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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

„Wie? Herman Melville lebt?“

Nachgelassene Gedichte und Geschichten aus Melvilles Eigenverlag
Hamburg

Als Moby Dick erschien, das Werk mit dem Melvilles Name in den Analen der Weltliteratur festgeschrieben wurde, war der Stern des Herman Melville längst im Sinken begriffen. Seine Werke verkauften sich nicht, niemand schien sich mehr für seine Bücher zu interessieren. Herman Melville arbeitete von Montags bis Samstags im New Yorker Hafen als Zollinspektor und schrieb nur nebenbei weiter. Weder die Gedichte über den amerikanischen Bürgerkrieg, 1866 unter dem Titel „Battle-Pieces and Aspects of the War“ erschienen, noch das 10 Jahre später publizierte Epos „Clarel“, fanden das Interesse der Öffentlichkeit. 

Dass die nun von Alexander Pechmann neu übersetzten Gedichte und Geschichten, die Melville selbst für den Band „John Marr und andere Matrosen“ zusammengestellt hat, überhaupt 1888 anonym und auf Kosten des Autors erscheinen konnten, verdankt sich nicht zuletzt  einen kleinen Kreis von Bewunderern in England, die sich fest vorgenommen hatten, Melville nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Unter ihnen war auch William Clark Russel, ein englisch-amerikanischer Autor, der ebenso wie Melville nicht nur über die Seefahrt schrieb, sondern sie selbst erlebt hatte. Seit 1881 schrieben die beiden Männern einander und Russels Ermutigung dürfte nicht unerheblich für das Zustandekommen und mehr noch für die Auflage des kleinen Werkes gewesen sein.

John Marr und andere Matrosen, mare

Die Geschichte von John Marr, einem Matrosen, der an Land gestrandet ist, ohne jemals angekommen zu sein, leitet die weiteren Texte ein, die allesamt von der Erinnerung handeln. Diesem Matrosen, der auch nachdem er Frau und Kinder verloren hat, an Land bleiben will, gelingt es trotz aller Bemühungen nicht, die Heimeligkeit eines begrenzten Horizonts gegen die Weite des Meeres einzutauschen. Die Menschen dort sind ihm zu fremd:

„Sie waren ein behäbiges Volk; behäbig aufgrund der Gewöhnung an immer gleiches Elend: Asketen, nicht weniger aus Notwendigkeit denn aus moralischer Überzeugung; fast alle von ernsthaftem, wenn auch schlichtem Glauben.“

Die Einsamkeit macht John Marr empfänglich für die Ungerechtigkeiten:

„Dieser doppelte Exodus von Mensch und Tier hatte die Prärie als Wüste zurückgelassen.“´

Eine Prärie, die John Marr vorkommt, wie „[...] das Bett eines ausgetrockneten Meeres.“

Aus der Einsamkeit, der Abgeschnittenheit von den Kameraden und von seiner Familie, entsteht ein Gedicht, die Anrufung der Schweigenden.

Diese Kombination von Prosatext und Lyrik, erfahren in Sachen Melville eher unbedarfte Leser wie ich, in den Anmerkungen, ist typisch für Melvilles Spätwerk.

In Bräutigam Dick, einem langen Gedicht aus dem Jahr 1876, lässt Melville einen alten Seemann, der mit seiner Frau in der Herbstsonne sitzt, von seiner Zeit auf See erzählen. Seine Erinnerungen lassen die Kameraden auferstehen und die Wirren des Bürgerkrieges neu erleben.

Tom Deadlight dient wiederum als Einleitung in Prosa für das auf diesen Text folgende Gedicht eines Sterbenden.

Die den Band abschließenden kleinen Seestücke, Widmungen u.a. an seinen jüngeren Bruder runden das „Bild geprägt in Münzen der Erinnerung“ ab.

Die Meinungen über die Qualität von Melvilles Lyrik gingen schon zu seinen Lebzeiten weit auseinander, aber nicht darum geht es bei dieser überarbeiteten Neuauflage, sondern vielmehr darum, „eine wohlvertraute und lieb gewonnene Stimme in weitgehend unbekannten Texten wiederzufinden.“ Dafür sprechen auch die feinsinnigen Illustrationen, die Pascal Cloetta beigesteuert hat, sowie das informative Nachwort und die Tatsache, dass alle Texte und Gedichte im Anhang im Original abgedruckt sind. Und nicht zuletzt der wunderschöne Leineneinband, der je nach Lichteinfall blau, oder grün  wie das Meer schimmert.

Herman Melville
John Marr und andere Matrosen
Mit einigen Seestücken
Übersetzung: Alexander Pechmann, mit Illustrationen von Pascal Cloëtta
mare
2014 · 160 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-86648-149-7

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