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Kritik

Stinkeschuhe, Langzahnmonster, Krampf-Theater.

Der Arche Kinder Kalender 2017 ist ein regenbogenfarbiges Meisterwerk
Hamburg

Können Mäuse Fußball spielen? Aber klar doch, man sieht sie ja mit ihren langen Schwänzen über den Platz flitzen, „in einer mondhellen Nacht“: die Lilabehosten gegen die Grünbehosten. Dann passiert etwas Unvorhergesehenes. Aus allen Spielfeldecken kommen sie angerannt, bleiben starr vor Schreck in angemessenem Abstand stehen und glotzen fassungslos aus kleinen kugelrunden Mäuseaugen zur Mitte des Feldes: Da sitzt sie auf dem Boden und hält mit schmerzverzerrtem Spitzmausgesicht ihr linkes Bein. Erst war es nur „ein Kribbeln!“ Dann steigerte sich das unangenehme Gefühl, wurde eklig: „Ein Krampf!“ Und das „im Bein der Maus mit Nummer Vier,“ der vom Team der Grünhosen. Aber: „Bekommen auch Mäuse Krämpfe?“

Ja – das behauptet zumindest Seung-ho Choi. Wie er auch ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass Mäuse Fußball spielen. Aber dann stellt er seine eigene Behauptung in Frage. Sät Zweifel, stiftet Verwirrung: Denn dass Mäuse Fußball spielen können, muss ja nicht zwangsläufig heißen, dass sie auch Krämpfe bekommen.

Ein köstlicher kleiner Text in einer knappen, pointierten Sprache: Nur vier Zeilen braucht Choi, um einen Mikrokosmos mit fußballspielenden Mäusen zu komponieren, dann in der fünften mit einer trickreichen, sinnverspielten Drehung alles ins Wanken zu bringen. Auch die Illustration von Jeong-ju Yun ist klar und einfach, aber eine Antwort gibt auch sie nicht. Dafür zeigt sie zwischentönige Details: Blitzen nicht die Knopfaugen von Nummer 1 der Lilahosen ziemlich empört auf, wegen der Spielunterbrechung? Starren fast schon verärgert auf die Verwundete, weil sie das Krampf-Theater eher für Flunkerei hält? Schaut Nummer 7 aus dem gleichen Team nicht auch gehörig skeptisch drein? Und Nummer 9 der Grünbehosten: Kratzt sie sich nicht hilflos zweifelnd am Kopf? Es ist wahr: Mäuse können tatsächlich keine Krämpfe bekommen, Nummer 4 wollte wohl nur ein Tor vereiteln. Oder? Sieht man doch...

Auch für das kommende Jahr gibt die Internationale Jugendbibliothek einen Arche Kinder Kalender heraus. Und auch der Siebte ist wieder ein glitzerndes Kaleidoskop bildhafter Gedichte und Geschichten, klangvoll illustriert und aus aller Herren Länder: Die koreanischen Mäuse bolzen Mitte Mai auf dem 21. Kalenderblatt - insgesamt sind es 53, da der 1. Januar sein eigenes Blatt hat. Also jede Woche plus 1 zeigt sich eine andere kleine Welt in Wort und Bild: Etwa die des iranischen Kindes, das aus einem Milchfleck eine Milchmaus macht. In einer kräftigen Buntstiftzeichnung sieht man das Mädchen von oben allein an einem chaotischen Holztisch sitzen: Spiegeleier auf grünem Teller, Apfelschnitze auf knallrotem, grüne Oliven auf himmelblauem. Eine zitronengelbe Kanne, leergegessene Teller, hier und da eine Ecke Fladenbrot, Besteck kreuz und quer. Und ihr Milchglas ist umgefallen: Aus dem blütenweißen Fleck zeichnet sie gerade ein Mäuschen mit Schnabelschnute und füttert es liebevoll. Aber: "Just als sie mit mir ihr Brot und ihren Käs' verputzt, kam Mama mit ihrem Tuch und hat sie weggeputzt."

Es wird von Tante Magdas Stinkeschuhen erzählt, die so übel riechen, dass dem Mädchen die Zöpfe zu Berge stehen und der Katze der Schwanz. Und beide haben sich ihre Nasen mit einer Wäscheklammer zugeklammert. Oder es geht um ein Langzahnmonster, das nicht auf seinen Beinen laufen kann, "da sie an der falschen Stelle wachsen" - nämlich nach oben. Aber: "Weil sie sich bis zur Erde dehnen, läuft Langzahnmonster auf den Zähnen. Na bitte! Geht auch." Es wird von einem Mädchen erzählt, das manchmal auf Bäumen schläft, von einem anderen, das hat "einen Faden gefunden, eine Schlinge gebunden, in die Wälder gegangen, einen Löwen gefangen." Von einem stürmischen Tag mit "Luft unter der Jacke, Luft unterm Arm. Ein Tag, an dem wir alle glauben, fliegen zu können." Oder ums "Groß werden": Da wellt sich sanft ein kleiner grünbrauner Hügel mit kleinen Kugelsträuchern am unteren Bildrand des japanischen Linolschnitts. Weiter oben, in gebührender Entfernung, erhebt sich majestätisch ein mächtiger schneebekrönter Berg, darüber weiße Wölkchen, die den Gipfel umspielen. Und da fragt sich das Hügelchen: "Ob ich eines Tages auch so groß werde und die Wölkchen dann kommen, um auch bei mir zu spielen?"

Manche Texte "sind leise wie Schnee oder wie Sonnenlicht auf dem See", manche polternd laut, "wie wenn ein Riese auf Trommeln haut." Manche einfach und klar, manche verschnörkelt und verknäult. Es gibt skurrile Gedichte, rätselhafte und wortspielerische, witzige und überraschende, tragikomische und abenteuerliche, spitze und runde, nachdenkliche und abstruse, friedvoll sonnige und einsam verlorene.... Manche trällern in federleichtem Ton, andere seufzen tieftraurig oder brummen melancholisch, wieder andere klingen in poetischen Klängen, und etliche sind nicht gereimt. Aber alle erzählen sie wunderbare Geschichten, die zum Drüber- und Drunter- und Weiterspinnen einladen, ob sie kurz oder lang sind. Und alle werden getragen und umhüllt und bespielt, manchmal auch verrätselt, von den malerischen, surrealen, verrückten, knappen oder üppigen Illustrationen - den Graphiken, Collagen, Linol- oder Holzschnitten, Buntstift- oder comicartigen Zeichnungen... Und der Grafiker Max Bartholl hat aus den besonderen Einzelteilen - originale Illustrationen, Originaltexte, die schon allein wie ein Gemälde wirken, vor allem Sprachen wie japanisch, koreanisch, chinesisch, Farsi oder Malayalam und den Übersetzungen - ein regenbogenfarbiges Meisterwerk komponiert.

Internationale Jugendbibliothek (Hg.)
Arche Kinder Kalender 2017
Mit 53 Gedichten und Bildern aus der ganzen Welt
Arche Kalender Verlag
2016 · 60 Blätter · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-0347-7017-0

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