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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
Kritik

„daß Widerspruch am Platz war”

Hamburg

Nur wenige Literaturwissenschaftler prägten ihre Disziplin in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wie Peter Szondi. Dieser war zum einen als Komparatist wesentlich für neue Verknüpfungen einander entfremdeter Nationen und (National-)Philologien, dann zum anderen vor allem aber auch brillanter Theoretiker, der als zugleich nicht minder genialer Exeget neue Texte und Theorien miteinander aufs Fruchtbarste in Interaktion zu bringen wußte. Beides ist der Geist des Dahlemer Instituts, das inzwischen seinen Namen trägt.

Nun liegt dieser Band vor: Nach Szondi, ein Porträt Szondis und seines Vermächtnisses, der AVL der Freien Universität. Und er ist vortrefflich gelungen. Anekdoten entschärfen hier nichts, Theorien entwirklichen nichts. Der Band bietet stattdessen neben faksimilierten wie transkribierten Zeugnissen der Geschichte Szondis und jenes Instituts kluge Berichte und Rekonstruktionen, aber auch Urteile – sowie schließlich eine Zeittafel und ein Register; all dies ergibt ein Denken in Konstellationen, welches dem Thema angemessen ist. Denn schon dies, was das Institut ist, ist aufgrund von Szondis Wirken von Beginn an unklar, genauer: Transgreß dessen, was es ist. Jean Starobinski wird „unmittelbar nach der Gründung des Seminars zu einem Gastvortrag über »Ironie und Melancholie«” eingeladen, Szondi macht „daraus eine Gewohnheit: bis 1971 sprachen noch […] Paul de Man, Pierre Bourdieu, Geoffrey Hartman, Peter Demetz, Hans Robert Jauß, René Wellek, Theodor W. Adorno, Harald Weinrich, Gershom Scholem und Jacques Derrida.”

Diese Facetten werden gewürdigt; sehr schön beispielsweise Derrida, von ihm wird – neben dem prima vista Wesentlichen – auch ein schönes, kleines Psychogramm gegeben, anhand einer Anekdote: Jener wird aufgrund einer Verwechslung vom Flughafen nicht abgeholt, man vermeint mit einem Filmproduzenten den Philosophen längst im Auto zu haben; der Irrtum wird aufgeklärt und der Philosoph, der etwas hilflos wartet, doch noch abgeholt:

„Derrida – der echte – hebt die Augen, betrachtet mich, betrachtet meinen Begleiter – der in der Situation sehr lachen mußte – und begreift den Irrtum. Ein wenig später fragt er mich, wie ich ihn mit diesem Mann habe verwechseln können. › … wissen Sie – die Gewalt der Metaphysik…‹ habe ich zu ihm gesagt. Und er, gekränkt: ›Gewalt vielleicht, aber nicht Brutalität!‹”

Szondi öffnet so das Institut; doch während Szondi er es so einerseits öffnet, ist er zugleich andererseits – durch seine Brillanz fast unvermeidlich – manchen ein erdrückender Lehrer; Studierende seien rasch „Delinquenten” gewesen, „Szondis Mikropoetologie” sei für Lethen letztlich „Ermutigung (gewesen), auratischen Gebilden, die Tiefsinn ausstrahlen und Wörtlichkeit meinen, fernzubleiben.” Umgekehrt führt dies mit einem naiven, auf seine Weise höchst kleinbürgerlichen und nur pseudoradikalen Unwillen wider „Orchideenfächer” bekanntlich zu vandalistischen Akten. Dies tat Szondi Unrecht, mag auch sein „pädagogisches Untalent” nicht zu leugnen sein. Mattenklott, den ich noch kennenzulernen die Ehre hatte, formuliert nach Szondi programmatisch:

„Die Grundvoraussetzung für die Leistungsfähigkeit von Personen und Institutionen liegt in erster Linie nicht in den verfaßten Ordnungen und Strukturen, nicht in der materiellen Ausstattung, sondern in einem Milieu uneingeschüchterter, wechselseitig respektierter und ermutigter Selbstentfaltung.”

Werner Hamacher schreibt, von Szondi wurde einem eben auch „mit großem Verständnis bedeutet und, wenn nötig, vorgeführt, daß Widerspruch am Platz war.”

All dies dokumentiert und kontextualisiert der Band, ohne (subjektive) Abweichungen zu bagatellisieren; aber eben auch Materialien wie Leselisten und dergleichen. Und er folgt der Entwicklung auch hernach, als Szondi nicht mehr lebt, aufgrund seine tragischen Entschlusses; und als darum das „Verblühen einer Orchidee” zu befürchten stand. Dem Schock folgt schließlich neue Brillanz; Mattenklott, Menninghaus und Witte etwa, dazu die Umstrukturierungen und die Heimatsuche in den Tagen vor Rost- und Silberlaube. Polyperspektivisch wird das beleuchtet, Alumni tragen neben Zeugnissen und gegenwärtigen Mitarbeitern hier dazu bei; und auch zukünftige, einige sehr lesenswerte Texte stammen von Studierenden, die ihre Abschlußarbeiten Themenkreisen widmen, die mit der Institution eng verflochten sind.

Man müßte hier auf noch vielerlei eingehen, etwa auf den von „Theodor Wieselgrund” verfaßten Text, worin Morgensterns Ästhetik des Wiesels mit Adornianischem enggeführt wird und „die Nagereste zum Torso des Schönen sich stauen – um einen intentionslosen Blick auf das reine Wort des Reims freizugeben.” Freier und zugleich akkurater kann Philologie schwerlich sein. Dem mutmaßlichen Verfasser jenes Textes gelingt es auch, etwas zum Institut zu schreiben, das klar ist, aufklärend – und doch, so er selbst, „ein nostalgischer Erinnerungstext”.

Alles in allem werden also hier das Institut und mit ihm sein Namenspatron ungemein facettenreich verstanden – und zwar als etwas Reiches, doch dies nicht als beliebiger Fundus, sondern notwendig Reiches, wie die „begriffliche Wiedergabe der Stimmigkeit, die einem aufgegangen ist”, zeigt … womit ich zuletzt eines meiner Lieblingszitate Szondis hier anzuführen mir gestatte. Ein schöner, kluger Band, nicht nur allen anzuempfehlen, die sich für sein eigentliches Thema interessieren, sondern auch all jenen, die wissen wollen, wozu Philologie imstande sein könne; und wozu es ihrer sogar bedürfe.

Irene Albers (Hg.)
Nach Szondi
Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin 1965–2015
Kulturverlag Kadmos
2015 · 544 Seiten · 29,80 Euro
ISBN:
978-3-86599-322-9

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