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Kritik

Letzte Besichtigung von Sehnsuchtsgestaden

Hamburg

Fünfunddreißig Blätter mit Deckpappe, fadengeheftet zu siebzig liebevoll in Bleisatz gestalteten Druckseiten, dazu ein Umschlagkarton in schlichter grafischer Andeutung von Landschaft und Meer - Irène Bourquins neu erschienener Band "Schaukelnd im grünen Atem des Meeres" hat durch den schweizerischen Waldgut-Verlag diesen äußerlichen Adel der Darreichung erfahren, der uns in der modernen Lyrik aus nachvollziehbaren Kostengründen nicht mehr allzu oft zuteil wird. Für kleine und kleinste Auflagen, die Gedichtbände in aller Regel im deutschsprachigen Raum erzielen, ist heute auch bei renommierten Verlagen eher der Digitaldruck das Mittel der Wahl.

Umso erfreulicher ist es, einmal wieder ein so wertig aufgemachtes Heft in den Händen halten zu können, wie sie Waldgut in der Reihe "Bodoni Druck" vorlegt. Das hat freilich seinen Preis, dreißig Franken oder achtundzwanzig Euro muss die Leserschaft auf den Büchertisch blättern. Aber dafür bekommt sie neben dem Retrocharme der sechziger Jahre auch inhaltlich etwas anderes als eines der zahllosen Reisegedichtbändchen, die kaum mehr zu bieten haben als pittoreske, aber platte Eindrücke, die auch der dilettantisch genutzte Fotoapparat zu liefern imstande gewesen wäre. Touristische Buntheit ist definitiv nicht ihre Sache. Im Gegenteil: da, wo Menschen überhaupt auftauchen in den Gedichten der 1950 in Zürich geborenen Irène Bourquin, erscheinen sie meist als Störer, vergänglich, unbewusst, eitel:

"überall schnattern Touristen - sie sehen / nichts als sich selbst / im Handy-Display" (S.56)

Oder wie in den folgenden Zeilen:

"kurz die Zeit / mit den Menschen / lange allein / mit gehörntem Vieh / und wildem Getier" (S.9)

So erfährt das lyrische Ich eine Wanderung in den Bergen, steigt zunächst auf und schließlich herab zum Meer.

In drei etwa gleich gewichteten Unterabteilungen reisen wir mit der Dichterin um den vielleicht eindrucksvollsten Bogen des Mittelmeeres, von Ligurien über die Côte d' Azur und die Provence nach Katalonien. Was uns aus diesen Texten immer wieder entgegenkommt, ist die Natur in vielfältiger Ausprägung. Irène Bourquins Blick ist weniger detailversessen und sezierend als der vieler anderer LyrikerInnen. Vielmehr schafft sie Überblick, vermittelt uns Raum und Weite der Landschaft am Meeressaum. Ihr Augenmerk richtet sich auf Horizont und Himmel, auf wechselnde Farbenspiele, die vordergründig beinahe etwas Impressionistisches haben mögen, aber nur selten lässt sie ihre Beobachtungen ohne Brechung stehen:

"Noch immer das Meer / in jedem denkbaren Blau // am Horizont / die Schatten der Tanker / wachsen" (S.17)

Im letzten Terzett bricht hier die moderne Welt mit all ihren impliziten Gefahren ein, der Tanker eröffnet die Assoziationen von Unfall und Umweltkatastrophe, was allein durch das Bild der wachsenden Schatten und die rasche Aufeinanderfolge des tragenden Vokals "a" erzeugt wird.

Manchmal ist die Brechung auch ironischer Natur, wie im Gedicht "Lago d'Iseo":

"es regnet / auf alle Denkmäler / es wäscht / den taubenverschissenen / steinernen Helden / den Kopf" (S.13)

Eine weitere Ebene der Brechung erreicht Irène Bourquin durch ihre Metaphorik, die gerne auch einmal aus einer eigenwilligen Verschränkung von Ding und Tier entsteht und sehr plastische innere Bilder entstehen lässt:

"Aufklatschende Welle / Klangdelphin / der Nacht" (S.30)

oder

"der Silbersand / lichtgrünes Schuppenmuster / der Wellen - sanft / atmendes Meerreptil" (S.31).

 

Bei der Strukturierung der Gedichte lässt sich die Autorin überwiegend gänzlich freie Hand. Oft sind die Texte sehr kurz, verströmen etwas von der Holzschnitthaftigkeit japanischer Lyrik, ohne sie jedoch formal zu zitieren. Ein regelmäßiger strophischer Bau im eigentlichen Sinne bei den etwas längeren Gedichten (die dann freilich auch selten mehr als zwanzig zumal kurze Verse aufweisen) ist ebenfalls nur vereinzelt auszumachen; vielmehr finden sich häufig unregelmäßige Zäsuren, die analog zum semantischen Aufbau nachvollzogen werden können. Bis auf vereinzelte Gedankenstriche verzichtet Bourquin konsequent auf Satzzeichen.

Der Einfluss der bildenden Künste auf die Gestaltung der Gedichte ist deutlich spürbar. Etliche Texte wirken wie ein Aquarellieren mit Worten, in denen mit Farben und Adjektiven nicht gespart wird; in anderen finden sich Bezüge zur Bildhauerei, etwa wenn Bourquin eine "Kormoranskulptur" benennt oder eine Zikade ein Loch in die Nacht meißeln lässt. Was sie vermeidet, ist hingegen die Collage - nichts wirkt gewollt oder willkürlich, die erzeugten Sprachbilder erscheinen, obschon kunstvoll gefügt, wie selbstverständlich.

Den regionalen Unterschieden der Landschaften, die sich ja immerhin über drei Länder erstrecken, trägt Bourquins durchgehender Sound nur insofern Rechnung, als dass häufig die jeweiligen geografischen Orte direkt benannt werden. Es geht ihr dabei allerdings nicht um illustratives Wortgeklingel, vielmehr erschafft sie die Landschaften neu durch ihre individuelle Sprache, eignet sie sich an. Dadurch werden sie in gewisser Weise zur "bourquinischen" Küste, ein der Schönheit verpflichtetes Stück Europa, dessen Besichtigung sie ihrer Leserschaft ermöglicht: Schönheit, die Störung, Herbheit und Verfall mit einschließt. Sie verschweigt auch nicht das sich daraus möglicherweise ergebende Dilemma des Stillstands:

" Vor Cap de Creus / schwimmt / ein Stier / die Nasenlöcher / schnauben Gischt // Europa / im Schlepptau / führend / kommt er / nicht vom Fleck" (S.53).

Diesen Stillstand im Angesicht des Ästhetischen hat Bourquin riskiert - und als erfahrene Autorin souverän überwunden. Wir als Leserschaft dürfen das Ergebnis in uns aufnehmen, "schaukelnd im grünen Atem des Meeres" (S.39).

Irène Bourquin
Schaukelnd im grünen Atem des Meeres
Ligurien · Côte d' Azur · Provence · Katalonien
Waldgut Verlag
2016 · 64 Seiten · 28,00 Euro
ISBN:
978-3-03740-655-7

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