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triedere ausgabe 18
Kritik

Ein Verkannter überzeugt mit dem Schauer des Begehrens

Italo Svevo in neuer Übersetzung

„La malattia, è una convenzione ed io nacquai con quella convenzione.“ („Krankheit ist eine Überzeugung, und ich bin mit dieser Überzeugung auf die Welt gekommen.“), schreibt Italo Svevo auf den ersten Seiten seines Jahrhundertromans „Zenos Gewissen“. Vorerst handelt es sich nur um das Rauchen, das der Autor in seinem ersten Kapitel als eine Krankheit beschreibt, doch dem Leser wird bald klar, dass das Leben selbst damit gemeint ist. „Was soll man tun? Es ist unmöglich, deine Wiege vor Unheil zu bewahren. In deiner Brust braut sich ein geheimnisvolles Gemisch zusammen. Jeder Augenblick, der vergeht, fügt einen Wirkstoff hinzu.“ Italo Svevo wird heute in der italienischen Literaturgeschichte als Initiator der Moderne gefeiert und auch wenn sich das zu seinen Lebzeiten noch ganz anders verhielt, ist man heute durchaus bereit, vor diesem gewaltigen und gleichzeitig gewitzten Autor nicht nur den Hut zu heben: in seinen Worten liegt ein Sprengstoff, der, lange gelagert, zu einer noch viel unheilbringenderen Explosion führen wird, da sie spontan und unangemeldet auftritt und einen danach „voller Gelächter vom Stuhl fallen wird lassen“.

„Con un fremito di desiderio“ (mit dem Schauer des Begehrens“) verehrt Zeno Cosini, der Protagonist von Svevos 600-Seiten-starkem Roman, eine der drei Schwestern Malfenti. Doch die Angebetete, Ada, will seine Bitten nicht erhören und dadurch - wie ermuntert und nicht etwa verunsichert - macht sich Zeno daran, den nächsten Heiratsantrag an die noch jüngere Schwester Alberta auszusprechen. Doch auch diese will nichts von seinen Avancen wissen und so bleibt ihm nur mehr die hässlichste der drei Schwestern, Augusta, die ihn tatsächlich zum Mann nimmt, und das obwohl er ihr die beiden Absagen der Schwestern gebeichtet hat. Zeno ist so von dem Gedanken beseelt zu heiraten, daß ihm die Person nur noch als Nebensache erscheint. Doch die vermeintlich falsche Wahl, erweist sich in der fortschreitenden Handlung des Romans als die durchaus richtigste und das nicht nur, weil Ada bald unter den von der Basedow’schen Krankheit verursachten Metamorphosen leidet. Mit einer geradezu literarischen Raffinesse, wortgewandt und wie man so sagt „nicht auf den Mund gefallen“ vermag es Zeno, sich sein Leben voller Ausreden gut zurechtzulegen und für alles eine gute Erklärung zu finden. Nicht zuletzt deswegen, weil seine Erzählung eigentlich ein einseitiger Dialog mit seinem Psychotherapeuten Doktor S. ist, der allerdings nur im Vorwort einmal kurz zu Wort kommt. Das „Gewissen“ (Originaltitel!) oder wohl besser Bewusstsein Zenos lässt in einer Art des freien Assoziierens den Worten völlig freien Lauf und es ist die ausgeklügelte Intelligenz Svevos, die dem Protagonisten sich selbst die Fallen stellen lässt, in die er mutwillig und gerne bereit tappt. So wird etwa die Liebe zu Ada, die später den Antagonisten Zenos, Guido, heiratet, von Zeno selbst weiterhin geleugnet, doch durch seine Verhaltensweise und seine ganzen Handlungen - sogar dem Nebenbuhler Guido gegenüber - ist diese Liebe mehr als eindeutig bestätigt, ja wird quasi zur Lebensaufgabe Zenos. Er belügt sich selbst und damit zwangsläufig auch seine Mitmenschen, aber er tut dies auf eine äußerst charmante Weise, so, dass man ihm gar nicht böse sein kann. Sogar als er später seine Ehefrau Augusta mit Carla betrügt, bleibt er ein sympathischer Kauz, dem man nicht einmal das übel nehmen kann, findet er doch für alles eine gute Ausrede. Die Figur Zeno Cosini steht ganz in der literarischen Tradition des „inetto“, der es in der italienischen Literaturgeschichte bereits vor Svevo zu einiger Berühmtheit gebracht hatte, wenn auch einer verruchten.

Während die ersten beiden Kapitel („Das Rauchen“, „Der Tod meines Vaters“) durchaus noch persönlich gehalten sind, bewegt der Autor sich mit dem dritten Kapitel, „Die Geschichte meiner Heirat“ bereits quasi in den „öffentlichen“ Raum. Nicht mehr die Beziehung zum eigenen Leben und der eigenen Familie, sondern zu Menschen außerhalb des eigenen „Hauses“ stehen nun im Vordergrund der Erzählung, später erfahren wir auch etwas über das „Geschäftsleben“ des Protagonisten, „Die Geschichte einer Geschäftsverbindung“, die er ausgerechnet mit Guido, dem von Ada zum Ehemann auserkorenen Antagonisten Zenos, eingeht. Auch dies also eine einzige Liebeserklärung an „seine“ Ada, die er natürlich nicht mehr lieben kann, spätestens als sie Zwillinge von Guido bekommt und er bereits doppelter Vater von Augusta ist. „Ogni giorno che passa m’apporta un altro briciolo di calma“ („Jeder Tag, der vergeht, bringt mir ein Stückchen Frieden mehr.“), schreibt Zeno in seiner Verzweiflung zähneknirschend („digrignando i denti“) in einem Brief an Carla, seine Geliebte, die Ada und Augusta gleichzeitig substituiert, und keiner kennt die Lüge, die in diesen Worten liegt besser als er, nicht einmal sein Analytiker. Zeno wünscht sich, die Frauen bei ihren Zöpfen genommen zu haben („prendere per le treccie“), als der Zeitpunkt noch günstiger war. Aber der sei es ohnehin nie, bei den Frauen. Natürlich ist es aber gerade sein eigenes Zögern und Zaudern, das das, was er wünscht verhindert. Die versäumte Liebe, die er sich nie mehr wirklich eingestehen will, führt ihn von Augusta zu seiner Geliebten Carla, denn nur so kann er seine Ehe - zumindest gedanklich - annullieren und akzeptieren lernen: im Betrug derselben. Dennoch fühlt er sich Augusta gegenüber schuldig, die ihn bedingungslos liebt. „Ich überließ mich dieser Strömung, die mich trug, aber nicht reinwusch. Ganz im Gegenteil! Sie betonte nur meine Schmutzigkeit“. (“M’abbandonavo a quella corrente che mi trasportava ma non mi nettava. Tutt’altro! Rilevava la mia sozzura.”) Zenos Gewissen könnte also durchaus auch als Liebeserklärung an eine Frau verstanden werden, eine unglückliche Liebe, da sie unerfüllt bleibt, weil sie einseitig ist, aber immerhin zum Ergebnis diesen köstlichen Roman hat, den ich jedem empfehlen kann, der genügend Humor hat, ihn auch richtig zu verstehen und nicht so, wie die zeitgenössischen Kritiker es taten.

Denn die letzten Anmerkungen in dieser Rezension gelten auch der Rezeption dieses - dritten -Romans von Svevo. Nachdem „Ein Leben“ und „Ein Mann wird älter“ erschienen waren, zog sich Italo Svevo für sagenhafte 25 Jahre aus dem Literaturgeschäft zurück. Die negativen Kritiken seiner beiden Werke ließen ihn wie eine „lumaca nel guscio“ verschwinden und er war tatsächlich wie vom Erdboden verschluckt, völlig absorbiert von seiner Arbeit als eingeheirateter Lackwarenhersteller. Erst der Wille Englisch zu lernen und ein gewisser James Joyce holten Italo Svevo Jahre später aus der Versenkung zurück in den Literaturhimmel. Joyce, der Englischlehrer von Ettore Schmitz (Svevos eigentlicher Name), hatte nämlich Kopien von „La coscienza di Zeno“ an ihm bekannte französische Literaturkritiker geschickt, die ihn mit Lobeshymnen gleichsam überschütteten. Erst jetzt wurde auch die italienische Literaturkritik auf Italo Svevo wieder aufmerksam und nahm zur Kenntnis, dass sie einen italienischen Vertreter der Weltliteratur auf dem Gewissen hatten: 25 Jahre lang hatten sie ihn vom Schreiben abgehalten und erst jetzt, 1923, fünf Jahre vor seinem Tod, verstanden sie ihren Irrtum. Natürlich ist die Verantwortung auch Italo Svevo selbst zuzuweisen, denn er hätte die italienischen Kritiker ja nicht ernst zu nehmen brauchen, aber er war eben noch jung und verunsichert und hatte ja noch ein anderes Leben, eines ohne Schriftstellerei und Literatur. Italo Svevo hatte nach seiner Entdeckung durch die internationale Kritik gerade noch Zeit einige Erzählungen und den unvollendeten Roman „Der Greis“ zu verfassen. Als er 1927 starb hatte Italien einen seiner besten Literaten und die Welt einen wahren Weltbürger verloren.

Geboren im damals kosmopolitischen Triest, arbeitete er vorerst als Angestellter einer Filiale der Wiener Union-Bank. Das habsburgische und mitteleuropäische Triest mag Italo Svevo als Inspirationsquelle gegolten haben, die er auch reichlich ausschöpfte. Triest sei damals „kosmopolitisch-merkantil und italienisch-irredentistisch, bürgerliche Stadt, karg an Kultur, und meteorologische Station des Unbehagens in der Kultur, Gebärerin einer außergewöhnlichen Literatur, in der sie ihre einzig mögliche, auf andere Weise nicht aufzuspürende Identität finden sollte“ gewesen, wie Claudio Magris in einer ZEIT-Kritik des vorligenden Buches schreibt. Aus dieser Gespaltenheit heraus, mag sich Svevo vielleicht auch sein Pseudonym zugelegt haben. An Italo Svevos ersten Veröffentlichungen stieß sich die (italienische) Kritik aufgrund eines angeblich schlechten „Italienisch“, das es 1890, knappe 30 Jahre nach der Vereinigung Italiens und dem Rissorgimento, eigentlich noch gar nicht gab. Er schreibe „Triestinisch, einer Spielart des venetianischen Dialekts, in der sich deutsche, slawische und friaulische Momente mischten“. Zum Zeitpunkt des Erscheinens seiner ersten Werke wollte die italienische Kritik schwülstigen, ästhetisierenden und sprachlichen Pomp wie von D’Annunzio fabriziert und konnte mit einem kosmopolitischen, dem Weltgeist offenen Werk nichts anfangen. Natürlich ist dies im Kontext des jungen Staates Italien auch durchaus verständlich, gesucht wurde vor allem nationalistische Literatur, um dem neuen staatlichen Gebilde eine Identität zu geben. Da hatte Weltliteratur vom Format eines Svevo, von dem ein James Joyce schreiben gelernt hatte, nichts zu suchen.

„Wissen Sie, dass Sie ein verkannter Schriftsteller sind?“ soll Joyce Svevo einmal gefragt haben. Auch die Musils (Robert und Martha) stellten vergnügt eine „entzückende Heiterkeit“ in Svevos Werk fest, aber leider waren die meisten anderen deutschsprachigen Leser von Svevos 1929 erstmals auf Deutsch erschienenen Roman nicht gerade begeistert. Das könnte übrigens durchaus auch an der damaligen (schlechten) Übersetzung gelegen sein, denn diese hielt sich kaum an den Originaltext, sondern war gewissermaßen eine „Nacherzählung des Originals mit erheblich veränderten sprachlichen Mitteln“, wie Barbara Kleiner, die das Buch 2007 neu übersetzt hat, weiß. In ihrer Arbeit habe sie sich vielmehr bemüht, „Semantik und Syntagma des Originals im Deutschen so genau wie möglich nachzubilden“. Es sei daher eine „gebundene“ Übersetzung, die zwar nicht forsch und elegant daherkomme wie die alte, dafür aber umso lesenswerter. Denn Barbara Kleiner ist es tatsächlich gelungen, den hintergründigen Sprachwitz und Tiefsinn von Svevos Prosa deutlich zum Vorschein zu bringen, Gratulation! Und das beste daran: diese Ausgabe lässt sich dank der genialen „face to face“ Druckweise des Zweitausendeins-Verlages (die italienische Seite auf der linken, die deutsche auf der rechten, präzise aufs Wort) ausgezeichnet zur Verbesserung des sprachlichen Ausdrucks verwenden! So wird Italienisch-Lernen zum reinen Vergnügen und ich hoffe es erscheinen bald weitere Werke auf diese Weise.

Italo Svevo hieß eigentlich Hector Aron ("Ettore") Schmitz. Das fünfte von acht Kindern eines Glaswarenhändlers wuchs in dem bis 1918 zu Österreich gehörenden Triest auf, lebte von 1867 bis 1872 in einem Internat in Deutschland und kehrte dann in seine Geburtsstadt zurück, um dort zu studieren. Doch als das Unternehmen seines Vaters zusammenbrach, begann er in einer Bank zu arbeiten. Das Pseudonym „Italo Svevo“ (italienischer Schwabe bzw. schwäbischer Italiener) benutzte er erstmals 1892 bei der Veröffentlichung seines Romans „Una vita“ (deutsch: Ein Leben, 1962). 1896 heiratete er seine Cousine Livia Veneziana, die Tochter eines reichen Triestiner Schifflackherstellers. Als er seine Englischkenntnisse an der Berlitz School in Triest verbesserte und dabei James Joyce (1882 - 1941) begegnete, der dort als Sprachlehrer tätig war, fasste er neuen Mut. 1923 erschien sein dritter Roman, der hier in Neuübersetzung vorliegt. Er starb 1928 an den Folgen eines Autounfalls in der Nähe von Treviso. Es gibt übrigens auch einen gleichnamige Literaturpreis, der zuletzt an Marie-Luise Scherer vergeben wurde.

Italo Svevo
Zenos Gewissen
Übersetzung:
Barbara Kleiner
Vorwort: Wilhelm Genazio
zweitausendeins
2009
ISBN:
978-3-861507819

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