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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
Kritik

Schwarzweiß im Spiel

Vom Krakeln belebt
Hamburg

Emergences – Résurgences erschien 1972 im französischen Original in der Reihe „Les sentiers de la création“, in der so bekannte Köpfe wie Roland Barthes oder René Char über die Pfade ihrer Kreativität veröffentlicht hatten und in der nun Henri Michaux erstmals über seine bildnerische Entwicklung referierte. Bildbeispiele illustrierten die verschiedenen Phasen und Ausdrucksvarianten, die Techniken und Stilvorlieben. Auch in der jetzt erstmals deutsch vorliegenden Fassung „Zeichen. Köpfe. Gesten“ sind diese den Texten so beigestellt, daß sie anschaulich werden lassen, wie Michaux seine malerische Wegstrecke ging. Beginnend mit einer automatischen Zeichnung aus dem Jahr 1927, die er in einer Zeitung veröffentlicht hatte.

„Auch mich“, eröffnet Michaux seinen Text, „überfällt eines Tages, spät, bereits erwachsen, der Wunsch zu zeichnen, durch Linien teilzuhaben an der Welt.“

Bereits in diesem unauffälligen Satz steckt eine ganze Philosophie der Zeichengebung, die von Teilhabe spricht nicht am Gezeichneten sondern an der Welt durch einen elementaren Prozess. Das Zeichen, das ich erstelle, gerät in die Gemeinschaft aller Zeichen und behauptet sich. Das erfolgte Einbringen vollzieht ein Einwachsen in den Sinnvorrat der Umgebung, auch wenn dieser als Schwärze oder Leere, als weißes Blatt kaum andere eigene Angebote macht als den, Hintergrund zu sein. Einmal erzeugt, wird das Zeichen zum Zeugnis, zum Eigentümlichen, Resultat einer Trennung, eines gewaltsamen Auftritts von Puls oder Trommel, einer hingezitterten oder geradewegs linierten Membran, zu einem Bewölken des Nichts mit Möglichkeiten etwas zu sein. Das Zeichen erwächst und macht ihren Erzeuger erwachsen. Er wird zum Teilhaber, Insspielbringer, Kartengeber, seine Umweltung wird zur Bühne. Er kommt zur Welt mit dem, was er setzt und sei es ein krakeliges Auf und Ab, Hin und Wider, ein bedeutungslos gemeintes Spiel, das eine Linie auf ein Blatt setzt und nichts von ihr will, außer daß sie weitergeht.

„Eine Linie eher als Linien. So beginne ich, lasse mich von einer führen, einer einzigen, die ich, ohne den Stift vom Papier zu heben, laufen lasse, bis ihr Herumirren auf diesem beschränkten Raum zu einem Halt kommen muss. Man sieht ein Gewirr, eine Zeichnung wie danach verlangend, in sich selbst zurückzukehren.“ schreibt Michaux weiter. Darunter abgebildet eine Art Schrift, die es als Vereinbarung nicht gibt und aus dem Handgelenk entstand, während Michaux seinem Plan folgte ein Herumirren zu simulieren, planlos zu sein und ohne Anspruch.

Genauso aber wird das Krakelige zum Anspruch, will genau so in die Welt und nicht anders. Es ist Zeichen des Willens und kann, was es will, als Anspruch vertreten. Es ist ein Satz, der sich in die Welt spricht. „Wie ich, sucht die Linie ohne zu wissen, was sie sucht, verweigert die schnellen Funde, die sich anbietenden Lösungen, die naheliegenden Versuchungen. Linie der blinden Erkundung, die sich hütet anzukommen.“

Auch das Nichtwollen des Willens ist ein Gemeintes, das sich dem Papier mitteilt. Auch das Wollen des Chaos, des Rauschens und Zitterns meint etwas. Es weiß um die Angebote, die ein Zeichen hat, wenn es umgeben ist und umgebend wird. Es weiß um das Prinzip des Dinghaften, das nur zur einen Hälfte am Ding haftet, zur anderen aber auch an dem, der es kassiert, der es als Umweltung wählt und Eigenschaften nutzt. Wer das Ding befreien will, muß es fortgesetzt loslassen. Das eine Mal loslassen genügt nicht. Am besten, er vergisst es und vergisst, daß er es vergessen will. Michaux schreibt:

„Ich wollte ein Kontinuum. Ein Kontinuum wie ein Murmeln, das nicht aufhört, dem Leben gleich, das vor allen Eigenschaften darin besteht, uns fortzusetzen.“

Hier entsteht sein Konflikt. Das Leben murmelt, aber es ist keine Murmel. Das Leben tut Dinge, die es als Gestalt, Form, lesbares Zeichen offensichtlich nicht ist. Und umgekehrt, die Zeichen, die entstehen, deren Gestalt Wahrwerdung fordern, die Krakel auf dem Papier, sind Krakel.  Denn nicht das fixierte Zeugnis, sondern das Krakeln an sich ist das Leben dahinter. Das Tun der Krakel ist das, was Kontinuum ist, die Krakel selbst sind für Michauxs eigentliches Wollen ohne Belang, weil schon wieder Stempel, Dokumente, Zeugnisse, Befundmasse und Interpretationsraum.

„Unmöglich zu zeichnen, als ob diese stetige Fortsetzung nicht existierte. Sie gilt es gerade wiederzugeben. Fehlschläge. / Fehlschläge. / Versuche. Fehlschläge.“

Das Formale, das entstandene, ausgeprägte Zeichen bricht jede Unverbindlichkeit, egal wie und auf welche Weise es daherkommt. Das Entstehen von Zeichen macht Angebote das stetige Fließen zu zerbrechen und Eindeutigkeit zu erzeugen, hineinzudeuten, was herauskommen könnte. Dem Hineindeuter ein Mittel zu sein, ein Ding, geeignet zu was. Das vom Erzeuger Gemeinte wird zum Ding für das Erzeugen des Meinens. Der eine gibt ab, was ein anderer aufnimmt und es ist prinzipiell ohne Belang, welche Absicht hinter dem erzeugten Gemeinten steckt, für das, was der Bedeuter herausholt und sich für seine Zwecke einverleibt.

Das Blubbern wird zu einer Folge von Blasen, sobald ich Formen und ihren Auftritt beschreibe. Das Kontinuum verliert sich beim Blick aufs Detail. Nur Prozesse, die dann zustande kommen, wenn Details in einer Weise vorhanden sind, daß sie lesbar sind, bzw. lesbar machen, daß sie Erscheinungen für eine Bedeutung ausrechenbar machen und dann als „bekannt“ bereit halten, können verlässliche Muster erzeugen, die ihrerseits wieder als Basis, als Detail eines darauf aufbauenden Prozesses, dienen können. So addiert sich Lesbarkeit auf zu komplexen Systemen, die stetig sind. Unlesbarkeit verhindert Komplexität und vereinzelt, sensationalisiert oder macht chaotisch.

Michaux ist hier also in einem schrecklichen Dilemma. Er will alle Regel und alles Gewollte fernhalten, um das Lebendige, das Kontinuum des Pulses und die Kreativität des Weltodems aufzuzeichnen. Er wählt dazu das scheinbar ungeregelte, willenlose Kritzeln. Das Gesetzlose soll helfen, sich dem Ideal des Lebendigen anzunähern, das für Michaux aus einem Urgrund des Chaos immerzu Neues gebiert. „Ich möchte, dass meine Entwürfe die Phrasierung des Lebens selbst sind, doch geschmeidig, modellierbar, verwickelt. Rund um mich das verwunderte Kopfschütteln von Leuten, die es gut mit mir meinen … ich würde mich verirren … anstatt ganz einfach zu schreiben.“

Was Michaux dabei den lebendigen Prozessen tatsächlich annähert sind nicht die Krakel, die er erzeugt, sondern daß er eine bestimmte Aktion mit einer bestimmten Ausstattung in einer bestimmten Grundattitüde ausführt. Daß er sich dabei isoliert, alleine in einem Zimmer sitzt und versucht willenlos zu sein.

„In einem geliehenen Zimmer, von Bäumen umgeben … bedecke ich Papierbögen mit Zeichnungen. Dann zerreiße ich sie. Beginne von neuem. Aufs Geratewohl. Zerreiße sie wieder. Ich zerreiße sie. Aufbewahren wird schnell ärgerlich. / Meine Lust ist es, hervorzubringen, zur Erscheinung zu bringen, dann zum Verschwinden.“

Das Hervorbringen von etwas, das nicht den Makel der Egomanie hat, das Erzeugen eines Geschenks an die Gegenwart, das Kunst sein kann (wenn man sie darin sieht), eigentlich das Gebären von Unschuld – also Aktionen in die Welt hinein, sind das, was Michaux lustvoll erlebt. Das Verfertigen dieser Kunst ist ein Auf-die-Welt-Kommen, ein Sagbarmachen von eigenem Text, wobei der Text, das Ding, das erscheint, das Gebastelte im Licht auf der Rampe, nicht das Lustvolle ist, sondern die Tatsache es dorthin gestellt zu haben, wo es sichtbar im Weltenraum wesenhaft wird. Krakel können Kunst sein – wenn ich Bedingungen herstelle, die sie dorthin erhöhen. Wenn sie für ein Zur-Welt-Kommen stehen, das gemeint ist.

„Malen im Vergessen des Selbst und dessen, was man sieht oder sehen könnte, Malen dessen, was man weiß, Ausdruck seines Platzes in der Welt“, schreibt Michaux auf S. 99 und stellt dem auf S. 109 entgegen: „Ich wollte, glaube ich, mich mit dem Zeichnen nicht ausdrücken, sondern die Welt in mich eindrücken. Anders und kräftiger.“ - Was sich fast wie ein Widerspruch liest, meint bei Michaux zweimal dasselbe: der Selbstvergessene hat Platz für andere Dinge, die nicht Ich sind. Er ist der Fachmann für die Weggabe, die vor der Hingabe steht. Der sich selbst nicht mehr Ausdrückende hat erst Platz für den Eindruck.

Manchmal ist das ein Märchen: der Künstler, der sein Ich den Künsten opfert. Mir ist kalt. Statt zu heizen, mache ich ein Gedicht übers Kaltsein. Alles Selbstvergessen öffnet Räume, aber es frisst auch das Fleisch von den Knochen. Michaux fühlt sich vom Leben überfordert (s.60). Er nimmt Drogen, Mescalin, experimentiert mit dem Selbstvergessen, es sind Wesen, Figuren, Köpfe, die aus der Luft auftauchen. „Und alles Maß verloren, alle Dimension, alles Endgültige aufgehoben.“

Michaux liebt Texturen. Egal wie er sie erzeugt, ob mit Tusche und Pinsel oder Bleistift. Er liebt dabei auch das Oszillieren, Erregung fließt als Landschaft über das Blatt. Das Ungenaue wird durch seine Wiederholung zum Verläßlichen, durch Dichte zum background. Jetzt sind Sekunden eingefroren und es gibt Satzzeichen, die Strukturen erzeugen, teils durch fröhliche Turbulenz, teils als Verletzung und Wunde. Immer noch ist Michaux der Mann am Spielfeldrand, der die Bälle zum Einwurf holt. Es spielt nur eine Mannschaft und dennoch: das Schwarze tritt gegen das Weiße an: „ Schwarz der Unzufriedenheit. Schwarz ohne Hemmung. Ohne Kompromiss. Schwarz, das verknüpft ist mit Wut. / Schwarz, das eine Lache bildet, das verletzt, das sich über den Körper wälzt von …, das jedes Hindernis überwindet, das herabstürzt, das die Lichter löscht, verschlingendes Schwarz. / Das Wüten, entschieden größer als die Hingabe, wird hier immer notwendiger ….....“

Schwarzweiß. Darin steckt der Kampf der Behauptung, der Mut des Kleckses Grenzen zu haben, der Mut der Grenze, gezogen zu sein. Und dabei die Wut – wenn es keine Geduld mehr gibt, wenn das strichweise Dasein einen Tümpel braucht, ein Wasserloch für die Tiere rundum. Schwarz will noch mehr Dasein, sein eigenes und das des Weißen. Es fordert Stärke. Michaux verwischt es, bewegt es, verstreicht es. Es wird eine Rinde daraus oder ein Schlachtgemälde. Es soll nichts sein, wie es ist. Es soll alles sein, was es sein kann. Die Welt soll so sein, daß sie möglich ist.

Ich glaube, das ist der tiefere Sinn von Michauxs bildnerischen Zugängen: die Welt ist in erster Linie etwas, das sich ständig verändert. Sie hat ein Gesicht, aber dieses Gesicht lebt von den Gesten der Bewegtheit. Alles Schwarzweiß läßt sich verwischen, Strukturen, die man findet, ergeben auf einer anderen Ebene einen anderen Sinn, der dann nicht als Detail zu erkennen ist, sondern als Muster. Der Blick auf die Welt ist kein Blick auf ein Ding, sondern ein Ausflug in sich verändernde Strukturen, wo Zeichen ein Spiel spielen, weil sie verschieden im Spiel sind. Es gibt Alphabete.

Henri Michaux
ZEICHEN. KÖPFE. GESTEN.
Aus dem Französischen und mit einer Nachbemerkung von Helmut Mayer
Piet Meyer
2014 · 144 Seiten · 38,70 Euro
ISBN:
978-3-905799-30-9

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