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Kritik

Wider die Anonymität

Hamburg

Es war im Frühjahr 1946, als der zehnjährige Henryk Grynberg von seiner Lehrerin die Aufgabe bekam, die über seinen Werdegang entscheiden sollte. Die Klasse hatte einen Aufsatz über einen Ausflug zu verfassen, und Grynberg schrieb über all jene, die diesen Frühling nicht mehr erleben durften. Heute ist Grynberg, der fast seine gesamte Familie im Holocaust verlor, eine der bedeutendsten Stimmen der polnisch-jüdischen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg. Seit 1959 veröffentlicht der ehemalige Schauspieler Gedichte, Prosa, Theaterstücke und Essays zu „seinem Thema“.

Die im Verlag Hentrich & Hentrich in der Reihe „Jüdische Spuren“ erscheinenden Essays aus den letzten drei Jahrzehnten eröffnen dem deutschen Publikum einen neuen Zugang zu Leben und Werk Grynbergs. Für „Unkünstlerische Wahrheit“ sind aus dem gleichnamigen Band von 2002 sowie aus der Essaysammlung „Polnisch-jüdischer Monolog“ (2003) elf Essays ausgewählt worden. Lothar Quinkenstein übertrug die Texte ins Deutsche; von ihm stammen ebenfalls ein Nachwort sowie ein umfangreicher Fußnotenapparat. Der schlichte graue Einband des von Liliana Ruth Feierstein herausgegebenen Essaybands lässt nicht vermuten, welche Rarität man mit diesem Buch in Händen hält.

Leise und sensibel sind Grynbergs Worte, wenn er an die Ermordeten erinnert, deren Tod „nicht nur die Nationalsozialisten (…) die Bedeutung nehmen wollen.“  Scharf wird sein Ton, wenn er die vielen Gesichter des Judenhasses entlarvt. In „Altera Pars“ rückt Grynberg den Scheinwahrheiten zu Leibe, die Geschichtsklitterer glauben ließen, das letzte Wort zur „jüdischen Frage“ zu haben. Er nimmt hier aber nicht nur Mythen über einen spezifisch polnischen Antisemitismus ins Visier, sondern wirft gleichzeitig Schlaglichter auf bis dato unbekannte Facetten des jüdischen Lebens im Nachkriegspolen: Die Schikanen enden nicht 1945. 1967, ein Jahr vor Auftakt der antisemitischen Kampagne in Polen, emigriert Grynberg in die USA, um seine „psychische Gesundheit zu retten“, wie er in „Wir, die Juden aus Dobre“ festhält.

Sämtliche seiner Essays sind geradezu übervoll mit leicht überlesbaren Aussagen wie diesen. Ihr Autor steht im Dienst der „unkünstlerischen Wahrheit“, die für ihn weit mehr bedeutet als die Verweigerung, den Wunden der jüdischen Katastrophe literarisch den Stachel zu ziehen. Seinen immer wieder eingeschobenen Anklagen gegen jede Form von Totalitarismus fehlt der artifizielle Schmuck ebenso wie seinen einfühlsamen Porträts von Janusz Korczak und Stanisław Vincenz. Wem diese Namen nichts sagen, der wird in Grynbergs großen Essays über die polnisch-jüdische Nachkriegsliteratur auf weitere Unbekannte stoßen. In „Der Holocaust in der polnischen Literatur“ (1984) kommen sie zu Wort: Zofia Nałkowska und Tadeusz Borowski mit ihrer peinigend deskriptiven Prosa; Stanisław Wygodzki und Adolf Rudnicki mit ihren realistischen Erzählungen. Viele Seiten widmet der Autor ebenfalls Zeugnissen, die in seinen Augen mindestens ebenso wichtig sind wie Anne Franks Tagebuch; darunter die Aufzeichnungen des kleinen Dawid Rubinowitz, dessen Lebensspur sich im Jahr ’42 im Kielcer Ghetto verliert. Nicht minder bedeutsam für die Erforschung der Holocaust-Literatur in Polen waren aber die Entwicklungen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Mit dem Erscheinen von „Generation Shoah“  im Jahr 2002 verschafft Grynberg jenen Autor Gehör, deren Texte erst in den Neunzigern geschrieben oder ausgegraben wurden, wie etwa Ida Fink und Calel Perechodnik.

Wie viele seiner Schriftstellerkollegen der „Generation Shoah“ muss der Wahlamerikaner Grynberg sich lange mit zermürbenden Fragen nach der eigenen Identität auseinandersetzen. Der Riss durch die eigene Lebensgeschichte zieht sich durch die Texte all jener, denen wie ihm die Sehnsucht „nach sich selbst, nach der eigenen Kindheit“ vergiftet wurde. Wenige sind mit diesen Rissen so gut vertraut wie Grynberg. Gleichzeitig nimmt er die Umwälzungen in seiner alten Heimat aus der Distanz anders wahr - und muss zudem nicht die Zensur fürchten. An Literaten legt er trotzdem mindestens ebenso hohe Maßstäbe wie an den Historiker. Wer über den Holocaust schreibt, ob Überlebender oder Augenzeuge, ist der Wahrheit verpflichtet.  

Ähnlich wie Georges Perec, polnischstämmiger Holocaustüberlebender desselben Jahrgangs, ist daher auch Grynberg von Fakten und Details besessen. Mit der kühlen Akribie eines Gerichtszeichners beschreibt er in „Am schönen blauen Wannsee“ die Fotografien der Konferenz-Teilnehmer vom Januar 1942, nur um wenig später einen lakonischen Satz hinzuwerfen, der dem Leser die Kehle zuschnürt. „Es war sein erster Winter“, schreibt Grynberg über seinen kleinen Bruder Buciek, „und einen zweiten sah er nicht, denn die Teilnehmer der Konferenz gestatten ihm nicht, ihn zu erleben.“

Grynbergs elegante Texte lesen sich flüssig und wühlen auf, müssen es sogar. Gerade auch dort, wo er sich empathisch in die Biografien anderer „Feuerversehrter“ (siehe bei Irit Amiel) hineindenkt.  Nur ein einziges Mal verliert der Autor scheinbar seine Souveränität: In „Die Verpflichtung“ (2003) erinnert sich Grynberg an das Filmprojekt „Miejsce urodzenia“ (Geburtsort), für das er in den frühen Neunzigern an den Ort zurückkehrt, wo Vater und Bruder umgebracht wurden. Hier fehlt mit einem Mal die sonst oft mühsam aufgerichtete Distanz zum Geschehen. Seine Sätze sind weniger aufgeräumt, er enthält dem Leser unbeabsichtigt Informationen vor, die für  das Gesamtverständnis wichtig wären.

Aus diesen Sätzen spricht die tiefe Verletzlichkeit des großen Chronisten des Schicksals der polnischen Juden. Die Worte, die dem eloquenten Mann einfach wegzubrechen scheinen, erzählen von dem, was sich zwischen den Zeilen der Gedenkbücher verborgen hält. Hierin liegt schließlich eine der größten unkünstlerischen Wahrheiten: Die Erinnerung kennt keinen Schlussstrich. Denn Geschichte ist nie unpersönlich, und kein Leben, kein Tod ist anonym.

Henryk Grynberg · Liliana Ruth Feierstein (Hg.)
Unkünstlerische Wahrheit
Ausgewählte Essays
Aus dem Polnischen und mit einem Nachwort von Lothar Quinkenstein, durchgesehen von Katarzyna Śliwińska
Hentrich & Hentrich
2014 · 354 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-95565-050-6

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