Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
triedere ausgabe 18
x
triedere ausgabe 18
Kritik

Das poetische Wort als Kontrast und Zeichen

Hamburg

Irena Habalik, geboren 1955 in Polen und dort aufgewachsen, absolvierte in Wien Dolmetsch - und Publizistikstudium und arbeitete hier bei Amnesty International. Im Jahr 1999 erschien ihre bibliophile Lyriksammlung Überall ist ein Land, bereichert mit eindrucksvollen Farblithographien von Herwig Zens. Ihre Gedichte erschienen auch in Zeitschriften und Zeitungen, unter anderem in Neue Zürcher Zeitung, Der Standard, Literatur und Kritik,  Versnetze und im Rundfunk.

In ihrer zweiten Lyriksammlung, die 2014 unter dem Titel Aus dem Laub fallen die Worte in der Collection Montagnola veröffentlicht wurde, erweitert die Autorin die Themenkreise der ersten Sammlung mit neuen Inhalten und mit der originellen Bildhaftigkeit ihrer Sprache, mit interessanten Redewendungen und Wortspielen. In ihre Verse fließen divergierende Sprachschichten, durch die sich das lyrische Ich inmitten des Spracherlebnisses und vertieft empfundener Natur auf besondere Weise entfaltet. „Ohne Gedichte sind wir allein“, heißt es im Text Nach dem Gedicht. Das ist eine wichtige Grundposition für die Entstehung verschiedener Lyrikzyklen von Irena Habalik, die  in der Sammlung Aus dem Laub fallen Worte veröffentlicht sind.

Das spezifische Verhältnis der Autorin zur Sprache und ihren Möglichkeiten wird vielleicht auch durch ihre Zweisprachigkeit beziehungsweise Mehr- und Anderssprachigkeit begründet. Sie kam aus Polen nach Wien und begann hier in deutscher Sprache zu schreiben, ohne  das Sensorium für ihr erstes Land und ihre Muttersprache zu verlieren, was vor allem in ihrem ersten Gedichtband überall ist ein land (1999) immer wieder zum Vorschein kommt (z. B. in den Gedichten  überall ist ein land, in zwei sprachen, am rande, deutsche unterstufe usw.).

Dem Wort an sich kommt in der Lyrik von Irena Habalik eine besondere Bedeutung zu. Sie kann es spielerisch verwenden, in  provozierende Redewendungen einbinden,  in besondere, kombinatorische, manchmal ironisch verdrehte Fügungen eingliedern. Im Gedicht aus dem ersten Zyklus Ich weiß, dass in mir zwei Seelen hausen, das unter dem schlichten Titel Das Gedicht veröffentlicht ist, erfahren wir, dass Gedicht ein Mann ist „mit braunen Augen / und breiten Schultern“, doch diese erotische Andeutung wird, wie so oft in der Lyrik dieser Autorin, mit den Elementen der Naturlyrik verknüpft, der eine nicht unbedeutende Rolle bei der Ausformung der einzelnen Texte zukommt. Allerdings haftet der Natur- und Landschaftsschilderungen in der Lyriksammlung Aus dem Laub fallen Worte oft kein idyllisches Charakteristikum an, wir haben eher mit den Verdrehungen zu tun, mit der Komik und Ironie, so wie im oben zitierten Gedicht Das Gedicht, das ein Mann ist, der dem lyrischen Ich „an einem warmen Abend“ sagt „an Eiszeit denken und / er leckt mir diesen Sommer/ Schneeflocken / an den Nacken“ (S.10).

Vor allem im dritten Zyklus des Buches Paarweise oder 20 Mal Liebe wird das Erotische auf verschiedene Weise dargestellt. Manchmal auch humorvoll, locker oder ironisch. Oft wird die Liebe zusätzlich noch  literarisiert, wie im interessanten Gedicht Nächte mit den Dichtern, und durch Sprache und ihre Möglichkeiten bestimmt. Im Text Nächte mit den Dichtern begegnen wir mehreren Figuren, bekannt aus der Weltliteratur, zum Beispiel Petrarca, Hafis, Flaubert, Rimbaud, Benn, Tschechow, Ionesco, Pirandello. Bemerkenswert vor allem auch das Gedicht Die Liebe und die Toten, in dem auf makabre Art  und ein bisschen frivol die Diskrepanz zwischen den Lebenden und den Toten gezeigt wird und das Fragliche, Zwielichtige, das Absurde der Wirklichkeit, ja, manchmal sogar der Existenz, in der Veränderlichkeit der Dinge und der Lebenssubstanz hervorgehoben wird.

Wenn im Gedicht Novemberpark aus dem ersten Zyklus, mit viel Raum für die melancholische Aufführung der Naturereignisse, das Ambivalente der Sinnbezüge nur angedeutet wird, und sich hier nur „eine Schaukel selbst in Schwung  bringt / ergattert entflohene Laute / und summt“, wird in dem Anklagegedicht  Embryo 1  „ein Bündel aus Nerven Blut und Herzpochen“… „gespült an ein unbekanntes Ufer“.

Im zweiten Zyklus Im Kreise des Jahres werden neben den sachlichen Beschreibungen der typischen Charakteristika für die einzelnen Monate in indirekter Form auch die Empfindungen der Autorin deutlich gemacht. Die Sachlichkeit der Deskription, verbunden mit der melancholischen Schilderung der kleinen unscheinbaren Dinge,  weckt die Erinnerung an die alten Kalendergeschichten und klassischen Stundenbücher, unter anderem auch an die klare Komposition der prächtigen Bilder im Buch des Duc de Berry aus dem 15. Jahrhundert.

Im kurzen Zyklus Gelb, Blau und der Punkt werden poetisch die Farben und Formen rhythmisiert und in Schwung gebracht. Auch in den Zyklen Aus dem Laub fallen Worte (der Titel des Gedichtbandes!), Ophelia lässt sich nichts mehr vorspielen und Wir haben die Katze im Sack verkauft gebraucht die Autorin die Worte als Kontrast und Zeichen, um sie in die Beziehung zu sich selbst und zu ihrer Stellung in der Welt zu setzen. Das Erlebte und Gedachte wandert in die Sprache. Die Wirklichkeiten zeigen sich diskontinuierlich, nebeneinander gesetzt, manchmal entsteht collagenähnliche Struktur der Inhalte. Im Text Das Spiel (S. 94) erfahren wir, dass das Leben „ein Ping Pong“ ist und auf der Seite 81 lesen wir: „Manchmal fällt / ein Bild / aus / dem Rahmen/ dann fällst / du / aus dem Bild…“. Gelegentlich, wie zum Beispiel im Gedicht Ophelia lässt sich nichts mehr vorspielen, werden die Frauenfiguren der Weltliteratur (Ophelia, Penelope, Antigone, Kassandra, drei Schwestern) aus den Rollen, die ihnen die Dichter verordnet haben, mit dem vordergründigen Witz heraus geworfen und in den neuen Wirklichkeiten auf den Kopf gestellt. Die Filtrierung des Wirklichkeitsmaterials durch Wort- und Sprachspiele ist für Irena Habalik charakteristisch.

Auch ihre Gedichte, die in der Anthologie Poesie - Quadriga 3 unter dem Titel In diesem Baum wohne ich veröffentlicht sind, folgen diesen sprachspielerischen ironischen Mustern und verlieren in den Brechungen des Erzählten sehr oft den zuerst angedeuteten idyllischen Charakter.

Poesie – Quadriga Nr. 3. Gedichte von Margrit Brunner, Irena Habalik, Ruth Werfel, Eva Christina Zeller. Edition Isele. Eggingen  2014. 164 Seiten.

 

Irena Habalik
Aus dem Laub fallen Worte
Edition Montagnola
2014 · 128 Seiten · 17,90 Euro
ISBN:
978-3-7357-4161-5
Erstveröffentlicht: 
LOG (Zeitschrift für internationale Literatur, Wien), Nr. 143 / 2014

Fixpoetry 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge