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Kritik

Rückkehr ins Nirgendwo

Das Nevermind des Ivan Blatný

Als Jürgen Serke 1987 seinen sensationellen Band „Die verbannten Dichter“ herausgab, überraschte der „Fall Ivan Blatný“. Vom kommunistischen Regime seiner tschechoslowakischen Heimat seit den 1950er Jahren offiziell totgesagt, lebte ein bedeutender Vertreter des Vorkriegs-Surrealismus in England hinter den Mauern einer Irrenanstalt.

Eine Schwester hatte sich seiner besonders angenommen und die vollgekritzelten Kassiber und Zettelchen, die über Jahrzehnte achtlos weggeworfen wurden, an sich genommen und damit gerettet. Sie schickte irgendwann Auszüge an den von Josef Škvorecký im kanadischen Toronto geleiteten Exilverlag „Sixty-Eight-Publishers“. Das Ergebnis: die neue Publikation eines längst Vergessenen der tschechischen Moderne.

Es lag somit ein Spätwerk vor, das unter ganz besonderen Bedingungen entstanden war. Ivan Blatný hatte bis zu seinem Tod im Jahr 1990 nie mit dem Schreiben aufgehört und das erstaunliche dabei war, daß seine späten Verse keinen Bruch mit Blatnýs frühen Werken vollzogen. Freilich, der surrealistische Stil war nicht nur beibehalten sondern noch verdichtet worden.

Blatný, der in seiner Jugend sehr wohl über die verschiedenen Kunst- und Literaturströmungen informiert war, führt in seiner autonomen lyrischen Welt surrealistische wie auch existentialistische Stimmungen zusammen. Zusätzlich gespeist mit der spezifisch tschechischen Poesiebewegung des „Poetismus“ der 1920er Jahre ergeben sich atemberaubende Bilder voll betörender Zartheit: „Die Kehlen sind voll vom Wein, und sie betrinken sich / in den Gärten mit einem Rieseln von Rosé, / auf einem nackten Mädchenfuß / ist Apfelhauch geheftet“.

Die eigene Welt der Gärten hat immer wieder Eingang in Ivan Blatnýs Gedichte gefunden und in vielen Versen rieselt ein feiner Regen, nieselt und weht es. Keiner lauen Süßlichkeit wird da gehuldigt, alles kann auch ganz anders kommen: „wie eine Schiffsglocke ließ sich der Herbst auf die Büsche nieder“.

Möglich, daß Ivan Blatný das Zusammenspiel von Sehen, Fühlen und Hören zum Nachdenken bringt, zum Schreiben, was bei ihm erklärtermaßen identisch ist: „aus dem trüben Bewußtsein wieder ans Licht hinaufzutauchen“. Blatnýs „trübes Bewußtsein“, litt unter einer fortschreitenden Schizophrenie und dennoch vermochte die zu Papier gebrachte Vielstimmigkeit einem bemerkenswerten Ringen Ausdruck zu verleihen. Die poetische Polyphonie wird in den späten Gedichten auch durch eine Mehrsprachigkeit verstärkt.

Ivan Blatný, zweisprachig aufgewachsen und die längste Zeit in England lebend, verkörperte in seiner Disparatheit das europäische Schicksal dieses Jahrhunderts. Und es scheint, als hätte er früh geahnt, was ihn erwartete: „Wo der Wind über die Stoppeln streicht, loderte einmal Getreide, / hört das schöne tschechische Wort tesknice, / Nostalgie, die Sehnsucht, dorthin zurückzukehren, / wo wir nie waren“.

Der in der tschechischen Literatur so häufig auftretende Topos einer Rückkehr wird somit bei Ivan Blatný zu einer Sehnsucht ohne rechte Heimat. Dies hatten wichtige Zeitgenossen in ihren Werken noch anders empfunden: Jiří Wolkers Wanderer kehrte im Poem „Svatý kopeček“[Heiliges Hügelchen] in das Milieu der Jugendzeit zurück und runde zwanzig Jahre später, 1947, schrieb František Halas einen seiner eindrucksvollsten Texte, „Já se tam vratím“[Ich kehre dorthin zurück]. Jedoch bei Ivan Blatný will die Rückkehr in die Idyllik einer behüteten Kindheit, einer überschaubaren Welt, nicht recht gelingen: es bleiben zersplitterte Erinnerungssequenzen, mehrstimmig aufgesagt und oft gleichzeit vermengt in einer „ècriture automatique“. Das ehemals einheitliche Spiegelbild zerfällt in eine Unzahl von sprühenden Tropfen.

Kein Ort. Nirgends? Das Gedicht „Die Wege“ aus der 1979 erschienenen Sammlung „Stará bydliště“ [Alte Wohnsitze] zeigt geradezu programmatisch Perspektiven einer wie auch immer gearteten Rückkehr Ivan Blatnýs auf: „Übernachten auf dem Wege nach Southend in einem Hotel Namens Weir / in Orten die wie namenlose Steine seltsam benannt sind // Weiter im Süden / bei dem Rosenpfleger / trinken wir einen hellgelben Tee / in einem englischen Garten // Weiße Pferde grasen auf den Weiden und in den Hainen“.

Es muß nicht verwundern, daß die Verse von Ivan Blatný schwer zu übersetzen sind. Blatný beherrschte nicht nur den grammatischen Reichtum der tschechischen Sprache, sondern galt auch seit Beginn seiner Veröffentlichung als Talent der künstlerischen Form und ihres Artenreichtums. Selbstverständlich hätte man sich im vorliegenden Auswahlband die eine oder andere Passage in einer angemesseneren Übertragung wünschen können. Was für den Leser zählt, ist allerdings auch die Tatsache, daß es ein kleiner Verlag sein mußte, der überhaupt das Wagnis auf sich nahm, einen "verschütteten" Dichter aus Böhmen zu präsentieren.

Ivan Blatný
Landschaft der neuen Wiederholungen
Übersetzung:
Radim Klekner
C. Weihermüller
1992 · 120 Seiten · 5,50 Euro
ISBN:
3929325004

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