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Kritik

Vom Zusammenwachsen des Aufgerissenen.

Ilma Rakusas Berlin Journal
Hamburg

Jede Stadt sollte einmal Gäste wie Ilma Rakusa haben. Menschen, die nicht nur mit offenen Sinnen durch die Straßen gehen, sondern alles, was sie gesehen haben, mit eigenen Gedanken und Erfahrungen angereichert aufschreiben. Aber vielleicht gelingt so ein Projekt nur dann so wunderbar wie beim Rakusas Berlin Journal „Aufgerissene Blicke“, wenn eine gewisse Wesensverwandtschaft besteht zwischen der Stadt und dem Menschen, der über sie schreibt. Ilma Rakusa war von Oktober 2010 bis Sommer 2011 als Fellow des Wissenschaftskollegs in Berlin.

„Berlin hat mich immer angesprochen. Es sprach zu mir, als es geteilt war, es hat nicht aufgehört, zu mir zu sprechen.“

„Ich bin von Berlin berührt, gerade weil die Stadt weh tut. Weil sie an ihren Widersprüchen laboriert und dabei auch manch kleines Wunder vollbringt“, schreibt sie im Vorwort.

Gertrude Stein hat in ihren persönlichen Erinnerungen „Paris Frankreich“ die Behauptung aufgestellt, Schriftsteller hätten zwei Länder, „eines, wohin sie gehören, und eines, in dem sie wirklich leben,  um darin frei zu sein.“

Diese Zerrissenheit ist es, die Rakusas Berlin Journal nicht nur den Titel, sondern auch seinen besonderen Charakter verleiht.

Immer wieder brechen tagesaktuelle Nachrichten in die Welt intellektueller Begegnungen und kultureller Ereignisse. Der Giftschlamm von Kolóntar, die schließlich doch noch geretteten Bergleute in Chile, Fukushima, der Tod Osama bin Ladens, die Frauen WM und das Massaker eines Breivik in Norwegen.

Es gibt keine heile Welt, keine ganzheitlichen Betrachtungen. Nur aufgerissene Blicke.

So werden die Begegnungen mit literarischen Größen wie Péter Esterhazy, István Kemény, Michail Schischkin, Elke Erb u.a., die Rakusa zu gelungenen skizzenhaften Künstlerporträts macht,  immer wieder konterkariert durch Beobachtungen des Elends derjenigen, die durch alle Netze gefallen sind.

Auffallend ist, das Rakusa immer wieder Zitate von Friederike Mayröcker in ihre Notizen einflicht, ob sie von Carmen Tartarottis Film „Das Schreiben und das Schweigen“ erzählt, oder ob ihr angesichts eigener Beobachtungen und Gedanken unversehens Zeilen der Mayröcker in den Sinn kommen. Nicht nur das Alltägliche durchbricht das Gedankliche, das Schreiben. Ebenso bricht das Geschriebene und Gelesene immer wieder in die Alltagsbeobachtungen hinein.

Ebenso wie die Vergangenheit, weil Berlin von Vergangenheit gesättigt zu sein scheint. Beim Besuch des Mahnmals, des Museums von Otto Weidts Blindenwerkstatt, der Villa in Wannsee, wo einst die verhängnisvolle Wannseekonferenz stattgefunden hat, und die heute als Gedenk- und Bildungsstätte dient, oder im deutsch-russischen Museum.

Angesichts des Betrachtens erleuchteter Villenfenster schreibt Rakusa: „In Wirklichkeit aber stehe ich draußen, unzugehörig. Mein Lebensgefühl.“ In einigen Besprechungen wird ihr diese Unzugehörigkeit vorgeworfen, sie habe nicht das wahre, das ganze Berlin beschrieben, habe statt dessen name droping betrieben und sei nicht über die heile Welt von Mitte und Spandau hinausgekommen. Dabei ist es gerade der von außen kommende, mit eigenen Erfahrungen angereicherte Blick, der einen Ausschnitt beleuchtet, der an keiner Stelle behauptet, die ganze Wirklichkeit abzubilden, stattdessen aber an jeder Stelle wahrhaftig ist, der dieses Buch auszeichnet. 

Und Rakusa ist sich ihrer privilegierten Situation und dem Blick von außen durchaus bewusst, nicht nur wenn sie angesichts eines massiven Wintereinbruchs mit Schneefällen, die die Stadt lahmzulegen drohen, schreibt: „Das sieht schön aus, wenn man drinnen in der Wärme sitzt“, und dabei an die vielen Obdachlosen der Stadt denkt, für die nicht ausreichend viele Notunterkünfte zur Verfügung stehen.

Als Nomadin, die mehrere Sprachen fließend spricht, hat Rakusa einen besonderen Blick auf diese Stadt geworfen. Ihre eigenen Fotografien ergänzen die Beobachtungen des Journals. Keinen Blick auf etwas Ganzes, sondern auf die Risse, und darauf, wie Berlin versucht, sie zu heilen.

Offenheit beinhaltet Risse. Natürlich ist Berlin nicht überall so offen, wie Rakusa es beschreibt. Aber es gibt diese Orte. Und dass es sie gibt, sollte Hoffnung darauf machen, dass sie sich ausbreiten können, dass sie in der Lage sind, das allzu fertige, abgeschlossene, aufzureissen.

Und damit den Blick zu öffnen für die These Franz Hessels, des großen Berlin Flaneurs der 20er Jahre: „Bisher wurde Berlin vielleicht wirklich nicht genug geliebt. Noch fühlt man in vielen Teilen Berlins, sie sind nicht genug angesehen worden, um wirklich sichtbar zu sein.“

Ilma Rakusa
Aufgerissene Blicke
Berlin Journal
Literaturverlag Droschl
2013 · 120 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
9783854208365

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