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triedere ausgabe 18
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Kritik

Notizen aus dem Transitreich

Am Beginn von Jan Volker Röhnerts Bulgarischen Blättern steht der bemerkenswerte Satz: „Wer schreibt, stellt sich immer neu die Frage, welche Form er eigentlich dem Leben geben will, das ihm widerfährt.“ Die Schrift ist dabei nur Begleiterin dieses Lebens, Spur und Zeugnis der Anwesenheit und Gegenwart; das Gedicht konserviert einen Augenblick des Glücks, es bewahrt ihn vor einem Verrauschen, Verrauchen in der Zeit und der Bedeutungslosigkeit. Später in den Notizen heißt es einmal: „Die Sprache ist nur die Leinwand der Welt, die sich auf ihr niederschlägt“, oder anders formuliert: Nicht die Sprache konstruiert das Leben, sondern das schreibende Subjekt erfährt das Leben als etwas weitgehend Fremdbestimmtes, das sich ihm entzieht und das es nur mitstenographieren kann.

„Notes From Sofia“ ist ein Facettenbuch, das aus Reflexion, Beobachtung, Lektüre, Erzählung, lyrischer Annäherung ein Stadt-Puzzle erschafft. Die bulgarische Hauptstadt setzt sich für den Leser Stückchen für Stückchen zusammen, ohne daß sich am Ende ein vollständiges Ganzes ergäbe. In diesen Fragmenten spiegelt sich nicht nur die Stadt selbst, sondern auch die allmähliche Erkundung durch den Wahrnehmenden, der sich die Stadt mit der Haltung eines Handke’schen Flaneurs anzueignen versucht. „Notes From Sofia“ ist ein Buch aus der Fremde, das den Autor zugleich sich selbst entfremdet, so daß er von sich in der zweiten oder dritten Person singular sprechen muß, denn er sieht von sich ab und „beginnt sich umzusehen“.

All dies dient dazu, Klarheit zu erlangen, „eine Klarheit, die das Empfinden in den poetischen Zustand versetzt, der vor allen Gedichten steht — nämlich das Rühmen: der Mädchen, auf deren Kleidern sich der Glanz des Tages spiegelt; der seltenen Vögel, die in den Zweigen wundersekundenkurz sich zeigen, bevor sie wieder ins Dickicht tauchen; der Bäume und ihrer Rinden, der windgegerbten, kerbenreichen Kiefern-, Birken- und Lindenstämme, der Pappeln Kastanien Fichten Lärchen Weiden stellenweis im Park; des sonnigen Oktoberspätnachmittags, der für zwei schnelle Stunden, nicht länger, dem Entwurf eines Frühlingstags entgegenkeimt.“ Eine solche Haltung ist lange Zeit unmodisch gewesen, sie weist zurück auf Rilkes berühmtes „Rühmen, das ists!“ („Sonette an Orpheus“), und weiter noch in die Tradition, ein Rühmen trotz Fremdheit, Anonymität, Armut, Dreck: Hier erlangt es nun wieder ihr schönes Geburtsrecht.

Der Flaneur sieht jedoch nicht nur staunend auf die Stadt, seine Einsamkeit wird immer wieder von den kalten Schaufenstern zurückgeworfen, er kann seine Traurigkeit nicht ablegen und sehnt sich den „Mädchen“ hinterher (eine Wortwahl wiederum mit traditionellem Gestus, man denke, zum Beispiel, an Odysseas Elytis’ „Mädchen Moos der Utopien / Gefäße aller Mysterien / zu Rande gefüllt und unerschöpflich“, doch hier allemal mondäner und modebewußter). Dieser Aspekt von Röhnerts Aufzeichnungen ist vielleicht etwas zu persönlich, zu unreflektiert, und wirkt darum in seiner Penetranz leicht pubertär.

In einem Notat wird behauptet, die Identifikation mit den Gehsteigen und Plätzen wirke sich hemmend auf die lyrische Wahrnehmung aus, dergestalt nämlich, daß „die für die Verszeile nötige Komplexitätsreduktion“ nicht stattfinde und ein schweigendes, genießendes Staunen an ihre Stelle trete, trotz der sich auch weiterhin einstellenden „poetischen Momente“. Die vierzig Gedichte, mit denen die „Notes From Sofia“ schließen, widerlegen diese Beobachtung glücklicherweise. Sie zeigen, daß Röhnert unter „Komplexitätsreduktion“ nicht unbedingt die Reduktion der äußeren Komplexität versteht, sondern vielmehr eine Reduktion mittels Komplexität. Konzentriert bündeln sich die poetischen Momente im Brennspiegel der Wahrnehmung — scharfe Bilder werden aus der Wirklichkeit herausgebrannt, kurze Szenen, über die eine imaginäre Kamera gleitet. Diese Gedichte sind, obwohl sie sich thematisch nicht wesentlich von den Prosanotizen unterscheiden, zerfaserter an den Rändern, rauher, zuweilen von einer künstlichen Inszenierung, so daß man die Frage aufwerfen könnte, warum die Form des Gedichts einer Sperrigkeit bedarf, die die Prosa in solchem Maße nicht besitzt. Doch nehmen die Gedichte das Tempo der Metropolen an, sind in deren Lichtern und Schatten bunt, flirrend, verwirrend, widersprüchlich, großartig, messerscharf, abgehackt, mit einem Wort: wundersam wie die fremde Stadt selbst.

Jan Volker Röhnert
Notes from Sofia
Bulgarische Blätter
edition AZUR
2011 · 148 Seiten · 19,80 Euro
ISBN:
978-3-942375047

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