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Kritik

Halber Fuß

Hamburg

„Altern ist nichts für Feiglinge.“ – der häufig zitierte Satz der Schauspielerin Mae West gab schon das Leitmotiv für Hermann Kinders Methusalem-Roman „Mein Melaten“ (Haffmans, 2006) ab. Kinders neue Erzählung „Der Weg allen Fleisches“ liest sich wie die bittere Fortsetzung dieses Schelmenstücks, nur mit dem Unterschied, dass nun alle bösen Vorahnungen tatsächlich eingetroffen sind. Dennoch spielt  Hermann Kinder, der im Juni dieses Jahres seinen 70. Geburtstag begeht, als schonungsloser Chronist des eigenen körperlichen Verfalls so virtuos auf seiner Klaviatur, als müsse er es sämtlichen Jammerlappen im deutschen Literaturreservat noch einmal beweisen. Es ist der unvergleichliche Ton aus Jean-Paulscher Fabulierfreude und einer an Arno Schmidt geschulten Präzision, mit dem Kinder aus der persönlichen Leidensgeschichte ein Stück ebenso beklemmender wie atemberaubender Prosa zaubert.

            Die Erzählung ist streng gebaut wie eine Sonate. Im ersten Teil „Du stirbst in Stücken“ wird das Thema vorgegeben. Der vormals jede Steigung rund um den Bodensee mit Rennrad und Muskelkraft meisternde Ich-Erzähler kippt buchstäblich aus dem Sattel, muss „rüstige Rudelsenioren“ an sich vorbeiziehen lassen, und bald wird er sich mit der Ausstattung von Krankenhäusern und den Schrullen seiner Leidensgefährten so gut auskennen wie ehedem mit Serpentinen und Steilstrecken. Lungenemphysem heißt die erste von Dutzenden Diagnosen. Bypässe und Schmerztherapien, die den Körper deformieren, folgen. Die Amputation eines halben Fußes fesselt ihn an den Rollstuhl. „Seine Welt reichte so weit, wie seine Hände reichten.“ (S.49) Ein halber Fuß ist besser als das ganze Bein, wird er denken, denn auch die Option hatte es gegeben. Von nun an ist jeder noch so kleine Schritt zurück zur Mobilität, und sei es auch nur, sich selbst den Hintern abzuwischen, ein Sieg.

            Den zweiten Teil, mit einem Zitat von Wolfgang Schäuble: „Im Traum bin ich Fußgänger“ überschrieben, könnte man als Scherzo bezeichnen. Er enthält Träume, Albträume zumeist, in denen Ängste, erinnerte und imaginierte Szenen einander ablösen, und immer dringt das Unerklärliche, das Peinliche und Panik Verursachende in eine zunächst harmlose Situation. So endet die Begegnung mit dem Dichterkollegen Enzensberger mit einer Demütigung, oder es wird von ihm verlangt, die Seminarräume der Universität zu putzen. Und einmal heißt es lapidar: „Das sind doch meine Zehen, die da weglaufen. He, Zehen, rufe ich, wo wollt ihr denn hin?“ (S.57)

            Teil III „Als ob ich noch wandern könnte“, wäre dann, um bei der Sonate zu bleiben, das Rondo der Rekonvaleszenz. Wechselnd zwischen Konstanz und der Kölner Wohnung seiner Lebensgefährtin erlebt der Erzähler, was es bedeutet, vor einem defekten Fahrstuhl, einer stillgelegten Rolltreppe zu stehen, auf einem überfüllten S-Bahnsteig oder in einer hetzenden, rücksichtslosen Menschenmenge angerempelt und beiseite geschoben zu werden. Er lernt zu warten und die Rastlosigkeit um sich her zu beobachten, vor allem aber, sich nicht selbst aufzugeben. „Er sagt zum Augenblick: Verweile doch, bevor alles viel schlimmer wird.“ (S.122). Er weiß, das dicke Ende kommt noch, und allen Unkenrufen zum Trotze will er jetzt erst recht nichts als leben.

            Wer aber meint, Kinder sei der Schalk nun doch ein wenig abhandengekommen, den dürften allein die 12 farbigen Illustrationen aus der Feder des Autors eines Besseren belehren. Mitleidsbekundungen, so die Botschaft dieser skurrilen, teils makabren Cartoons, sind bei ihm an der falschen Adresse.

Hermann Kinder
Der Weg allen Fleisches
Mit vielen farbigen Illustrationen des Autors
Weissbooks
2014 · 135 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-86337-077-0

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