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Gertrud Kolmar Preisverleihung
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Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

Hurenmörder, Kunsträuber.

Jan Seghers‘ neuester Fall, der angenehm zu lesen ist.

Wenn man sich einmal zu weit aus dem Fenster gelehnt hat, dann lässt das einen nicht mehr los: Matthias Altenburg alias Jan Seghers weiß davon zu sprechen. Anfang der neunziger Jahre war Altenburg einer der Streiter für eine realistische und lebensnahe Literatur, die dem allzu abstrakten und akademischen deutschen Roman aus der Erfolgslosigkeit helfen sollte. Heute ist Altenburg deutlich weniger präsent, aber dafür hat er sich zwischenzeitlich ein neues Genre zugelegt, den Krimi, und damit ein Pseudonym, Jan Seghers. Als Jan Seghers legt er nun schon den vierten Krimi vor – und der Erfolg, der ihm im ernsten Fach vielleicht verwehrt geblieben ist, den hat er hier.

Und das zu Recht. Denn auch wenn man Seghers Romane nicht zur Avantgarde der Krimi-Branche zählen darf, gediegen unterhaltsam sind seine Krimis allemal. Plot und Figurenführung sind plausibel (naja, manchmal schrammt Seghers ein bisschen die Sparte „arg gewollt“), Spannung gibt es auch, die Protagonisten – allen vornweg sein Ermittler Robert Marthaler und seine Lebensgefährtin Tereza – sind ihm offensichtlich ans Herz gewachsen, das mittlere Erzähltempo der Texte entspricht ihrer Anlage und der Neigung seiner Leser. Es gibt also nichts zu meckern, sondern viel zu loben.

In „Die Akte Rosenherz“ befasst sich Marthaler mit dem Mord an einer Prostituierten aus dem Jahr 1966 – der nie aufgeklärt wurde und der ihm nun zufällig wieder zufällt.

Hintergrund ist der Überfall auf einen Kunsttransport, bei dem Tereza, Marthalers schwangere Gefährtin, lebensgefährlich verletzt wird und schließlich ihr Kind verliert. Marthaler, der sich vorher schon auf die alten Fälle hat ansetzen lassen, weil er eine ruhigere und sicherere Kugel schieben will, wird von den Ermittlungen ausgeschlossen, was ihm – naheliegend – nicht passt.

Aber er muss sich fügen, und fügt sich, so scheinst. Bis ihn ein Reporter auf eine Fährte setzt, die den neuen mit dem alten Fall in Verbindung bringt. Die „Akte Rosenherz“ wird also wichtig.

Nur leider ist sie verschollen. Kein Archiv hat sie, niemand weiß, wo sie geblieben ist – nur eine junge Journalistin, die sich mit dem Fall beschäftigt hat, weiß wo sie ist: nämlich in ihrer Wohnung. Und so kommt auch sie in den Fall und in die Ermittlung.

Ein Sensationsreporter, eine Anfängerin und ein Ermittler, der nicht ermitteln darf. Ein Dreamteam für jeden Krimiautor. Und Seghers weiß damit einiges anzufangen.

Die Ermittlungen haben dabei aber immer Rücksicht darauf zu nehmen, dass man sich hier nicht in den einfachsten Verhältnissen bewegt.  Bereits im ersten Angang wurden die Ermittler angewiesen, besonders vorsichtig vorzugehen. Immerhin hatte das Opfer Kunden auch unter den sozial Bessergestellten. Und man weiß nicht, wie ein Mordverdacht sich hier auf die Karrieren der Ermittler auswirkt.

Auch hat der immer noch offene Fall Spuren unter den Ermittlern hinterlassen. Der ehrgeizige Staatsanwalt, der seinerzeit die Ermittlungen leitete, ist frustriert aus dem Dienst geschieden. Ein zweiter Anlauf ist ebenso im Sand verlaufen wie der erste. Der Fall war eine Niederlage und die wirkt nach bis in die Gegenwart.

Nun aber tun sich neue Möglichkeiten auf – allerdings nicht durch die vielbeschworene Kriminaltechnik, sondern durch einen neuen und anderen Blick aufs Ganze. Dabei hilft die junge Journalistin, und dabei hilft die Erfahrung des älteren Ermittlers.

Das Zusammenspiel der so verschiedenen Ermittler Marthaler und seiner jungen Kollegin macht denn nun auch den Hauptteil der Qualität des Krimis aus. Wo der eine zum Teamwork mahnt, prescht die andere voran und umgekehrt. Und so geschehen immer wieder ungewöhnliche Dinge, die die Ermittlung schließlich zum Erfolg vorantreiben.

Und so fallen am Ende Kunstraub und Hurenmord wieder zu einem Fall zusammen. Freilich bleibt am Ende doch ein Monitum: Es mag ein Resterbe der Ideologiekritik sein, dass die Reichen, vor allem die reichen Unternehmer immer auch Dreck am Stecken haben. In diesem Fall ist der Stecken das Unternehmensimperium und der Dreck ein Mord in Jugendtagen. Aber muss das sein? Seghers fügt hier wenigstens noch das Motiv des untalentierten Reichen ein, der seinen Erfolg dem ehrgeizigen und damit kriminellen ärmeren Freund verdankt.

Das bringt ein bisschen Bewegung ins Spiel, was dem Romanplot einigermaßen gut tut. Allerdings „suspense“ ist das Ganze keineswegs, sondern folgt einem einigermaßen vorsehbaren Ablauf. Aber es ist auch nicht die Lösung, die Seghers Qualität ausmacht, sondern seine Schulung als Autor, seine handwerkliche Qualität, die für den deutschen Unterhaltungsroman ansonsten immer noch selten ist.

Jan Seghers
Die Akte Rosenherz
Rowohlt
2010 · 480 Seiten · 19,95 Euro
ISBN:
978-3-805208482

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