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Kritik

Das süße Gift der Gedichte

Hamburg

Von Kindheit an war die Schriftstellerin, Übersetzerin und Literaturkritikerin Ilma Rakusa fasziniert vom „süßen Gift“ jener Gedichte, die ihr die Mutter vorlas und die ihr umso besser gefielen, je liedhafter sie waren, je mehr Wiederholungen sie enthielten. Auch hörte sie am liebsten Kettenmärchen, die vorankamen, indem sie bereits Gesagtes wieder aufgriffen. „Später narkotisierten mich Kirchenlieder und Litaneien“, sagt Rakusa zu Beginn ihrer am 9.3.2016 gehaltenen Münchner Rede zur Poesie. Der gregorianische Gesang oder die Endloslitaneien russisch-orthodoxer Liturgien, die der Geduld inständigen Zuhörens bedürfen,

seien ideale Mittel, schwebende Aufmerksamkeit zu erzeugen ... ein unzielgerichtetes Denken, eine kontemplative Verfasstheit, die äußerst rezeptiv, ja durchlässig ist ... bis ich eins mit der Litanei bin.

Da Rakusa hier keine wissenschaftliche Abhandlung über das große Thema „Listen, Litaneien und Loops“ als Stilmittel in Gedichten vorlegt, sondern sich im zeitlich begrenzten Rahmen einer Rede damit beschäftigt, ist für mich vor allem interessant, welche Schwerpunkte sie setzt, worauf sie ihren und damit unseren Blick richtet und welche Beispiele sie in Folge an- und ausführt.

Rakusa beginnt ihren Exkurs mit litaneienhaften Anrufungen aus dem 24. Jahrhundert vor Christus, nämlich mit Raoul Schrotts Buch „Die Erfindung der Poesie“, in dem eine sumerische Priesterin Litaneien, die sich über variierende Wiederholungen und Parallelismen langsam entfalten, an die Göttin Inanna richtet; wechselt zu katholischen Litaneien, die oft „als Aufzählungen der Attribute Jesu oder der Muttergottes Maria konzipiert“ sind; um schließlich bei Gedichten zu landen, die formal an jene kirchlichen Litaneien erinnern, in denen der religiöse Litaneienton zwar noch mitschwingt, aber säkular verfremdet wird. Auch der Adressat wechselt, ist nicht mehr Gott, Heiliger oder Herrscher. Exemplarisch führt die Rednerin Paul Èluard an, einen der bekanntesten Dichter des französischen Surrealismus, der 1945 die Freiheit besingt und in 21 Strophen aufzählt, wo überall hin er ihren Namen schreibt. In einem frühen Gedicht Friederike Mayröckers ist der Adressat der geliebte Mensch, Ernst Jandl, der mit Kosenamen bedacht wird, viele davon Neologismen. Auch Velimir Chlebnikov, ein exzentrischer Dichter des russischen Futurismus und Spracherneuerer, wird in der Rede mit gleich zwei Gedichten angeführt. In seinem Gedicht „Anruf“, das Rätsel, Kummer, Schlummer, „Wolknichts“ und Röhricht adressiert, Unfassliches also, das sich entzieht, geht es nicht mehr um das Angerufene, sondern um die Anrufung als solche, während im folgenden Preislied, einer subversiven Parodie einer Litanei, die Formel „Dir singen wir“ jede Zeile beginnt und den Schein einer Anrufung aufrecht erhält, der Adressat jedoch, etwa „Gebärer“, „Erfreuer“ oder Magier“, den gleichen Wort- und Sinnwert erhalten wie „Borstengras“.

Auch poetische Listen haben Aufzählungscharakter. Sie sind Inventare, Resümees und Erinnerungsspeicher, die durch additive Hinzufügung und klanglich-rhythmische Wiederholungspattern heterogene Inhalte verbinden. Als Beispiele führt Rakusa zunächst die dänische Lyrikerin Inger Christensen mit ihrem großartigen Langgedicht „Alphabet“ an, in dem diese in alphabetischer Reihenfolge und den Gesetzen der mathematischen Fibonacci-Reihe folgend eine poetische Schöpfungsgeschichte entwirft. Hier ist es die ständig wiederholte Formel „gibt es“, der Christensen eine Aufzählung von alliterierenden und assonierenden Wörtern hinzufügt, die den Sound einer unvollkommenen, von Spannungen geprägten Schöpfung hervorbringt und lesend nachvollzogen werden kann.

Der früh verstorbene serbisch-ungarisch-jüdische Schriftsteller Danilo Kiš nützte die Aufzählung in seinen Werken als Verfahren bündiger Verknappung, die ihm als Inventar, Memento und Epitaph diente. So finden sich in seinen Romanen und Erzählungen, die sich u.a. mit seinen im Holocaust ermordeten Verwandten oder Revolutionären, die in Stalins Gulag umkamen, beschäftigen, immer wieder

Kataloge, Inventare und Listen - Listen von Menschen, die sich wie Grabesinschriften lesen, und Kataloge von Gegenständen, die als groteske „reliquiae reliquiarum“ dem Verfall preisgegeben sind. Kiš setzt seine knappen, mitunter auch barock instrumentierten Listen als Mementos ein, um gegen das Vergessen zu mobilisieren.

Weitere Autoren, die Ilma Rakusa in ihrer Rede erwähnt, sind Heimrad Bäcker, Günter Eich, Ernst Jandl, Lukas Cejpek, Margret Kreidl, Thomas Kunst, Nora Gomringer und der amerikanische abstract poet Robert Lax. Hier wäre weniger mehr gewesen, denn es fehlt im Buch der Raum (und der Rednerin die Zeit), eingehender auf die Gedichte der einzelnen AutorInnen einzugehen. Wenn Rakusa etwa in einem knappen Satz festhält: „Ob diese (Anm: gemeint ist Heimrad Bäckers) „nachschrift“, ... der Lyrik zugerechnet werden kann, ist eine andere Frage.“, dann hätte diese Aussage einer Erläuterung bedurft, noch dazu, wenn sie sich diese Frage bei den im Buch zitierten Romanausschnitten von Kiš, die ähnlich sind, nicht gestellt hat. Und für manches Gedicht fehlt mir die Begründung, warum Rakusa gerade dieses für ihre Rede als exemplarisch ausgewählt hat und kein anderes.

Etwas mehr Aufmerksamkeit lässt die Rednerin Joseph Brodskys „Große Elegie an John Donne“ angedeihen, die „zu Teilen einer Aufzählung mit litaneienhaftem Ton“ gleiche. Hier lese ich auf einmal genau jenes „Hier interessiert mich“ der Rednerin, das ihre Rede für uns Hörende und Lesende lohnt, eine Ausführung, die anderswo fehlt oder zu kurz kommt, weil sie vage bleibt, nicht mit dieser Deutlichkeit ausführt, was uns ihre Auswahl einiger anderer AutorInnen verständlich machte.

Bei Brodsky sei es seine Kunst, wie er durch das additive Prinzip der Aufzählung und durch Wiederholungsmuster Bilder schaffe und einen magischen Sound generiere. Seine evokative Aufzählung habe einen spürbar elegischen Charakter. Brodkys Gedicht stellt die Rednerin Armin Sensers Langgedicht „Großes Erwachen“ gegenüber. Doch während bei Senser, so Rakusa, Beliebigkeit herrsche und der Gestus zu groß sei, weil alles ins Gedicht hineinmüsse, wirke bei Brodsky jedes neu Aufgezählte reizvoll und subtil überraschend.

Gegen Schluss ihrer Rede resümiert Rakusa:

Ich habe mich auf eine kleine Auswahl beschränkt, immer mit Blick darauf, wo der poetische Mehrwert dieses oder jenes Gedicht liegt.

Ein bisschen mehr von jenem Mehrwert zu erfahren hätte der Rede gut getan.

Ilma Rakusa · Holger Pils (Hg.) · Frieder von Ammon (Hg.)
Listen, Litaneien, Loops - Zwischen poetischer Anrufung und Inventur
Lyrik Kabinett
2016 · 37 Seiten · 12,00 Euro
ISBN:
978-3-938776-42-1

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