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Kritik

Der mütterliche Kosmos

In der nachgelassenen Erzählung „Der Lachartist“ überwindet Hermann Burger die Mutter

Hermann Burger war nicht nur ein großartiger, sondern auch ein getriebener Sprachkünstler, hinter dessen stilistischer Virtuosität komplexe Gedanken- und Gefühlslabyrinthe lauerten. Im Erzählband „Diabelli“ schrieb er 1977: „Die Fremdwörter-Orgien sind meine Marotte, um für gewisse Phänomene Begrifflichkeit zu schaffen.“ Streng komponierte und verschachtelte Satzgefüge, eine Vielzahl an literarischen Anspielungen und die Inflation an Wortklonen und Begriffszwitter, die er überhaupt erst erfand, machen es den Lesern und Leserinnen von Burgers Büchern nie einfach. In seinen Frankfurter Poetik-Vorlesungen 1986 notierte er über seine Sprachbesessenheit, dass ihm die Sprache als ein Mikroskop diene, das ihm die Realität vergrößert, kenntlich macht, aber auch verfremdet. Das Ziel ihrer Handhabung ist: „Einen Gegenstand mit Wörtern anpacken, bis er sein wahres Gesicht zeigt“.

Seine letzte, aus dem Nachlass erschienene Erzählung „Der Lachartist“ demonstriert dies perfekt. Gleich mit dem ersten Satz schraubt er sich hinein in eine Komposition, die beim ersten Lesen kaum aufzuschlüsseln ist. Indem er Haupt- und Nebensätze ineinander schachtelt, und Kommas setzt, wo Punkte die Satzeinheiten strukturieren würden, bleibt es der Lektüre selbst vorbehalten, die richtigen Zäsuren zu setzen. Das hat System bei Burger, denn in seinem Leben und Werk hängt alles mit allem zusammen. Die verschachtelten Sätze und abenteuerlichen Wortschöpfungen maskieren mit bestechender Brillanz, dass es ihm um alles geht: um seine Geburt, seine Mutter, sein Leben. Mit Anklängen an den Roman „Die Künstliche Mutter“ von 1982 erzeugt diese letzte Erzählung einen schier unbändigen Hass auf die Mutter. Sie, die dem Lachartisten einst „anstelle des Gutenachtkusses ins Gesicht spuckte und sagte: Ich habe dich nur deshalb nicht abtreiben lassen, weil ich hoffte, deine Homunculus-Abnormitäten in Spiritus, dein Kümmerglied mit dem Fernrohr studieren zu können…“.

Die rhetorische Kastration als Lebenstrauma, gipfelnd in einer endgültigen „ejaculatio letalis“. Anstatt Liebe hat der Lachartist Sand zu fressen bekommen – deshalb wählt er für sich selbst den Weg in die Wüste (der Welt), wo er, Riderius Gelan, sich mit seinen lachartistischen Nummern selbst kleine Oasen schafft.

Diese letzte Erzählung ist ein böses, kurzes Prosastück, in dem Burger das Kierkegaard’sche Entweder-Oder in ein „weder noch“ auflöst. „Am hellsten erstrahlt die Königin vor dem Hintergrund der Finsternis dessen, der sie am teuflischsten hasst.“ Sich ob der mütterlichen Zurückweisung förmlich zu Tode lachend, macht der Erzähler „meine von Anfang verfehlte Geburt definitiv rückgängig“. Der Angelpunkt dieser Formulierung besteht offenkundig darin, dass es am Ende ein Ich-Erzähler ist, der seinen (symbolischen) Tod im Präteritum erzählt. Auf den wenigen Seiten ist die Erzählinstanz unmerklich vom Er zum Ich hinübegeglitten.

Die posthume Ausgabe in einem schönen Büchlein zitiert Burgers „Tractatus logico-suicidalis“ auf dem Umschlag: „Waren wir denn je etwas anderes als ein universal begabter Lachartist?“ Ein Lachartist, dem es allerdings am Ende nicht mehr zum Lachen war. Kurz nach Entstehen dieses Textes hat sich Hermann Burger am 28. Februar 1989 im Alter von nur 47 Jahren das Leben genommen. Seine letzte Erzählung lässt die komplexe Gefühlslage erahnen. Komik und Tragik halten sich eine prekäre Balance, die zuletzt auch sprachlich nicht mehr auszuhalten war.

Hermann Burger · Magnus Wieland (Hg.) · Simon Zumsteg (Hg.)
Der Lachartist
Übersetzung:
Simom Zumsteg
Edition Voldemeer
2009 · 41 Seiten · 14,95 Euro
ISBN:
978-3-211959831
Erstveröffentlicht: 
literaturkritik.de

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