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Kritik

Thoreaus meisterliche Reiseerzählung

Erstmals auf Deutsch
Hamburg

Kann man etwas falsch machen, wenn man sich endlich entschließt, eine deutschsprachige Fassung eines der weniger bekannten Werke von Henry David Thoreau (1817-62) zu veröffentlichen?  Zunächst einmal ist ein solches Unternehmen eine gute Tat, denn Thoreau zu lesen ist ein großes kulturelles Erlebnis.  Seine Art zu schreiben lässt sich mit der seines Mentors Ralph Waldo Emerson in den Essays vergleichen oder mit den gedanklich ausschweifenden Erzähltexten Herman Melvilles, beide Zeitgenossen. Das digressive Schreiben um eine Anekdote, eine autobiographische Episode, am besten aber nach klassischen Vorbildern um eine kleine Reise herum,  ist ihr gemeinsames Kennzeichen. Schon Walden (1854) umkreist in immer weiter (ab)schweifenden Bögen das Leben in der selbstgebauten Hütte (auf Emersons Land) am Waldensee. Thoreau liebt symbolische Handlungen und verankert sie mit historischen Zitaten, literarischen Anspielungen und höchsteigenen – oft naturwissenschaftlichen – Beobachtungen. Darum geht es dem Autor – Maß zu nehmen, die Welt frisch zu sehen, das Gewohnte  zu ent-decken – das ist bereits ein frühes prä-modernistisches Erkenntnisinteresse des Autors, das seine (Wieder)Entdeckung zu Beginn des 20. Jahrhundert empfahl: Der Reisende, der sich auf den Weg macht, um zu sehen, was es zu sehen gibt und Erklärungen sucht, um Verständnis zu erlangen.

Ein Exzentriker, dieser Thoreau, gewiss, wie auch der Erzähler im ersten Absatz von Moby-Dick. Oder wie jene Historiker und Naturforscher, die zu Thoreaus und Melvilles Zeiten die Geschichte und Vorgeschichte ihres jungen Landes im Selbstversuch zu erschließen und zu beschreiben suchten – William Bartram, John James Audubon, Francis Parkman, Clarence King, zum Beispiel.  Henry Thoreau sucht nach Pfeilspitzen, Fußabdrücken, Pflanzen und Tieren und Einsichten in die Natur und die Natur des Menschen. Sie alle versuchten, ihrem Kontinent mit den älteren Zivilisationen zu verschränken und zugleich seine Einzigartigkeit konkret zu benennen.

So auch in den vier verschiedenen Wanderungen auf der Halbinsel in Fischhakenform, Cape Cod, die er zwischen 1855 und 1857 allein oder in Begleitung seines Freundes Ellery Channing unternahm.  Die daraus entstehenden – separat und bis auf eine zunächst in Zeitschriften publizierten – Reiseberichte, sind in dem vorliegenden Band bis auf den letzten enthalten und übersetzt und sorgfältig annotiert von Klaus Bonn.  Die Reiseerlebnisse von Ilja Trojanow – man musste seitens des Verlages offenbar unbedingt aktualisieren und heutige Relevanz unterstreichen – werden vorangestellt und als Essay auf dem mit einer historischen Karte geschmückten Schutzumschlag angekündigt.  Warum der Band in ähnlich merkwürdig deutsch-englischer / historisch-gegenwärtiger Fügung Kap Cod heißt, will sich mir nicht erschließen.  Der Ort heißt Cape Cod, die Texte sind seit 1908 als Cape Cod zusammengefasst – warum diese teilweise Einbürgerung?  Warum dürfen wir Thoreau nicht allein genießen, auch ohne Trojanows lustiges Autoradio?

Ich bin mir sicher, dass Thoreaus Text in Bonns gekonnter deutscher Übersetzung sehr gut allein bestehen kann. Welch eine Fülle an Einsichten und Informationen bietet das Buch demjenigen, der sich viel mehr als einen Reiseführer erhofft und sich mit Thoreau in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts an den ersten Landeplatz der englischen Siedler in Massachusetts entführen lässt und mit ihnen und dem Autor in Gesellschaft der Ureinwohner Land gewinnt.  –  Das Buch ist aufwendig produziert und auch für die Bibliothek des englischsprachigen Lesers ein Gewinn.

Henry David Thoreau · Klaus Bonn (Hg.)
Kap Cod
Mit einem Essay von Ilija Trojanow
Residenz
2014 · 320 Seiten · 24,90 Euro
ISBN:
9783701716159

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