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Kritik

Liedhafte Verbesserung der Welt

Der Kaiser ist menschlich und hebt an zu singen
Hamburg

Woran denken Sie, wenn Sie das Wort „Album“ lesen? Als man mir dieses Buch zur Rezension anbot, hatte ich beim Titel Kaiseralbum sogleich ein Fotoalbum vor Augen, eines zum Stecken oder Kleben zwecks Übersicht und Ordnung, fein säuberlich beschriftet alles, jaja. Statt Fotos eben Gedichte, nun gut, warum nicht? Kaiseralbum, Reisealbum, noch dazu eines, das „anarchisch“ sei, wie ich der Buchrückseite entnehme – Papier, in diesem Fall eben Karton, ist geduldig – deshalb (irgend so etwas wie) anarchisch, weil es den Reisen Friedrichs II. folgt, der in Ermangelung einer fixen Bleibe mit einem Hofstaat an Tieren (nicht mit Hofstaat UND Tieren, sondern mit tierischem Hofstaat also) durch die Lande zog. Ich stelle mir vor, wie ihm ein Affe das Essen kocht, ein Elefant bei der Körperpflege hilft, ist schließlich ein Kaiser, dieser Fritz, der das Waschen nicht allein tun kann oder darf, ein Pferd oder eine Ziege beim Ankleiden. Vergiss einfach den Klappentext, rief ich mich schließlich zur Ordnung, Klappentexte sind zum Vergessen da.

Schon nach der ersten Lektüre war ich nachhaltig irritiert. Wohl gibt es Gedichte, die nach meinem Verständnis einem Fotoalbum entsprachen, der Großteil jedoch passte nicht hiezu. Erst beim dritten Lesen begriff ich plötzlich, es handelt sich mitnichten um eine Art Foto- oder Reisealbum, sondern um ein Album ähnlich einer LP oder CD, Musik also mit literarischen Mitteln. So heißt denn auch der Untertitel des Kaiseralbums, der nicht auf dem Einband, sondern erst auf der fünften Seite zu lesen ist: Choräle und Kantaten.

Einschub: Das lateinische Wort „cantare“ wird meist mit „singen“, kann auch mit vortragen und dichten übersetzt werden. Die Kantate ist eine meist mehrsätzige Komposition für Gesangsstimme/Chor und Instrumente. Zusammensetzung und Gewichtung von Instrument und Stimme können variieren, Rezitative und Arien genauso Teil einer Kantate sein wie Choräle (ursprünglich einstimmig - Gregorianischer Choral) und Chorsätze, und mit instrumentalen Zwischenspielen unterschiedlicher Längen abwechseln. Choräle und Kantaten gibt es sowohl in der kirchlichen wie auch weltlichen Musik usw. usf.

10 Kapitel hat dieses Buch, eigentlich müsste ich sie Tracks oder Songs nennen, denn es sind Musikstücke, deren Noten Buchstaben sind. Der Komponist ist Jan Kuhlbrodt. InterpretInnen sind alle, die diese Musik wie Gedichte lesen und umgekehrt. Zumindest sechs Kapitel dieses Werks könnten Kantaten sein, nein, sie sind es. Die lyrische Stimme oder Vokalstimme dieser Kaiserkantaten ist das Gedicht. Chor und/oder Instrumentalbegleitung sind die zahlreichen Fußnoten, die bis zur Hälfte jeder Buchseite einnehmen. Sie „umspielen“, tragen, erläutern, ergänzen und erweitern das Gedicht mit philosophischen Einschüben, Meinungen, autobiographischen Betrachtungen ... und so eine Fußnote kann ja auch so eine Art intellektueller Tagebucheintrag sein, schreibt Kuhlbrodt. Plattes wechselt mit intellektuell Anregendem, oft blitzt Humor auf als Ergebnis „aufmüpfiger Stimmungen“, z.B. Betrachtungen über die Hinfälligkeit von Straßenbelag oder den Zusammenhang von Schokolade und Repräsentanz. Auch der Fliege wird Ehre zuteil:

Ein Tier natürlich fehlt, obwohl es die Szene bestimmt: die Fliege. ... Die Fliege regelt auch den Verfall, indem sie das Leben verlängert, die Kadaver als Brutstätte nutzt, in die Nahrungskette zurückführt. Warum wurde die Fliege nie zum Symbol des ewigen Lebens? Auch die Geier nicht. Wir begegnen ihnen mit Abscheu! Aasfresser! Als hätte einer von uns je in eine lebende Ziege gebissen.

Worum geht es in den Gedichten? Im ersten Kapitel reisen wir mit dem letzten Stauferkaiser Friedrich II., seinem Hofstaat und seinen vielen Tieren durch Teile Europas. Als lyrische Form wählt Kuhlbrodt einen freien/befreiten Sonettenkranz, dessen einzelne Teile von 1-15 nummeriert sind, ergänzt durch ein „Zero“- und ein Nachgedicht „außer der Zahl“. Der Titel des ersten Zyklus: Stupor mundi/Staunen der Welt. So wurde Friedrich II. von seinen Anhängern genannt. Er hatte zahlreiche Kinder, davon mehrere uneheliche. Doch mit der Nachfolgerschaft klappte es nicht wie erhofft. Nicht nur deshalb gibt es richtige Kaiser heute eigentlich gar nicht mehr und was oder wer ihnen folgte bzw. voranging, erzählt Kuhlbrodt in den folgenden Kantaten. „Väterchen Stalin“ etwa war so ein Ersatzkaiser, Lenin, die Adoptivkaiser des römischen Reichs, aber auch Brecht usw.

... Und Friedrich legte auf Sizilien ein Ei Namens Manfred.

Dichtet Kuhlbrodt. Ein Weichei, kalauert er. Und dieser Manfred könnten wir heute alle sein, Frauen vielleicht eher eine Manfreda. Und könnten uns frei daher alle Kaiser oder Kaiserin sein. Denn:

Der Kaiser ist keine eigene Spezies.
Der Kaiser ist menschlich wie du und ich.

Ein utopischer Ansatz? Oder Realismus? Solch ein Kaiser kann auch Dichter sein und jeder Dichter ein Kaiser, wenn er will, was weniger eine Frage der Umstände – Hofstaat, Geld usw. – sondern eine der eigenen Zuschreibung und des Selbstverständnisses ist. Und so ist auch Jan Kuhlbrodt ein Kaiser, der umherstreift mit dem Wort und einem Lied auf den Lippen. Er reist nach Italien, kommt dichtend zwar nicht nach Sizilien wie Friedrich II., aber immerhin bis Rom. Verdichtet im 7. Kapitel plötzlich eine Änderung der Tonart, der Musik: Requiem in Rom, eine lyrische Erinnerung an Beatrix Haustein und Hans Werner Henze.

Die letzten Reisen dieses Buchs führen den Dichter durch seine Beziehungsstädte Chemnitz, Frankfurt und Leipzig. Ein immer wieder neu Erkunden, Erinnern, Abzirkeln in Prosagedichten. Musik auch hier, doch keine Kantaten oder Choräle mehr, sondern der Gesang einer Solostimme zumeist, die konkrete Erfahrungen vermittelt. „Dieser Stadt will ich singen / die jeder Zeit widersteht und jetzt wieder steht“, schreibt, vielmehr singt Kuhlbrodt über Chemnitz. Um im letzten Zyklus gemeinsam mit Stötzer, der uns aus dem Vorgängerband „Stötzers Lied“ bereits bekannt ist, durch das Ist und Was-wäre-wenn des sich verändernden Leipzig zu schweifen.

Apropos Fotoalbum: Jan Kuhlbrodts Kaiseralbum ist optisch stark gegliedert. Vier verschiedene Schrifttypen, zumindest zwei Schriftgrößen finden wir in diesem Buch. Dazu die subtilen Illustrationen der Künstlerin Alexandra Sternin – ein Werk zum so oder ganz anders Schauen, Denken und Schwelgen.

Jan Kuhlbrodt
Kaiseralbum
Illustrationen: Alexandra Sterninustrationen: Alexandra Sternin
Verlagshaus J. Frank
2015

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