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Kritik

Brennende Flagshops und umhäkelte Laternen

Die Beatpoeten kommen auf den Punkt!
Hamburg

Die Erziehung meiner Eltern gebietet es mir, Arbeiten im Haushalt zu übernehmen. (Puh, das ist schon mal raus!) Ich decke den Tisch, kaufe mit ein, mache sauber, das volle Programm. Wobei ich mich neulich während der Lektüre einer Frauenzeitschrift schon gefragt habe, ob das so klug bzw. noch zeitgemäß ist, denn neben Horoskop und neuesten Frisuren fand sich ein wissenschaftlich fundierter Artikel über die fälschliche Annahme, dass im Haushalt helfende Männer mehr und besseren Sex hätten als die Spül- und Staubsaug-Verweigerer. Während dies in den 1990ern noch behauptet wurde, seien die Forscher inzwischen sicher, dass ein von Herzen kommendes Halts Maul und gib mir ein Bier den größeren Bettgenuss verspreche.

Hmm, denke ich, komme auch ich nun etwa in die Phase, die mich bei der Generation meines Opas immer verblüfft hat? Dieses trotzige Früher war nicht alles schlecht!, mit dem mein Opa versuchte, Hunger und Gefangenschaft wenigstens im Nachhinein zu besiegen? Werde auch ich bald behaupten, früher sei alles besser gewesen? Nein, das wohl nicht, aber ab und zu darf man sich auch in meinem Alter daran erinnern, dass zumindest nicht alles schlechter war als heute. Ich konnte fressen, was ich wollte, ich nahm einfach nicht zu. Mein Haupthaar befand sich noch an seiner ursprünglichen Stelle und war noch nicht auf den Rücken gewandert, und wer an einem Sonntag bei einer Seniorin klingelte, der erwischte sie nicht in Multifunktionskleidung, sondern mit großer Wahrscheinlichkeit dabei, frischen Schokopudding für die Enkelkinder zu kochen. Und auch der Umstand, dass ich (Achtung, Überleitung!) vor kurzem eine sagenhafte Langspielplatte als Vinyl in die Hände bekommen habe, unterstützt die positiven Erinnerungen an früher nur zu gerne – "#Geheul" heißt sie und ist von den Beatpoeten, einer aus Hannover stammenden Band, die aus Sänger und Texter Jan Egge Sedelies und Soundtüftler Costa Carlos Alexander besteht.

Elektropunk, Technolyrik, Hölderlin-Rave, Elektrokabarett etc. – es ist mir relativ egal, als was andere die Musik der Beatpoeten bezeichnen, welche Begriffe da gefunden und welche Schubladen da aufgemacht werden. Am Ende des Tages ist es extrem gut produzierte Elektromusik mit deutschen, teils lustigen, teils politisch motivierten Texten, die in den Kopf gehen und dort bleiben.

"#Geheul" spendiert 12 Songs, gleichmäßig auf die Seiten verteilt. Zumeist sind es recht textlastige Songs, die an Iggy Pop erinnern, der ganze Tage damit verbracht haben soll, in der Hauptstraße 155 in der Fensterbank zu sitzen und seine Songtexte auf Endlospapier zu schreiben. Jan Egge Sedelies geht von Anfang an in die Vollen. Die Platte eröffnet mit dem großartigen "#Schlägerei", einer mehr oder weniger kritischen, nun ja, eher boshaften Aufzählung deutscher Namen, die mit Reimen wie Jimi Blue/NSU oder Heckler&Koch/Celler Loch aufwartet und nur mit Mühe die Liebe zum Heimatland erkennen lässt. Das zweite Lied, "19", ist eine Reminiszenz an Paul Hardcastles gleichnamigen Single-Hit aus dem Jahre 1985. Lyrische Passagen kollidieren mit linkem Duktus, es geht um Betroffenheitslyriker, um Saufgelage in Camouflage-Hosen, Laternenumhäkeler, Konsumverweigerung und Globalisierung, um Fremdenfeindlichkeit und verflossene Liebe, und auch die lethargischen Weltverbesserer, die mit dem Mund alles können und in der Realität so gar nix hinbekommen, finden ihren Platz:

katja hat beschlossen, sich aktiv zu engagieren / sie schreibt über gewalt / sie hat nichts mehr zu verlieren / menschen auf der straße / kriegen auf den laptops / brennende herzen, brennende flagshops / katja würd jetzt gern zum aufstand aufbrechen / doch der cursor am rechner / scheint sie zu schwächen / sie atmet ein, sie atmet aus / kein reim auf revolte, sie bliebt zu haus.

Und schon sind 20 Minuten um und man darf die Platte umdrehen und sich, wenn die Nadel in der Ablaufrille der B-Seite zum Stehen kommt, darüber freuen, 40 Minuten bester Unterhaltung bekommen zu haben – ohne das heutzutage auf so vielen CDs mit knapp doppelter Laufzeit hinzugepanschte Füllmaterial.

Bei vielen Bands, bei denen die Texte derart prominent in der ersten Reihe stehen, droht die Musik zum reinen Begleitgeräusch zu verkommen. Bei den Beatpoeten ist dies glücklicherweise nicht der Fall, und es wäre auch schade, zeigen doch gerade die instrumentalen Passagen und Intros eindrucksvoll, dass mit Costa ein Könner am Werk ist. Intelligenter Elektro, weit entfernt von seelen- und herzlosem Gebolze. Das erinnert an die Menschmaschine, an die nonchalanten Parolen von DAF, erinnert phasenweise an Alien Sex Fiend und Deichkind, vor allem aber an alte Zillo-Sampler. Costas Beat geht hart nach vorne, scheut aber auch vor Scooter, There’s-No-Limit-Anleihen und Tocotronic-Zitaten nicht zurück.

Mit "#Geheul" präsentieren die Beatpoeten ihren bereits dritten Longplayer (nach "Unterwegs" von 2008 und "Man müsste Klavier spielen können" von 2012). Hat mir ihr Debüt damals bereits sehr gefallen, haben sie es tatsächlich geschafft, noch tighter zu werden, in Musik und Text noch besser auf den Punkt zu kommen:

die definitionsmacht lacht / dem versierten szeneleser / lieber ein hipster im freundeskreis / als den letzten skapunkbläser / euch stören tiefe ausschnitte / rasierte brust riecht nach kommerz? / doch wer seine brüste zeigt / zeigt auch irgendwie herz.

Intelligente elektronische Musik für Kopf und Beine. Kurz gesagt: Die Beatpoeten klingen genau so, wie die Band klingen sollte, die ich gerne hören würde!

Die Beatpoeten sind phasenweise auch live zu erleben, Termine finden sich auf der bandeigenen Homepage und bei facebook. Hingehen!

Jan Egge Sedelies · Costa Carlos Alexander
Beatpoeten #Geheul
Twisted Chords
2016 · Vinyl LP / 12 · 10,00 Euro

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