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10 Jahre Wortschau, Literaturzeitschrift
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10 Jahre Wortschau, Literaturzeitschrift
Kritik

Ein graues Persönchen

Shortlist Deutscher Buchpreis 2015
Hamburg

Historische Romane sind so ziemlich das Schrecklichste, was ich mir zu lesen vorstellen kann. Als Freund von kurzer und eher (magisch-)realistischer Literatur, ist mir die Weltflucht in die verkitschte Vergangenheit ein Groll, zumal solche Romane bis auf wenige Ausnahmen oft nichts mit Geschichte zu tun haben. Lieber ein Sachbuch lesen, denke ich dann.

Dass man einen historischen Stoff auch anders beschreiben kann, zeigt nun der Roman Wie Ihr wollt von Inger-Maria Mahlke. Im Mittelpunkt steht Mary Grey, eine mögliche, aber doch unwahrscheinliche Thronfolgerin im 16. Jahrhundert. Ihre ältere Schwester Jane wird einmal für neun Tage englische Königin sein und damit – was die Herrschaftszeit betrifft – das schiere Gegenteil von Queen Elisabeth II. Neun Tage in einem Zeitraum wechselnder König/innen zwischen Heinrich VIII. und Elisabeth I., in dem Protestanten und Katholiken um den Thron streiten. 

Das alles hat mit dem Roman Wie Ihr wollt eigentlich wenig zu tun, ist aber der Hintergrund, vor dem er sich abspielt. Mary Grey selbst ist kleinwüchsig, körperlich entstellt und wird seit ihrer Kindheit verspottet, gemieden. Trotzdem ist ihr Körper von großer Bedeutung. Sie könnte ja eines Tages die zwei Körper der Königin besitzen, von denen der Historiker Ernst Kantorowicz sprach, den natürlichen und den öffentlichen Körper, von ihr könnte abhängen, ob England in einen Bürgerkrieg fällt, eigenständig bleibt oder eine Provinz der Habsburger oder Franzosen wird. Allerdings steht sie unter Hausarrest, nachdem sie einen nicht-adeligen Partner geheiratet hat und sowieso der falschen Partei im Thornfolgestreit angehört. Im Hausarrest beginnt sie, ihr Leben aufzuschreiben, und diese Aufzeichnungen sind das Fleisch des Romans. Einen Erzählstrang bilden Tagebucheinträge voller Befindlichkeiten und Streitlust. Sie erträgt ihre Haft nicht mehr, die Eintönigkeit des Tages, das Fernsein vom Hofe, das Ausgeschlossensein von der Macht, die Nicht-Anerkennung ihres Status. Sie erträgt ihr Mädchen nicht, die in die Jahre gekommene Ellen, auf die sie jedoch angewiesen ist. Ohne sie könnte sie keinen Schritt tun, geschweige denn sich anziehen. Den zweiten, kursiv gedruckten Erzählstrang bilden kurze Erzählungen aus ihrem Leben, systematisierte Erinnerungen, die teilweise durchnummeriert sind – und so ihr Leben von der Kindheit bis zur jetzigen Situation eher skizzieren denn zeichnen. Da sie jedoch immer eine randständige, kleinwüchsige Person bleibt und sich dessen bewusst ist, schreibt sie wohl doch mehr über ihre Familie, ihre Schwestern, vor allem Jane, als ihr lieb ist.

Was nun diesen Roman von historischem Kitsch unterscheidet und ihn zu einem aktuellen Roman macht, ist vor allem die Sprache von Inger-Maria Mahlke. Hier wird nicht mehr historisiert als nötig, es entsteht ein sehr heutiger Sprachfluss, manchmal salopp, manchmal derb, so dass man nie das Gefühl hat, man müsse durch den Schlamm des 16. Jahrhunderts waten. Dafür wühlt man sich durch den Dreck aus Eitelkeiten, Machtansprüchen, Angebereien, wie wir sie aus unserem Alltag kennen. Die zwei Körper des Königs, besitzen wir sie nicht mittlerweile alle? Den sehr körperlichen Körper, der müde, hungrig und geil ist, und das öffentliche Gegenstück, das wir ins Büro tragen oder in die sozialen Medien, dort, wo der Körper noch zu finden sein wird, wenn wir nicht mehr so schön sind, sondern hässlich, gebrechlich und tot?

Inger-Maria Mahlke
Wie Ihr wollt
Berlin Verlag
2015 · 272 Seiten · 19,99 Euro
ISBN:
978-3-8270-1213-5

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