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Kritik

Wider die Verklärung der Verklärung

Hamburg

Dieser Tage ist  ja – zum Neunzigsten von Jack Kerouac – die Verfilmung seines Romans „On the Road“ in den deutschen Kinos angelaufen. Der Film ist nicht der Rede wert: er hat einen netten Soundtrack, ein paar hübsche Landschaftsbilder und man kann sich die Titten der Twilight-Darstellerin Kristen Stewart angucken. Ansonsten kommt er einer Endlosschleife aus Jack-Wolfskin- und Aperol-Spritz-Werbung gleich. Zwei smarte Jungs, die Jack Kerouac und Neal Cassidy darstellen sollen, mit Seesäcken und Karohemden an romantischen Güterbahnhöfen und morgendlichen, regenglänzenden Straßenschluchten fotografiert, haben Eltern- und Frauenprobleme. Man raucht bisweilen sogar authentisch-fiebrig-exzessiv an der Schreibmaschine, aber gelbe Finger wird man da anno 2012 natürlich keine zu sehen kriegen. Der Film hat ungefähr so viel mit dem Buch und der darin beschriebenen Beat-Generation zu tun, wie die albernen deutschen Titel „Gammler, Zen und hohe Berge“, „Engel, Kiff und neue Länder“ oder „Bebop, Bars und weißes Pulver“ mit den Originaltiteln der Kerouac-Romane. Warten wir also, was Verfilmungen betrifft, auf 2022, was es da zum Hundertsten von Kerouac so alles gibt. Dabei bleibt fraglich, ob es nicht sowieso ein Irrtum ist, eine Dichtung wie „On the Road“, die vielleicht wie keine andere darauf konzipiert ist, Kopfkino und Musikalität entstehen zu lassen, verfilmen zu wollen. Kerouac selbst prägte für seine visualisierende, musikalische Prosa den Begriff „Filmroman“. Nichtsdestotrotz kokettierte er selbst – dies durchzieht übrigens die ganze zweite Hälfte seiner Korrespondenz mit Ginsberg – mit einer Verfilmung des Romans, mit ihm selbst und Marlon Brando in der Hauptrolle. Die Motive dafür schienen aber eher pekuniärer denn künstlerischer Natur gewesen zu sein.

Bill Morgan, einer der zwei Herausgeber von „Ruhm tötet alles“ (der andere ist David Stanford) – das Cover des Buches zeigt ein Foto von Kerouac und dem vier Jahre jüngeren Ginsberg, in eine Lektüre vertieft -  äußerte sinngemäß neulich im TV-Sender „arte“, daß Kerouac ein eher konservativer Zeitgenosse war, nicht Auto fahren konnte, nicht einmal einen Führerschein besaß, sich deshalb immer auf der Suche nach Mitfahrgelegenheiten befand, daß er seiner Mutter zum Gefallen ein großer, ernsthafter Schriftsteller werden wollte, weswegen er es in der Folge nicht ertrug – nach dem großen Erfolg seines Romans „On the Road“ - als führender Kopf einer „Horde von Taugenichtsen“ zu gelten. Aus dieser Sorge erklärt sich auch der Titel des Buches, der Ausruf Kerouacs „Ruhm tötet alles“. Als sich Allen Ginsberg und Jack Kerouac Ende der 40er Jahre kennenlernten, begegneten sich zwei idealistische Außenseiter mit einer romantischen Vorstellung von künstlerischer Lebensführung, die sich durch die Briefe zieht bis zu Kerouacs Tod 1969. Kerouac debütierte gerade mit dem fast epigonal von Thomas Wolfe („Schau heimwärts, Engel“) inspirierten Roman  „The Town and the City“, Ginsberg hatte Visionen von William Blake, die ihm seelisch zusetzten. Und man merkt ihrer Korrespondenz von Beginn an, wie sie ihren Wirkungswillen für die Nachwelt diszipliniert im Hinterkopf behielten: sie verklärten sich in debattierfreudigen Briefen ins Verlaine/Rimbaud- oder Van Gogh/Gauguinhafte, intensive und exzessive Künstlernaturen wollten sie sein, und entwickelten dabei einen manischen Drang, den Mief und die Banalität der amerikanischen 40er, 50er und 60er Jahre mit wuchtiger Kreativität, multipler Religiosität und auch nicht wenig Kriminalität aufzuladen. Ginsberg und Kerouac bildeten – zusammen mit William S. Burroughs und Neal Cassidy, die folgerichtig im Namensregister  des 501-seitigen Buches auch die meistgenannten sind – eine spirituelle Leistungsgesellschaft, die in der Folge für die westliche Welt kulturprägend werden sollte.

Der vorliegende Briefwechsel räumt indes mit vielen Legenden und Illusionen auf, beispielsweise erfährt man von der jahrelangen Beschäftigung Kerouacs mit variierenden Manuskripten von „On the Road“, das mitnichten 1951 innerhalb von drei Wochen im Benzedrinrausch auf einer Papierrolle entstand, möglicherweise galt dies nur für die finale Fassung, Kerouac schreibt bereits 1949 an Ginsberg: „(…) Das Opus heißt On the Road; ich will über diese verrückte Generation schreiben und sie bekannt machen, damit sie Bedeutung bekommt und mal wieder alles ändert, so wie das alle zwanzig Jahre geschieht (…)“ (Kerouac an Ginsberg, 5. Juli 1949) und später stellt er klar: „(…) Deine Rezension in der Village Voiceist die beste die ich je hatte, aber Roadist nicht auf Benny (Benzedrin, Anm. des Rezensenten)geschrieben, auf Kaffee, und (…) es war auch keine Fernschreiber-Florpostrolle, sondern Bill Cannastras Zeichenpapier (…)“ (Kerouac an Ginsberg, 19. November 1958). Man erfährt, wie Ginsberg in der Nervenheilanstalt einen gewissen Carl Solomon kennenlernte, dem er später sein berühmtes Langgedicht „Howl“ widmete, welches Ginsberg ursprünglich „Strophes“ hatte nennen wollen, der Titel „Howl“, der sich dann durchsetzte, war dann ein Vorschlag Kerouacs gewesen: „(…) Es gibt hier einen Knaben namens Carl Solomon, der ist der intelligenteste von allen. Ich habe mich schon viele Stunden mit ihm unterhalten. Am ersten Tag (auf den Stühlen) gab ich der Versuchung nach, ihm von meinen mystischen Erlebnissen zu berichten. In einem Irrenhaus ist so was ziemlich peinlich. Er akzeptierte mich wie einen weiteren hirnrissigen Ignu (…)“ (Ginsberg an Kerouac, 14. Juli 1949). Man erfährt, wie Allen Ginsberg und Neal Cassady einem Goethe-Vortrag des Exilanten Thomas Mann lauschen: „(…) Ich habe Thomas Manns Vortrag ‚Goethe und die Demokratie‘ gehört (…) Mann ist drahtig und energisch und ziemlich jung; seine Gedanken wirken auf seine Umgebung wie Stromstöße, aber die wenigsten merken das und er ist der Leute überdrüssig; feiert aber das Leben (…)“(Ginsberg an Kerouac, 23. Mai 1949). Es gibt tragikomische Passagen, wie beispielsweise Allen Ginsberg versucht, nach seinem Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik, sich durch Verlieben in ein Mädchen von seiner Homosexualität zu „heilen“: „(…) Der erste Tag nach dem Verlust meiner Jungfräulichkeit – fühlt sich das bei jedem so an? Ich lief herum, die Liebenswürdigkeit selbst, milde benommen vor Entzücken ob der Vollkommenheit der Natur; ich spürte die Leichtigkeit und die Befreiung durch die Erkenntnis, dass all die unerträglichen Mauern des Himmels endlich gefallen waren, dass all meine schmerzhaften alten Pfade ausgetreten, dass meine ganze Schwulheit affektiert war, überflüssig, morbid, so gar nichts mit gegenseitiger Liebe zu tun hatte ja ebenso schlimm war wie Impotenz oder Zölibat, worauf es ja praktisch hinauslief. Und die Fantasien, die ich inzwischen über alle möglichen Mädchen habe, zum ersten Mal ungebremst und in dem Wissen, dass sie erfüllbar sind (…)“ (Ginsberg an Kerouac, 8. Juli 1950). Das klingt nach Hirnwäsche à la A Clockwork Orange, skizziert aber paradigmatisch das puritanistische Amerika und verdeutlicht, welche mächtigen Umwälzungen die sogenannte Beat-Generation in Gang setzte. In dem über fünfundzwanzig Jahre währenden Briefwechsel zwischen Kerouac und Ginsberg wird man Zeuge heftiger literarischer Dispute, von pathetischen Beleidigungen und übertriebenen Liebesbekundungen, einem ungeheuren Bildungshunger und ständigen Geldnöten, einer gegenseitigen Inspiration jenseits von literarisch-institutionellem Seminarismus und Rentenvorsorge: „(…) Ich besauf mich zu sehr. Ich bin sogar bei der New School reingeschneit, auf Wunsch, eine Lesung vor einem Haufen Seminarspießer (…). Ich trug Kruzifix um Hals, ins Hemd gesteckt. (…) Hüte dich vor Ruhm, Gedichte werden zum Trugschluss. Ich mache mir jetzt Sorgen um mich selbst, ich habe das Gefühl, dass Gedichte weniger wichtig sind als ein Brief an meine Verleger, das ist schlimm (…)“ (Kerouac an Ginsberg, 8. Januar 1958)

Dank der akribischen Recherche und der profunden Kenntnisse der beiden Herausgeber Bill Morgan und David Stanford, deren Fußnoten und begleitende Anmerkungen den Briefwechsel in einer Weise durchziehen, dass uns nicht nur ein tiefgründiges wie authentisches Porträt dieser literarischen Ausnahmeära serviert wird, nein, sie schenken uns tatsächlich nicht weniger als einen kapitalen neuen Roman, einen Brief-Roman über die Beat-Generation, bei der es sich, wie es Kerouac in einem Brief an Ginsberg vom 24. März 1959 definiert, um „Angehörige der nach dem Zweiten Weltkrieg-Koreakrieg volljährig gewordenen Generation (handelt), die sich in Lockerung gesellschaftlicher und sexueller Spannungen zusammenfinden und für antireglementarische Werte mystische Loslösung und materielle Einfachheit eintreten, angeblich infolge einer Desillusionierung durch den Kalten Krieg. Geprägt von JK.“ Esist spannend und interessant, mitzuverfolgen, wie sich im Laufe der Korrespondenz die Temperamente Kerouacs und Ginsbergs allmählich vertauschen. Während Kerouac vom bodenständigen, weltverliebten, konzentrierten Schriftsteller langsam zum katholizistisch-depressiven, mit seinem Alkoholismus kämpfenden Nervenbündel abgleitet, sich immer weniger traut, das Haus, in dem er mit seiner Mutter wohnt, zu verlassen und seine Tage damit zubringt, sich zu verleugnen, Jazzmusik aus dem Radio aufzunehmen und Ginsberg am Telefon zu beschimpfen, entwickelt sich der labile, anfangs mit seiner sexuellen Ausrichtung hadernde, von Visionen geplagte und in Nervenkliniken einsitzende Allen Ginsberg zu einem gelassenen und bedachten, reisefreudigen Experimentallyriker. Einen derart literarisch hochwertigen wie auch entmystifizierenden Zugang zu den Beatniks, wie ihn der Verlag Rogner & Bernhard hier vorlegt, auch dank der einfühlsamen, exzellenten Übersetzung von Michael Kellner, findet man, mit Ausnahme vielleicht der Publikationen in der Berliner „Stadtlichter Presse“, im deutschsprachigen Raum bisher noch immer eher selten.

Jack Kerouac · Allen Ginsberg · Bill Morgan (Hg.) · David Stanford (Hg.)
Ruhm tötet alles
Die Briefe
Übersetzung:
Michael Kellner
Rogner & Bernhard
2012 · 500 Seiten · 22,95 Euro
ISBN:
978-3-954030019

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