, ist somit etwas irreführend. Es gibt gegenwärtig etliche philosophische Schriftsteller, die mit der ‚kleinen Form’ experimentieren. Henning Ritter ist demnach in bester Gesellschaft.

Quellennachweise:

(1) Camman, Alexander. „Henning Ritter. Ihm entgeht nichts“, in: Die Zeit (24.10.2010).
(2) Jungwirth, Peter: „Floß im Gedankenmeer. Henning Ritters Notizhefte“, in: Wiener Zeitung (18. Dezember 2010).
(3) Weyh, Florian Felix: „Bedächtig konservativ“, in: dradio.de (16.1.2011).
(4) Richter, Sandra: „Henning Ritters Notizhefte. Weglassen, verschweigen und keinesfalls eine Debatte führen“, in: F.A.Z (26.11.2010).
(5) Ebd.
(6) Weyh, Florian Felix: „Bedächtig konservativ“, in: dradio.de (16.1.2011).

Henning Ritter
Notizhefte
Berlin
2010 · 400 Seiten · 32,00 Euro
ISBN:
978-3-827009586

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