Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Im Zwischenlicht der Zeit

„Jedes neue Gedicht ist eine Herausforderung, die ausgehalten werden muß“ schreibt Alena Wagnerová in ihrem Nachwort zu dem Gedichtband „Im Zwischenlicht der Zeit“ der Mezzosopranistin Ingrid van Biesen. Denn es ist in erster Linie eine Herausforderung der Stille, wie sie gültig zu überwinden sei. Wie man ins Sagen kommt, ernst und verlässlich. Wie man das Unrecht vermeidet, sich zu suchen anstatt das Gedicht.

Hier wird die Stille nicht überwunden, sondern Ingrid van Biesen lässt sie als beständigen Schatten im Umkreis der Worte bestehen. Viele Menschen lieben das ja, in die Ruhe kommen, mit einzelnen Worten dort ankern. Alles sehr reduziert, wie in einem japanischen Garten: die Kiesel sind gerecht, Kiefer und Ahorn formiert, genaues Grün, ausbalancierte Gesten. Dazu passen die hageren Zeichnungen von Monika Bozem, die den Texten beiseite stehen. Zufallsensembles aus verschiedenfarbigen Tinten, die ihre Bedeutung durch Verzicht und Einhalt erlangen.
Im Nachwort schreibt Alena Wagnerová weiter: „…in ihren knapp verfassten Texten kann sich kein überflüssiges Wort verstecken. Jede Worthülse würde in dieser Verdichtung als störend auffallen.“ Unter der Sehnsucht nach Kürze und Prägnanz blühen einzelne Sequenzen, einzelne Worte auf. Und trotzdem: es ist die Sprache, die leidet, und selten das einzelne Wort.

Denn: der Klang eines Wortes ist wie der vereinzelte Ton eines Liedes, sagt weiter Alena Wagnerová und hat für das Gedicht gesprochen Recht. Aber ruft dann nicht ein Ton förmlich nach anderen Tönen, ruft die Note nicht nach einem Nachbarn, um zu einer Melodie zu werden? Und das geschieht in den Gedichten von Ingrid van Biesen zu wenig: Melodie, Satz, Rhythmus geschehen nur beiläufig. Sie möchte es so, sie möchte die Worte vereinzelt oder gerade noch im Paar, ihre Wirkung kosten, auskosten - es ist ihr Weg in die Stille hinein (und immer hinein scheint mir, und selten heraus), aber das Herunterdimmen auf die Wirklichkeitsschwaden des einzelnen Wortsinns ist mir oft zu bedeutungsschwanger, tatsächlich: die Reduktion auf wenige Worte bewirkt ja eher eine Weitung und Aufblähung als eine Konkretisierung. Das genaue Wort entsteht erst durch die Grenze, die ihm sein Partner setzt – in der Grammatik des Satzes. Ein Gedicht wird verbindlich durch das Spiel seiner Worte, seine Melodie, sein Erscheinen als Lied und nicht durch das Schwimmen in den davonstrebenden Wellenkreisen eines dahingeworfenen Wortes. Kreise, in denen man letztendlich nicht das Wort selbst sucht, sondern das, was es mit einem macht und in einem hinterläßt und damit: letzten Endes doch sich und nicht das Gedicht.

Die große Dichtkunst sucht nicht nach den Wirkungen des Wortes auf das eigene Ich, sondern nimmt das Wort und macht Hackbraten daraus, schmeißt es an die Wand und klebt es unter den Rock, sie wirft mit ihm nach den Lügnern und Täuschern und entlarvt, was das Leben nicht ehrt. Sie nimmt das Wort und befreit es aus seinem wabernden Sumpf und schickt es an Plätze, wo es vorher nie war.

Sicher, es spricht nichts dagegen, meditative Momente in das Leben zu bringen auch indem man Gedichte im Stile Ingrid van Biesens liest, die, das muß man deutlich sagen, gut gemacht sind - aber dem liegt ein Dichten zugrunde, dass eher aus dem ichgebundenen Empfinden hervorflocken will, als zum Gedicht hinreichen und nur zum Gedicht. 

scherben klirren fremd
in dem raum
der blüten birgt

in ein meer von rosen
fällt schneidend
frost

(aus dem Kapitel „auch dulcinea“)

Ingrid van Biesen
Im Zwischenlicht der Zeit
Grafiken: Monika Bozem
Gollenstein
2005

Fixpoetry 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken.
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge