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triedere ausgabe 18
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triedere ausgabe 18
Kritik

Was auf der Asche wächst …

Ein Roman der in Auschwitz ermordeten Irène Némirovsky über die großen gesellschaftlichen Brüche am Anfang des vergangenen Jahrhunderts

Glücklich ist derjenige, der weiß, was gut und schlecht ist, der niemals darüber schwankend wird oder wenn doch, für den jemand da ist, der ihn an die rechte Verteilung dessen erinnert. Dieses Glück scheint Bernard zu haben, ein junger Mann aus einer kleinbürgerlichen Pariser Familie im ersten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts, der in seinem Leben viele Fehler begeht, der Frau, die ihn liebt unendlich weh tut und dann gerade durch sie wieder aufgefangen wird.

Heißblütig und kaum 18 Jahre alt zieht Bernard in den I. Weltkrieg. Die Enge seiner Familie und das Netz der sozialen Bindungen, in denen sie eingestrickt ist, langweilen ihn. Bernard lockt das Abenteuer, der Ruhm, der ihm in seiner Vorstellung von den Schlachtfeldern des Krieges entgegen weht. Schon bald merkt er jedoch, dass die Realität ganz anders ist und mit vermeintlicher Kriegsromantik nichts zu tun hat. Es ist die Industrialisierung des Krieges, die ihn entsetzt und die Erkenntnis, dass er als Mensch völlig bedeutungslos ist: »In Wirklichkeit brauchte man mich nicht einmal. Für den modernen Krieg brauch man Maschinen.« Als er und seine Kameraden aus dem Krieg zurückkehren, sind sie schwer traumatisiert: »Seelisch war ihm eine Wunde beigebracht worden, die nichts mehr würde heilen können und die sich jeden Tag seines Lebens vergrößern würde.« Bernard will nun erst recht nichts mehr vom kleinbürgerlichen Dasein seiner Eltern wissen und stürzt sich in wilde Spekulationen, um möglichst schnell an möglichst viel Geld zu kommen. Dem Tode entronnen, sucht er das pralle Leben: Luxus, Alkohol und leichtlebige Frauen. Dennoch heiratet er Thérèse, die aus demselben Milieu stammt. Sie hat die Vorkriegszeit mit ihrer dezenten Betulichkeit in ganz anderer, angenehmer Erinnerung. Némirovsky beschreibt diese untergegangene Welt im ästhetischen Erzählton des 19. Jahrhunderts: »Man zündete die ersten Straßenlaternen an, und die Luft wurde malvenfarben, gezuckert, hätte man meinen können, wie ein Veilchenbonbon. Man hatte Lust, sie zu lutschen (…) Vor den kleinen Cafés war der Platz für den Tanz abgesteckt, ein Rechteck auf den Trottoirs, von Lampions beleuchtet und vom Mond beschienen. Auf dem Boden bewegten sich die Schatten der Bäume. Die Nacht hatte etwas Sanftes.« Immer wieder gibt es im Roman diese kleinen Bilder vom Zauber der alltäglichen Augenblicke. In der Flut der Ereignisse sind sie wie kleine Rettungsinseln, die Némirovsky ihren Figuren zur Erholung heraufbeschwört.

Thérèse hält an den Werten, der nun schon in Trümmern liegenden Gesellschaft fest: Treue, Redlichkeit, Sparsamkeit und die kleinen Freuden der Familie. Thérèse ist die große Konstante des ganzen Romans. Selbst in Momenten größter emotionaler Erregtheit entscheidet sie ohne zu zweifeln zwischen richtig und falsch. Sie will Bernard, liebt ihn und weiß aber, dass sie in dieser Ehe leiden wird. Doch sie nimmt diese Bürde klaglos auf sich, trinkt den Becher aus, im vollen Bewusstsein dessen, was sie tun.

Die großen Konflikte dieser Zeit spielen sich allein in Bernard ab: die rastlosen zwanziger Jahre, der Wirtschaftsboom, aber auch die Skrupellosigkeit, wenn es um persönliche Bereicherungen geht. Wissentlich legen Bernard und seine Generation damit den Keim eines neuen Krieges. Bernard verlässt Thérèse und die drei gemeinsamen Kinder für eine zwielichtige Geliebte kurz vor Beginn des II. Weltkrieges. Wenig später verliert er sein ganzes, durch Betrügereien zusammengetragenes Vermögen. Als er seinen Einberufungsbefehl bekommt, kann er sich nicht mehr freikaufen und die Hölle des Krieges beginnt für ihn erneut. Aber auch Thérèse und die Kinder bleiben mittellos zurück. An dieser Stelle beginnen die berührendsten Szenen in diesem großartigen Roman: Obwohl die beiden Weltkriege die schmerzhaften Pole der Handlung sind, geht es in erster Linie nicht um sie. Nicht das Kriegsgeschehen bestimmt den größten Teil des Textes, sondern das Leben der Menschen hinter den Frontlinien. Der Krieg ist für sie unsichtbar, aber trotzdem immer anwesend und zu spüren. Thérèse verarmt immer mehr und kann dennoch ihre Würde bewahren. Sie zieht mit ihren Kindern aufs Land, weil sich hier leichter Nahrungsmittel beschaffen lassen, und findet Frieden in der Natur. In einer Welt, in der alles zusammenbricht, fühlt sie sich von den ewigen Wandlungen der Jahreszeiten getröstet. Hier nimmt sie auch den treulosen Bernard wieder auf, der nach langer Kriegsgefangenschaft seelisch und körperlich gebrochen zurückkehrt. 

Némirovsky hat ihren Figuren klare Plätze zugewiesen, klare Schemen, die sie verkörpern und nie verlassen: Thérèse, die ätherisch schöne, aufopferungsvolle Mutter und Ehefrau; Bernard, der unstetige, sich auf Irrwegen verlierende Mann. Das lässt sie zwar auf den ersten Blick eindimensional wirken. Die Leidenschaftlichkeit und Lebendigkeit, die Némirovsky in die Beschreibung ihrer Figuren legt, gleicht das mehr als aus. »Feuer im Herbst« ist ein bemerkenswerter Roman über alte und neue Gesellschaftsordnungen und die Suche der Autorin nach etwas, das in allen Zeitenläufen beständig bleibt.

Némirovsky vollendete diesen Roman in den Jahren 1941 und 1942. Zu dieser Zeit lebte sie schon in der französischen Provinz, nachdem sie als Jüdin mit ihrer Familie das von den Deutschen besetzte Paris verlassen musste. Es muss für sie eine fieberhafte Zeit gewesen sein. Unter Todesbedrohung schrieb sie dort neben »Feuer im Herbst« auch an einem anderen Manuskript, »Suite francaise«, dass als Fragment erstmals 2004 veröffentlicht wurde und sofort zur Sensation des literarischen Herbstes in Frankreich avancierte. 1942 nach Auschwitz deportiert, starb Irène Némirovsky dort noch im Herbst desselben Jahres. Posthum 1948 veröffentlicht und zuletzt von Eva Moldenhauer neu übersetzt, eröffnet »Feuer im Herbst« einen Blick auf das faszinierende Werk einer viel zu lange unbeachtet gebliebenen Schriftstellerin.

Irène Némirovsky
Feuer im Herbst
Übersetzung:
Eva Moldenhauer
Knaus
2009 · 272 Seiten · 19,95 Euro
ISBN:
978-3-813503173

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