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Kritik

Das Ideal der Einfachheit

Camus, der algerische Europäer
Hamburg

Dass ich die Texte von Albert Camus las, ist schon eine ganze Weile her. Zwanzig Jahre, wenn ich das recht bedenke. Damals gehörte er zu meinen bevorzugten Schriftstellern. Als 1995 der Roman Le premier homme aus dem Nachlass veröffentlicht wurde, fuhr ich von Köln nach Paris, um mir in der erstbesten Buchhandlung eine Ausgabe für 110 FF zu besorgen (das globale Bestellwesen war noch nicht erfunden). Danach hat sich viel Staub angesammelt auf den Camus-Ausgaben von Caligula (Volk und Welt 1990), den Schul- und Studienausgaben von L’Étranger und Les justes, von Die Pest (Rowohlt 1993, damaliger Auflagenstand: 1.285.000) bis hin zu Noces (Gallimard 1993) und ein paar Sekundärbüchern. Für diesen angegilbten Teil meines Buchregals ist die Biographie von Iris Radisch über den Literatur-Nobelpreisträger von 1957 so etwas wie ein Staublappen und Anlass, die Theaterstücke, Essays und Romane wiederzulesen.

Im Tagebuch von 1951 zählte Albert Camus seine Lieblingswörter auf. Sie alle lesen sich wie Elemente: die Welt, der Schmerz, die Erde, die Mutter, die Menschen, die Wüste, die Ehre, das Elend, der Sommer, das Meer. Diesen Lieblingswörtern folgt Iris Radisch in ihrem Camus-Buch, das sie mit Das Ideal der Einfachheit untertitelt, und benutzt sie als Kapitel, ordnet ihnen Lebensstationen zu. Sie spürt seinem Weg nach von der einfachen Kindheit in einer französischen Kolonialisten-Familie, seinen prägenden Lehrern, Freunden und Wegbegleitern bis nach Stockholm und Villeblevin. Als Journalist, Schriftsteller und Theaterautor macht er sich einen ersten bescheidenen Namen in der nordalgerischen Provinz, die, man darf es nicht vergessen, damals Teil des französischen Mutterlandes ist. Der Durchbruch gelingt ihm in Paris, aber merkwürdigerweise ausgerechnet dann, als die Nazis es besetzen. Der Fremde passiert 1942 ganz anstandslos die deutsche Zensur und erscheint bald in hoher Auflage. Roman, Theaterstück und Essay ordnet er immer wieder zu Werk-Einheiten (das Absurde, die Revolte), an denen er jahrelang parallel arbeitet. Das letzte, viel später als Meisterwerk gefeierte Buch, ist nie fertig geworden.

Das Bild eines Mannes in seinen Widersprüchen zu zeichnen, gelingt Radisch bravourös: als Provinzler, als Aufsteiger, als Team-Worker (Journalismus, Theater). Hingerissen zwischen dem „einfachen“ Leben des Mittelmeers und den Verlockungen von Paris. Ein Mensch, der seinen formulierten Grundprinzipien relativ treu bleibt. Ein Mann, der eine Frau und zwei Geliebte braucht, um seine Selbstzweifel zu überwinden, seinen Narzissmus zu füttern. Der oft aber unbeholfen wirkt, sich in Streitereien verwickeln lässt und das nuancenreiche Spiel der Großstadt kaum beherrscht. Die meiste Zeit bewegt er sich dabei zwischen den Stühlen.

Eine Zeit lang steht er zwar den Kommunisten, den Anarchosyndikalisten, der Résistance  nah, prangert - anders als Sartre - aber bald schon die stalinistischen Verbrechen an und verscherzt es sich, nicht ganz ohne sein Zutun, mit den Linken der 1950er Jahre. Ähnlich ergeht es ihm auch mit seinen Ansichten zu Algerien. Sein Einsatz für einen Ausgleich zwischen Franzosen und Algeriern hat in der Eskalation des Algerienkrieges (ab 1954) keinen Platz. Der Algerien-Franzose Camus, der das mittelmeerische Denken als Ideal betrachtet, wird nun von den muslimischen Algeriern ausgebuht. Zwischen radikalen Anhängern der Befreiungsfront und nationalistischen Kolonialisten ist für Zwischentöne kein Patz mehr. 

Als Camus bei einem Autounfall im Januar 1960 stirbt, stirbt da kein vollendeter Autor, geschweige denn Mensch. Als Nobelpreisträger ist er gerade auf dem Weg, den ganzen Ballast der letzten Jahre endlich abzustreifen und sich literarisch wiederzuerfinden, wieder zu der schnellen und modernen Stimme zu finden, „die ohne großen Ausschläge und Kunstfertigkeiten, in einem wie wegwerfenden, an sich selbst und der Welt überdrüssigen Ton“ (Radisch, S. 136) erzählt. Als Mensch lässt er eine Frau und zwei Kinder zurück, denen Iris Radisch ein eigenes Kapitel am Schluss widmet.

Als Nachkriegs-Journalist und Essayist ist Camus mit einigen Vorstellungen seiner Zeit voraus, weil er weniger erhitze, tagespolitische Stellungnahmen abgibt, als mäßigende Utopien formuliert. Der folgende Satz liest sich so, als sei die Krise der EU bereits in den 1950er Jahren vorprogrammiert bzw. von Camus vorhergesehen worden. Es ist ein Satz, der sein mittelmeerisches Denken auf den Punkt bringt: „Anstelle der Deutschen sollen in Europa herrschen: Bescheidenheit, Brüderlichkeit, Einfachheit, Sonne, hartes Licht, rauer Meereswind, natürliche Schönheit, Gleichgewicht, Altruismus und Augenmaß“ (Radisch, S. 250). Ersetzt man „die Deutschen“ durch Technokraten und EU-Beamte aller Nationalität, erhält man eine Liste der Dinge, die wir heute an der EU vermissen.

Iris Radisch
Camus
Rowohlt
2014 · 352 Seiten · 12,99 Euro
ISBN:
978-3-499-62801-6

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