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Johanna Hansen Zugluft der Stille
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Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

Genagelt ist meine Zunge

Lyrik und Prosa einer Holocaust-Überlebenden

Der erste Boykott gegen die Juden in ihrem Vogelsberger Dorf erschien dem Schulmädchen Herta „wie im Theater“, schreibt Hilda Stern-Cohen in einem Prosa-Text. Da die jüdischen Familien hier keine Geschäfte hatten, sondern von der Landwirtschaft und dem Viehhandel lebten, und es lächerlich war, einen Kuhstall zu boykottieren, stellte sich die SA einfach vor die Haustüren der Juden. Herta war zunächst durch die Uniformen, Hakenkreuzbinden und Pistolen eingeschüchtert, aber bald legte sich dies, denn „die Leute, die da in den Uniformen steckten, waren ihr so vertraut. Das waren die Leute aus dem Dorf, einige davon Jugendfreunde und Schulkameraden ihrer Eltern“ und Väter und Verwandten ihrer eigenen Spielkameraden. Dann wurde aber doch ein Stein geworfen, der Herta zwar verfehlte, sie aber doch ins Haus vertrieb, wo ein Roman über mittelalterliche Ritter ihrer Fantasie interessantere Unterhaltung bot.

Aus der langweilig empfundenen Theaterszene wurde bekanntlich schnell tödlicher Ernst. Eindrücke wie der Boykott und die Vertreibung aus der sicher geglaubten dörflichen Gemeinschaft verlief, das vermitteln die Texte von Hilda Stern Cohen, die 1924 in Nieder-Ohmen (einem heutigen Ortsteil der Gemeinde Mücke) geboren wurde, dort aufwuchs und auch ihre ersten Schuljahre verbrachte. Ihre literarischen Schilderungen über diese Zeit bilden das erste Kapitel des eindrucksvollen Bandes „Genagelt ist meine Zunge – Lyrik und Prosa einer Holocaust-Überlebenden“. Im September 2003 wurde er in Gießen und Mücke im Beisein von Hilda Stern-Cohens Ehemann Werner Cohen vorgestellt. Die Autorin selbst verstarb 1997 in Baltimore (USA). Im Dritten Reich war sie im Getto Lodz inhaftiert, wo sie Eltern und Großeltern in Folge von Hunger an „galoppierender Schwindsucht“ ebenso elend sterben sah wie ihren Jugendfreund Horst an Tuberkulose. Auch Auschwitz, ein Todesmarsch und das Konzentrationslager Ravensbrück blieben ihr nicht erspart, bevor sie im Mai 1945 endlich befreit wurde.

Werner Cohen fand nach dem Tod seiner Frau sieben Schulhefte, in denen sie Gedichte und Prosatexte mit Bleistift notiert hatte. Sie waren hauptsächlich im Getto Lodz und nach der Befreiung in Österreich im Camp für „Displaced Persons“ entstanden, in dem sie auf ihre Auswanderung in die USA wartete, die Mitte 1946 erfolgte. Dort heirateten Hilda Stern und der aus Essen stammende Werner Cohen, sie erzogen drei Töchter und Hilda Stern arbeitete als jüdische Religionslehrerin. Sie hielt Vorträge über die Verbrechen Nazideutschlands und sie hatte auch ihren Mann über ihr Schicksal nicht im Unklaren gelassen: „Sie erzählte mir all das in den Jahren, in denen sie schweißgebadet, ihr Herz rasend klopfend, in der Nacht aufschreckte“, berichtet er in der Einleitung des Bandes. Verschwiegen hat sie ihm, mit dem sie fast 50 Jahre verheirate war, jedoch ihre literarischen Bewältigungsversuche, eine wahrlich „einzigartige Hinterlassenschaft“ wie sich im Anhang Autoren der Giessener Arbeitsstelle Holocaustliteratur überrascht zeigen.

„Genagelt ist meine Zunge / an eine Sprache, die mich verfluch, / hineingehämmert / in meine Ohren / mit den Tönen der Liebe, / und des fressenden Hasses.“ Die sprachliche Kraft dieser ersten Strophe des für den Auswahlband titelgebenden Gedichtes verdeutlicht die innere Zerrissenheit der Autorin und all ihrer Leidensgenossen, denen von „arischen“ Deutschen nicht nur ihr Deutschsein, sondern zugleich ihr Menschsein abgesprochen wurde. Angesichts der grausamen Umstände ist es kaum fassbar, wie sie immer wieder mit klarer Einsicht ihr Umfeld wahrnimmt und mit frappierenden poetischen Wendungen Details des Grauens versinnbildlicht. Dabei richtet sich ihr Blick weniger auf die Täter als vielmehr auf die Verheerrungen, welche die bei den Deutschen zur Staatsdoktrin gewordenen Menschenverrichtung bei den Opfern zeitigte. Hilda Stern nimmt weder auf sich selbst Rücksicht, noch auf die, die sie liebt. Mit genauer Beobachtungsgabe registriert sie schonungs- und mitleidslos ihr Umfeld und doch sind ihre Beschreibungen auch in den Momenten purer Verzweiflung von nichts anderem geprägt als von mitfühlendem Verständnis.

Beispiele mögen dies verdeutlichen: Als bei der Deportation nach Lodz viel zu viele Menschen in dem Eisenbahnwaggon zusammengepfercht sind, notiert sie: „Die Türe wird verrammelt und wir starren und wortlos an. Das erste Gefühl keimt auf, daß man in einem Käfig nicht höflich sein kann. Wir sind alle gesittete Leute – aber jeder möchte sitzen.“ Im Getto beobachtet sie ihre Großeltern, die „waren normalerweise die zärtlichsten Eheleutchen“, aber nun stritten sie „um eine Aktentasche, die genügend breit war, um beiden als Kopfpolster zu dienen“. Oder als die Mutter lange am gleichen Fleck sitzt, „weinerlich und alt. Ich müsste sie streicheln, sie trösten, aber ich kann nicht.“ Tief ergreifend auch die Beschreibung, als ihr Freund Horst sie „mit einer gedemütigten Zärtlichkeit“ beiseite nimmt und fragt, ob er ein „Schuft“ werden und sich bei der Gettoverwaltung als „Polizant“ verdingen soll, um damit mehr Lebensmittel für sich und die Seinen zu bekommen: „Vielleicht möchte das besser sein, denn dann hielten mich alle ehrenwerten Leute, wie auch dein Vater, für heiratsfähig, weil überlegen und verantwortungsbewusst, und ich möchte vielleicht vor dem Hunger, den ich heranschleichen fühl’, verschont sein. Wenn du aber nicht willst – gehe ich vielleicht vor die Hunde, aber selber werde ich keiner sein.“ Und später als er im Sterben liegt: „Seine zittrige, ängstliche Stimme rührte mich, erzürnte mich sogleich – es war ein ständiges sprunghaftes Aufbegehren, gegen das morsche Leben, da mir unter den Händen zerbröckelte.“ Weitsichtig weiß sie ihr Dilemma auf den Punkt zu bringen: „Ich sah das Falsche an den anderen, sah aber auch bald darauf das Falsche an mir. Das beruhigte mich einigermaßen und erfüllte mich zur gleichen Zeit mit Verachtung und Überdruß – denn ich wusste, dass es aus den menschlichen Tiefständen keinen normalen Ausweg gibt.“

Die Herausgeber haben in dem Band unter dem Titel „Diese Geschichte muss erzählt werden“ das Manuskript eines Vortrages mit aufgenommen, den Hilda Stern wohl in den 80er und 90er Jahren vor amerikanischen Zuhörern gehalten hatte. Darin beschreibt sie ihre damals wohl unbewusst verfolgte Überlebensstrategie und zwar am Beispiel, wie ihre Mutter 42-jährig im Getto-Krankenhaus in Lodz starb: „Wenn ich zu Besuch kam, konnte ich ihre wachsende Isolation vom Leben in ihren Augen sehen, die beide weit geöffnet waren, aber dennoch vom Leben in die bevorstehende Dunkelheit starrten. Während all meiner Jahre unter den verschiedenen Formen der Unterdrückung und der drohenden Vernichtung war ich immer in der Lage gewesen, eine Art Distanz aufrechtzuerhalten, als ob mich der Schrecken um mich herum nicht direkt berührte. Das konnte ich beobachten und festhalten, wie es in meinen Gedichten dokumentiert ist, mit deren Hilfe ich in der Lage war, meine Ängste zu sublimieren.“

Zwischen all den schrecklichen, willkürlichen und gewalttätigen Erlebnissen, dem Verlust von geliebten Menschen, den sie mit genauem und unbestechlichen Gespür beschreibt, kommt auch immer wieder zaghaft und fragend ihr Mut und ihre Zuversicht zu überleben in den Gedichten zum Ausdruck. Im Camp in Österreich – das Wort „Lager“ vermeidet sie hier verständlicherweise sehr bewusst – fasst sie dann auch ihre Freude über die wiedergewonnene Freiheit und die Erfahrungen, die Schönheiten der Natur wieder zu bemerken, in Worte.

Um jedoch zuvor letztendlich diese Chance zum Überleben im Getto bekommen zu haben, bedurfte es nicht nur viel Glück: „Hier gibt es kein Erbarmen – hier galt nur eins: Protektion!“, machte sie unmissverständlich deutlich. Hilda Sterns „Protektor“ war unter andern der Maler Lejerowicz, ein Günstling des Getto-Ältesten Rumkowski, der sie zu literarischen Versammlungen einlud: „Diese Zusammenkünfte wurden zu einem Lichtstrahl in der unerbittlichen Dunkelheit und zu einer Mahnung davor, daß meine Existenz nicht bloß auf Nahrung und das Überleben von Stunde zu Stunde und Tag für Tag fokussiert sein musste, sondern daß es in der Tat auch noch andere Dinge gab. Dieser besondere Freund war dazu bestimmt, mein Leben zu retten.“

Für Hilda Stern-Cohen war es als Überlebende den ermordeten Holocaust-Opfern gegenüber eine „Ehrenschuld“ immer wieder Zeugnis abzulegen und „diese Geschichte“, nämlich die Geschichte des staatlich verordneten und durchgeführten Massenmordes an den Juden und den Gegnern Nazi-Deutschlands, zu erzählen. Für uns Nachgeborene – insbesondere für die Nachgeborenen der Tätergenerationen – ist es das Mindeste an Respekt den Opfern gegenüber, dass wir uns diesen „Geschichten“ stellen.

In einer kurzen Einleitung beschreibt Werner V. Cohen in dem Band, wie er die Manuskripte seiner verstorbenen Frau fand. Sascha Feuchert, Erwin Leibfried und Jörg Riecke von der Giessener Arbeitsstelle Holocaustliteratur haben im Anhang erste knappe. präzise Anmerkungen zum literarischen Nachlass von Hilda Stern-Cohen formuliert. Klaus Konrad hat zudem mit seinem instruktiven Beitrag „Jüdisches Leben in Oberhessen“ den regionalen historischen Zusammenhang skizziert. Lesenswert macht den Band zum Weiteren die sehr ansprechende und gelungene Buchgestaltung von Silke Berg unter Verwendung von Familienfotos der Familien Stern und Cohen.

>> weitere Informationen finden Sie auf der Internetseite der Arbeitsstelle
Holocaustliteratur am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Hilda Stern Cohen · Erwin Leibfried (Hg.) · Sascha Feuchert (Hg.) · William Gilcher (Hg.)
Genagelt ist meine Zunge
Lyrik und Prosa einer Holocaust-Überlebenden
Übersetzung:
Marilya Veteto, Lars Hoffmann, u.a.
Bergauf
2003 · 166 Seiten
ISBN:
978-3-000104992

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