Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
PROSANOVA Festival für junge Literatur 2020
x
PROSANOVA Festival für junge Literatur 2020
Kritik

In der Bewegung liegt die Kraft

Ivonne Dippmanns Arbeiten in Buchform
Hamburg

Wenn ein Künstler oder eine Künstlerin eine Biografie wie Ivonne Dippmann hat, liegt es nahe sein bzw. ihr Werk vor allem vor dem Hintergrund sich verändernder Umgebungen verstehen zu wollen. Ivonne Dippmann, geboren in Karl-Marx-Stadt, lebte in den USA, Spanien, zuletzt in Israel und ist mittlerweile in Berlin angekommen. Zwei Kriege hat sie miterlebt, wie sie im Gespräch mit dem Berliner Galeristen Kristian Jarmuschek erzählt. Zeiten, in denen die Angst, die man so vielleicht noch nicht kannte, „existenzieller und physischer“ wird. Zweifellos spielte das Moment der Unsicherheit, besser der Unbeständigkeit eine nicht unerhebliche Rolle in Dippmanns bisherigem Leben, was sich auch in ihrer Kunst niederschlägt. Wie passend ist es da, dass sie ein Gedicht von Ron Winkler illustrierte, das den Titel Umgebung für Menschen mit diskontinuierlicher Heimat trägt. „[A]llein dieser Titel bringt das, was Dippmann in ihrem bildnerischen Werk veranstaltet, im Grunde auf den Punkt“, schreibt Jan Kuhlbrodt in seinem Vorwort von Meine Feindseligkeiten Sind Gerechtfertigt Verteilt, in dem die Arbeiten der Zeichnerin aus den letzten Jahren zusammengefasst wurden. Die Kunst als konstante Umgebung für die Erfahrungen eines diskontinuierlichen Lebens könnte eine weitere Formel sein, um Dippmanns Werk zu beschreiben.

Ivonne Dippmann: Meine Feindseligkeiten Sind Gerechtfertigt Verteilt

Doch man würde der Künstlerin und ihren Werken Unrecht tun, wollte man sie allein aus diesem Moment heraus verstehen. Mag die Kategorie „Raum“ auch eine noch so große Rolle in diesen Zeichnungen spielen, so beanspruchen immer auch andere Aspekte ihren Platz  darin. Augenfällig werden vor allem die Dichotomien von Ordnung und Chaos, Figuration und Abstraktion, aber auch Aspekte von Zeitlichkeit, Narration und natürlich das Moment der Bewegung. Es ist ja überhaupt erst die Bewegung, die die angesprochenen Diskontinuitäten ermöglicht. Diese Erkenntnis mag zunächst etwas banal erscheinen, in den Figurenzeichnungen Dippmanns wird sie jedoch wesentlich. Kaum eine ihrer Figuren wirkt statisch. Fast immer sind Arme, Hände, Beine oder das Gesicht bewegt. Im Kontext mehrerer kleiner Zyklen, die im Buch abgebildet sind, wird dieser Eindruck von Bewegung durch Erzählungen en miniature untermauert. Wherever this man went, I’ll call you, I once fell in love with you, just because… oder 2 Männer jagen sich heißen diese kleinen Geschichten.

Überhaupt ist es nicht selten das Thema der Verfolgung, das Dippmanns Bildern eine unübersehbare Dynamik verleiht. Manchmal schlägt diese Dynamik in Aggression um, werden Messer und Pistolen gezückt, wird gestochen, geschossen und geschlagen. Und manchmal schämen sich Dippmanns Figuren nach diesen Ausbrüchen von der Gewalt, stehen still und lassen die Köpfe hängen. Manchmal scheinen es auch die beunruhigten Zeugen der Gewalt zu sein, die sich an der Stelle der Täter schämen. Das sind die selteneren Momente, in denen die Bewegungen in Stillstand umschlagen. Bilder wie The Past bekommen dann ein Gegenstück wie Dippmann, relax! Eine hektisch schreitende Figur ist so in Eile, dass ihre Gliedmaßen gar nicht vollständig vom Bild erfasst werden können. Später dann sieht man sie wieder mit abgeschnittenen Füßen. Manchmal muss man zum Ausruhen gezwungen werden. Vielleicht lassen sich aus dieser Perspektive heraus auch die ungewöhnlich langen Nasen von Dippmanns Figuren verstehen. Sie ragen deutlich vom Rest des Körpers weg, sind dem Gesicht einen Schritt voraus, immer schon ein paar Zentimeter früher in der Zukunft.

The Past

 Doch dieses ewige (An-)Rennen gegen die Welt hat auch seine Grenzen. Das weiß Dippmann und sucht mit abstrakteren Arbeiten nach einem harmonischen Gegenpol zu all der chaotischen Dynamik. Kompositionen aus Farbflecken oder im Bild reproduzierter Figuren lassen eine gewisse Suche nach Gleichklang und Ausgewogenheit erahnen. Das kann jedoch nicht immer gelingen; vor allem dann nicht, wenn eine Komposition aus amputierten Händen und Füßen besteht, laut koloriert mit Tönen aus Pink, Rot und Gelb. Vielleicht ist das ein möglicher Ansatz für zukünftige Arbeiten Dippmanns. Bereits die Arbeiten zu Jan Kuhlbrodts Gedichtband Stötzers Lied weisen deutlich mehr Ruhe auf als frühere Werke, ohne dabei an Ausdrucksstärke zu verlieren oder gar zu langweilen. Ein Zeichen dafür, dass künstlerische Kraft nicht allein aus der Bewegung kommt.

Ivonne Dippmann
Meine Feindseligkeiten Sind Gerechtfertigt Verteilt
My Hostilities Are Distributed In A Justified Way
Arbeiten, Projekte und Kollaborationen von 2008 – 2013 in Tel Aviv, Jerusalem und Berlin (u.a. mit Ady Shimony, Friedemann Banz und Giulia Bowinkel, Kunji Baerwald, Dan Spiegelmann und Ron Winkler). Mit Textbeiträgen von Jan Kuhlbrodt, Raphael Zagury-Orly
Revolver
2013 · 336 Seiten · 44,00 Euro

Fixpoetry 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge