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kiwi_NORMAN OHLER Die Gleichung des Lebens
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kiwi_NORMAN OHLER Die Gleichung des Lebens
Kritik

Der Dämon, der einen zwingt, Böses zu tun.

Hermann Hesses hundert Jahre alte Erzählung "Kinderseele" analysiert Angst und Scham eines Elfjährigen, kongenial illustriert von Marie Wolf
Hamburg

„Als ich elf Jahre alt war, kam ich eines Tages von der Schule her nach Hause, an einem von den Tagen, wo Schicksal in den Ecken lauert, wo leicht etwas passiert. An diesen Tagen scheint jede Unordnung und Störung der eigenen Seele sich in unserer Umwelt zu spiegeln und sie zu entstellen. Unbehagen und Angst beklemmen unser Herz, und wir suchen und finden ihre vermeintlichen Ursachen außer uns, sehen die Welt schlecht eingerichtet und stoßen überall auf Widerstände.“

Es wird ein unvergesslicher Tag für den Elfjährigen, einer dieser Tage, „von denen zu sprechen uns Mühe macht", und, wie er auf dem Heimweg schon ahnt, "ihre Schatten fallen lang über alle unsere Tage unseres Lebens.“ Da ist ihm die Schule an diesem Samstag, der ihm wie ein öder Montag vorkommt, so richtig zuwider. Und auch mit seinen Freunden hadert er, mit Oskar Weber vor allem, der so anders ist als er. Sohn eines Lokomotivführers, in der Arbeiterschicht, aus der er kommt, fest verankert. Der kann auf eine ganz andere Art lachen als er, fast wie ein Erwachsener, kann über Witze lachen, die der Elfjährige nicht einmal versteht. Lebt ganz selbstverständlich in einer Welt, die dem Wohlbehüteten wie ein Abenteuer vorkommt, geheimnisvoll, undurchschaubar.

Von Ängsten und Vorahnungen und schlechter Laune getrieben, stiehlt der Junge zu Hause aus der Schublade im Arbeitszimmer seines Vaters ein paar getrocknete Feigen, obwohl er weiß, dass es herauskommen wird, dass er dann auch bestraft werden wird. Wie unter Zwang steht er, etwas Böses, etwas Unrechtes zu tun:

"Manchmal handeln wir, gehen aus und ein, tun dies und das, und es ist alles leicht, unbeschwert und gleichsam unverbindlich, es könnte scheinbar alles auch anders sein. Und manchmal, zu anderen Stunden, könnte nichts anders sein, ist nichts unverbindlich und leicht, und jeder Atemzug, den wir tun, ist von Gewalten bestimmt und schwer von Schicksal."

Was dann passiert, in Hermann Hesses Erzählung "Kinderseele" von 1919, ist in der Literatur selten: In voller Wucht breitet der Ich-Erzähler, der diese autobiografische Episode im Rückblick schreibt, die Dramatik dieses jungen Lebens aus, seine Ohnmacht, seine Hilflosigkeit, seine Angst. Bis in die kleinsten Regungen analysiert der Erwachsene, was dem Kleinen begegnet, wem er ausgesetzt ist, was ihn, so möchte man befürchten, in den Selbstmord treibt (in Hesses gibt es einige Selbstmörder, auch jugendliche). Immer gewaltiger werden die Phantasien, immer größer die Angst und Panik, immer stärker die Selbstanklagen. Denn er weiß eben nicht, wie er diesem "Zwang, Böses zu tun", entrinnen kann, wieso er gut ist, aber dennoch, wie von einem Dämon verführt, stehlen und lügen muss. Wieso es überhaupt diese dunkle Seite in ihm gibt, die ihm seine guten Seiten verleidet.

Kinderseele, Hermann Hesse, Marie Wolf, Edition Büchergilde 2017

Und es gibt keine Rettung. Auch das weiß das Kind. Nicht einmal flüchten kann er: „Man konnte nicht fort, man konnte nicht nach Afrika fliehen oder nach Berlin. Man war klein, man hatte kein Geld, niemand half einem. Ja, wenn alle Kinder sich zusammentäten und einander hülfen!“ Stattdessen prügelt er sich mit seinem Freund, um seine innere Spannung abreagieren zu können. Natürlich hilft auch das nicht.

Und dann schöpft er plötzlich Hoffnung, dass die Strafe doch nicht kommt, dass sein Vater seine Tat nicht bemerkt: "Vergessen hatte ich sie nicht, sie fiel mir schon am Morgen wieder ein, aber es war nun so lange her, die Schrecken waren ferngerückt und unwirklich geworden. Ich hatte gestern meine Schuld gebüßt, wenn auch nur durch Gewissensqualen." Aber da kommt der Vater in sein Zimmer, und der Junge denkt das Undenkbare: "Ich hasste ihn, warum war er nicht gestern gekommen? Jetzt war ich auf nichts vorbereitet, hatte nichts bereit, nicht einmal Reue." Stattdessen leugnet er. Und der Vater? Enttäuscht das Kind noch einmal: "Er wusste ja alles! Und er ließ mich tanzen, ließ mich meine nutzlosen Kapriolen vollführen, wie man eine gefangene Maus in der Drahtfalle tanzen lässt, ehe man sie ersäuft."

Hesses "Kinderseele" ist ein sehr unscheinbares, kleines Meisterwerk, etwas altmodisch geschrieben, aber von einer fein gebauten Komposition und vor allem einer inhaltlichen und psychologischen Wucht, die ihn eigentlich an die Seite Kafkas stellen müsste. Wie er die Kinderseele seziert und analysiert, wie er die heillose und hilflose, strenge Liebe des Vaters zu seinem Sohn beschreibt, wie er damit eine ganze pädagogische Epoche, nämlich die der pietistischen Strenge, auf den Punkt bringt, ist grandios.

Die Edition Büchergilde hat diese kleine Erzählung neu herausgebracht, mit Illustrationen von Marie Wolf, die gar nicht erst versucht, den Geist der Zeit Hermann Hesses einzufangen. Sie fühlte sich persönlich angesprochen von der Kinderseele, die hier erzählt wird, und hat Gegenstände aus ihrer eigenen Kindheit gezeichnet. Und so sieht man statt der Pistole, die die Jungen kaufen wollen, einen Gameboy mit einer Pistole, einen Jungen auf einem Rad, eine moderne Küche mit Plastikstühlen und -tischen oder King Kong zwischen den Hochhäusern. Verfremdet zeichnet sie die Protagonisten als Tiere, den Vater als majestätischen Adler, die tröstende Mutter als Kuh, den Jungen als Affen - ein christliches Symbol für Eitelkeit, Lüsternheit und Bosheit, wie sie im Nachwort erklärt. Flach und zu bunt erscheinen ihre Illustrationen auf den ersten Blick, aber sie haben eine Tiefe und Nachdrücklichkeit, die die Kinderseele ins Überzeitliche holt, ins Jetzt: Die Selbstbestrafungsphantasien des Jungen werden deutlich in einem Bild, in der er sogar als "Verräter von Calw" in einer Art Bild-Zeitung bezeichnet wird - schlimmer kann eine Scham und eine Angst kaum sein. In einem anderen Bild sieht man von weit oben einen Jungen durch lichtdurchflutete Straßenschluchten hasten: "Ich lief und war rastlos, ich lief bergan und hoch bis zum Wald, und vom Eichenberg nach der Hofmühle hinab, über den Steg und jenseits wieder bergauf und durch Wälder hinan", heißt es im Text. Aber gerade durch die Entfremdungen und das Hereinholen in die Moderne passen Wolfs Illustrationen haargenau.

Hermann Hesse
KINDERSEELE
Marie Wolf (Illustratorin)
Edition Büchergilde
2017 · 72 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-86406-066-3

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