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Kritik

KRIEG

Akzente 2 | 2015
Hamburg

Von der Durchlässigkeit der Grenze zwischen Krieg und Frieden

Wie hört es sich an, wenn Schriftsteller aus verschiedenen Ländern, aus Ländern, in denen Krieg herrscht und anderen, in denen Krieg schon seit langer Zeit nur Teil der Vergangenheit ist, über den Krieg schreiben? Was macht das für einen Unterschied? Wie schlagen sich die Erfahrung von Krieg, und die scheinbar weit entfernte Bedrohung auf das Schreiben nieder?

Das sind die Fragen, die mir spontan in den Kopf kommen, nachdem ich das neue Heft der Akzente, diesmal unter der Mitherausgabe von Jan Brandt, aufblättere.

Nino Haratischwilis Text macht den Auftakt. Sie schildert, von einem gemeinsamen Kinoabend ausgehend, die Unmöglichkeit, über den Krieg zu sprechen. Für Außenstehende sind die Erzählungen und Erinnerungen der vom Krieg Betroffenen ohnehin „kaum fassbar“, aber auch für die Betroffenen selbst bleibt der allgemein gültige Begriff „Krieg“ abstrakt. Wo verläuft die Grenze, die einen abstrakten, fremden Krieg zum eigenen Krieg macht?

Haratischwili kommt zu dem Schluss, dass es möglich ist, „diese Grenze zu passieren, sie zu zerstören, [...] wenn man sie persönlich nimmt, wenn man sie an sich ranlässt.“

Es folgen Gedichte von Jan Wagner, die voller Fragen an mythische Gestalten sind.

Furor und Pathos findet man in dem Text von Aboud Saeed. Poesie und Zartheit in den drei Gedichten von Mirko Bonné.

Lukas Bärfuss erzählt eindringlich vom „Verschmelzungsfuror“, der die Kämpfenden während des Krieges ergreifen kann. So dass konsequenterweise am Ende seines Essays die Frage steht: „[...] ob der Mensch, falls er eines Tages den Krieg überwinden will, nicht auch von dieser Liebe lassen müsste, von seiner Sehnsucht nach Verschmelzung.“

Auch bei Nino Haratischwili ging es um diese Verbindung, nur dass sie bei ihr die Möglichkeit darstellte, die Grenze zu durchbrechen, den fremden Krieg und das Leid der anderen zur eigenen Sache zu machen, emphatisch statt rasend.

Clemens J. Setz berichtet von drei bislang vermutlich eher weniger bekannten Versuchen, den Krieg zu verhindern. James Thomas Mangan, der Gründer von Celestia, einem Gebiet, das aus dem gesamten Universum, abzüglich der Erde bestand, äußerte in einem Interview mit der Zeitschrift „Science Illustrated“: „Wenn man etwas, das einen Durchmesser von achttausend und einen Umfang von fünfundzwanzigtausend Meilen hat, sein Eigen nennt, könnte man auf den Gedanken kommen, dass Krieg eine zutiefst lächerliche Sache ist.“

Oder Arthur Paul Pedrik, der doppelt kriegsgeschädigte Erfinder, der „die drei gerechten Satelliten“ erfand. UN-Satelliten, die beobachten, was auf der Erde geschieht, und, sobald eine der Hauptstädte der Supermächte (Moskau, Washington, Peking) atomar zerstört ist, automatisch die zwei anderen auslöschen. Die perfekte Abschreckung als perfekten Schutz vor einem Krieg.

Der dritte ist Roger Fisher, langjähriger Berater des Pentagon, der sich eine schwer zu überwindende Hürde ausdachte, die der Präsident selbst zu nehmen hätte. Bevor er einen atomaren Angriff auslösen könnte, müsste er selbst einen Menschen töten.

Marjana Savka schreibt ein Gedicht zum 19. Februar 2014, als ein Großeinsatz der Polizei auf dem Maidan kriegsähnliche Zustände verursachte. In ihrem Gedicht holt sie Gott in das Kriegsgeschehen und stellt ihn hinter seine Söhne.

Maren Kames malt Kriegsbilder unter Verwendung von Anleihen und Zitaten von Schiller, Susan Sontag, Kurt Vonnegut, Tom Waits und Tori Amos, sowie Wikipedia. Zu einer einem Chor zugewiesenen Passage aus Freude schöner Götterfunken „brüder unterm sternenzelt/ muß ein lieber vater wohnen“, stellt sie den Kommentar: „sind das prognosen oder gebete.“ Kames poetische Bilder vermitteln dem Leser ein Gefühl für den Krieg als abstraktes Ding, das die Grenzen zum Einzelnen sprengt.

Einzelne militärische Begriffe werden angefüllt mit poetischer Sinnlichkeit, auch das ist eine Möglichkeit die Grenze zum Abstrakten zu durchbrechen, zu berühren, sich zu stationieren, irgendwo im weiten Feld zwischen den Kriegen und dem Unvermögen, sie zu begreifen.

Lucy Fricke berichtet über die Zustände in Khartum, der Hauptstadt des Sudan, wo „über 2.000 Oppositionelle im Gefängnis“ sitzen. Während ausländischen Journalisten die Einreise längst untersagt wird, reist Lucy Fricke zu den deutsch – sudanesischen Autorentagen. Und im letzten Absatz ihres Berichtes, bündelt sie unsere Ignoranz: „Über Istanbul zurück nach Berlin. Im Taxi läuft ein Lokalsender mit der Topmeldung, dass der Dauerregen der Ernte zugesetzt hat. Es sei zu erwarten, dass es in diesem Jahr weniger Spreewaldgurken gibt.

Drei Wochen später brennt in Khartum die Deutsche Botschaft.“

Marjana Gaponenkos Geschichte erzählt von der Verunsicherung, von den Lügen bei der Aufbereitung eines Krieges, die unversehens in einen neuen Krieg münden können.

Serhij Zhadans Gedicht über den Krieg trifft mit seinem lapidaren Ton, mit den Andeutungen und Tatsachen. Das worum es geht, steht konsequent zwischen den Zeilen.

Samar Jazbek führt ihre Beobachtungen, wie sich die syrische Revolution ändert fort, weiterhin legt sie dabei den Fokus auf Einzelschicksale. Es sind Geschichten von Hass, gefangen in einer Spirale aus Gewalt.

Rainer Merkel erzählt von den „Vorbereitungen für einen Kampf, der für M. zum Alltag ihrer achtjährigen israelitischen Existenz gehört...“ Auch hier mischt sich der gegenwärtige Krieg mit einem vergangenen Krieg.

Sichtbar gemacht werden in den Beiträgen nicht zuletzt die Verflechtungen der Kriege, wie die Kriege Menschen generationenübergreifend verbinden und trennen, wie die Kriege, die vergangenen und die gegenwärtigen einander überlagern.

Kathrin Bach, verdichtet eben jene lebensgeschichtlichen, familiengeschichtlichen Verstrickungen.

Olga Grjasnowa erzählt „aus sicherer Entfernung“ von der „medientheoretischen Frage“, der schon Susan Sontag in ihrem Essay „Das Leiden anderer betrachten“ nachgegangen ist, und die in jüngster Zeit Christoph Bangert mit seinem 2014 erschienenen Buch „War Porn“ aufgenommen hat.

Warum helfen wir nicht? Warum scheint sich Geschichte immerfort zu wiederholen? Fragen, die man nur aus sicherer Entfernung heraus stellen kann. Aus einer Entfernung, die dazu führt, dass Menschen, die mit Tod und Verfolgung bedroht sind, „als eine Bedrohung und Belastung für unsere Sozialsysteme“ wahrgenommen werden.

Grjasnowa übt Kritik an der deutschen Flüchtlingspolitik, und stellt am Schluss ihres Berichtes die Frage, was die heutigen Flüchtlinge von denen unterscheidet, derer wir gedenken. Damit nimmt sie den Faden aus der subtilen Textur der Verflechtungen von vergangenen und gegenwärtigen Kriegen erneut auf.

Khalid Ahmad Atif beschreibt die traumatische und traumatisierende Szene des Überfalls von Aufständischen auf den Bus einer Hochzeitsgesellschaft, dessen einziger Überlebender schließlich von einem Trupp amerikanischer Soldaten, dem der Erzähler als Übersetzer angehört, gefunden und gerettet wird. Eindeutig die unerträglichste Geschichte in diesem Heft.

Raphael Urweider hat zehn Liebeslieder mit Krieg beigesteuert.

Stefan Weidner schreibt über die Aufhebung der Distanz zwischen Krieg und „seiner künstlerischen Darstellung“. Als Beispiele führt er Schostakowitsch Symphonie Nr. 7 an und Picassos Guernica.

„Gefragt ist beim Zuhörer oder Betrachter solcher Kunst daher die Erkenntnis, dass die ästhetisch vermittelte Distanz zu Krieg und Gewalt nur eine Illusion ist, etwas Vorgeschütztes.“

Mit diesem Satz schließt Urweider den Bogen zu den Grenzen, die wir vor fremden Kriegen ziehen und den Möglichkeiten, sie aufzuheben.

Meine eingangs aufgeworfene Frage, erscheint mir nach der Lektüre seltsam abstrakt und eher zynisch als naiv. Ein wenig schäme ich mich dafür, aber mehr noch bin ich dankbar, durch die versammelten Texte etwas gelernt zu haben, was meine Wahrnehmung verändert hat.

Jan Brandt (Hg.) · Jo Lendle (Hg.)
KRIEG
Akzente 2 | 2015
Hanser
2015 · 96 Seiten · 9,60 Euro
ISBN:
978-3-446-24891-5

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