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Kritik

Fremde, vertraute Dichterschwester

Hamburg

„Die Sonne ist schon nieder über den Dächern. Alles schon golden. Übt der Himmel an uns zerbrechen?“ schreibt Hilde Domin 1960 an Nelly Sachs. Zwei Jahre später sagt Sachs über ein Gedicht ihrer Kollegin, es tage in ihr „dunkles Schicksal hinein (…) mit goldenem Rauch“. Poetische, leuchtende Sprache: Nichts anderes erwartet man von den beiden bedeutenden Nachkriegslyrikerinnen, die oft in einem Atemzug genannt werden. Dabei lässt der schmucklose Einband des vom Deutschen Literaturarchiv in Marbach herausgegeben Bandes kaum ahnen, was für ein Schatz sich auf seinen Seiten verbirgt.

Rund 20 Jahre nach Erscheinen des Briefwechsels zwischen Nelly Sachs und Paul Celan bekommen wir jetzt einen Einblick in die private Korrespondenz der gebürtigen Berlinerin und ihrer aus Köln stammenden Dichterkollegin Hilde Domin. Der 10 Jahre währende, rege Austausch über Literatur, Politik, Gesellschaft und Privates beginnt 1960, als Domin Sachs ihren Lyrikband Nur eine Rose als Stütze mit handschriftlicher Widmung zukommen lässt. Von einer zaghaften Annäherung kann kaum die Rede sein: Schon bald reden sie sich mit Vornamen an, denn „wie kann man anders zwischen Schwestern“, wie Nelly Sachs schreibt. Wenig später bittet sie Domin, sie mit ihrem „Heimatnamen“ Li zu rufen, wie um die Freundschaft zu besiegeln.

Doch die Unterschiede sind unübersehbar. Als sie ihre Brieffreundschaft aufnehmen, ist Sachs bereits 68 Jahre alt und lebt seit 20 Jahren im schwedischen Exil, in das sie sich mit ihrer Mutter in der letzten Sekunde vor der Deportation ins KZ retten konnte. In den frühen Sechzigern ist ihre psychische Verfassung so schlecht, dass ein Aufenthalt im Sanatorium unumgänglich ist. Ihr Zustand macht sich auch im Telegrammstil ihrer Briefe bemerkbar, doch die kühle, vornehme Zurückhaltung liegt auch in ihrer Wesensart begründet, die sich so stark von dem ihrer Dichterfreundin unterscheidet.

Hilde Domin schreibt nicht nur deutlich längere Briefe, im direkten Vergleich zu Sachs wirkt sie geradezu forsch und impulsiv. Mit ihren 51 Jahren steht Domin in der Blüte ihres Schaffens, hat sie doch erst Mitte der Vierzigerjahre mit dem Dichten begonnen. Die ersten Briefe nach Schweden schreibt sie in ihrer heiß-stickigen Wohnung in Spanien, das ihr nach ihrem 22-jährigen Exil in England, Italien, und vor allem in der Dominikanischen Republik zur Übergangsstation geworden ist. Während Sachs sich lange sträubt, das „Land der Täter“ zu bereisen, entschließen sich Domin und ihr Mann Erwin Palm mit gemischten Gefühlen zu einer definitiven Rückkehr nach Deutschland, als der Altamerikanist im Jahr 1960 einen Ruf nach Heidelberg bekommt.

Die Asymmetrie ihrer Lebenserfahrungen und sozialen Bedürfnisse scheinen beide Frauen immer wieder ihre Gemeinsamkeiten betonen lassen: die Heimat, die ihnen die deutsche Sprache trotz Exilerfahrung und gewaltsamer Entwurzelung durch die Nazis noch immer ist, und natürlich die Liebe zur Lyrik. Ihre wohl aufrichtige Bewunderung für das Werk ihrer Kollegin bringt  Sachs dazu, ein Gedicht Domins fast euphorisch als „so ein Leuchten wie ich es jetzt in mir fühle“ zu beschreiben. Domin wiederum bringt Sachs‘ Texte in Zeitschriften und der innovativen Anthologie Doppelinterpretationen (1966) unter.

Doch die Literatur ist für keine der beiden Dichterinnen bloß „Kunst um der Kunst willen“. Das „verweinte Labyrinth zwischen Henker und Opfer“ lässt beide nicht los, gerade auch angesichts der zähen Aufarbeitung der NS-Zeit im Deutschland der Sechzigerjahre, wo ein latenter Antisemitismus nicht ausmerzbar scheint. Domin sieht sich und Sachs deshalb in der Pflicht, als jüdisch-deutsche Schriftstellerinnen „für die Verfolgten [zu] zeugen“ und Brücken zu bauen. „Ich glaube Sie sind die Einzige die dieses verweinte Labyrinth in meinen Dingen gespürt hat“, schreibt Sachs ihrer neuen Briefpartnerin, zu der sie auffallend schnell Vertrauen fasst.

Nicht minder spannend als die eher kurzen Exkurse in politische Gefilde sind die aufs Papier gebannten privaten Augenblicke, in denen sich die Dichterinnen von einer bis dato unbekannten Seite zeigen. Mehr als einmal kommt Domin beispielsweise auf Hans-Magnus Enzensbergers Eifersucht zu sprechen, die Sachs‘ Lektor und guter Freund empfindet, „weil wir uns liebhaben.“ Domin sagt scherzhaft, es käme ihr fast vor, als „seiest Du ein junges Mädchen und wir Deine Bewerber.“ Einen leicht verstörenden Zug nimmt Domins schwesterliche Zuneigung an, als sie die fragile ältere Dame dazu überreden will, sich zumindest vorübergehend im Tessin niederzulassen – ein Verhalten, das die Herausgeber im Nachwort als übergriffig beschreiben.

Tatsächlich wird die allzu stark herausgekehrte innige Freundschaft der beiden schon bald auf die Probe gestellt. Nach einer fast 2 1/2 Jahre anhaltenden Funkstille nähern sich Sachs und Domin im März 1965 einander wieder vorsichtig an und versuchen, die Missverständnisse  auszuräumen, die zu dem langen beiderseitigen Schweigen geführt hatten. Die Dissonanzen sollten bis zum Ende ihrer Korrespondenz nicht mehr vollständig verschwinden. Doch paradoxerweise stellt sich mit dem Abflauen der engen Brieffreundschaft auch ein offenerer Umgangston ein.

1966 bittet eine gekränkte Domin um Fürsprache ihrer Freundin, die im selben Jahr noch den Literaturnobelpreis erhalten sollte: „Jetzt, wo du gesund bist und hoch geehrt, bitte ich Dich, handle schwesterlich an mir“, schreibt sie und fordert: „Steh für mich ein.“ Kein Wunder, dass sich Sachs durch Domins anklagenden Ton nur noch mehr vor den Kopf gestoßen fühlt. In den letzten drei Jahren ihrer Korrespondenz schreiben sie sich insgesamt nur vier Briefe. Der Wunsch, sich endlich einmal zu treffen, ist von beiden zwar häufig, aber im Rückblick auch auffallend vage formuliert worden. 1970 stirbt Nelly Sachs in Stockholm, ohne Hilde, ihrem „lieben Engel“, jemals begegnet zu sein.

Ernüchternd ist die Erkenntnis, dass diese „Schwestern im Geiste“ zugleich Konkurrentinnen waren, die oft genug aneinander vorbeiredeten. Doch gerade diese Überraschungsmomente machen die Würze der sorgfältig edierten Briefsammlung aus. Sie dokumentiert Sachs‘ und Domins künstlerischen Ehrgeiz und ihre Bereitschaft, sich verletzlich zu machen. Beides trieb die Frauen wohl dazu an, Gedichte zu veröffentlichen - und mit einer Unbekannten in einen Federkrieg einzutreten. Unternehmungen mit ungewissem Ausgang.

 

Hilde Domin · Nelly Sachs · Nikola Herweg (Hg.) · Christoph Willmitzer (Hg.)
Hilde Domin / Nelly Sachs: Briefwechsel
ADA Heft 9, Literaturarchiv Marbach
2016 · 128 Seiten · 14,00 Euro
ISBN:
978-3-944469-24-9

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