Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
triedere ausgabe 18
x
triedere ausgabe 18
Kritik

Mehr Licht

Jan Volker Röhnerts neuer Lyrikband "Wolkenformeln"
Hamburg

Jan Volker Röhnert ist als sehr belesener Lyriker und Baudelaire-Spezialist bekannt. Und wenn er seinen neuesten Lyrikband "Wolkenformeln" nennt, hat dies natürlich etwas zu bedeuten. Es ist ein Hinweis auf die Rolle, die Wolken in den Texten des französischen Dichters spielen. Und es scheint mir auch ein Versuch der Einordnung der eigenen Gedichte zu sein. Denn Jan Volker Röhnert weiß, dass Schreiben immer Fortschreiben bedeutet. Dies zeigt bereits "Landschaft", das erste Gedicht des Bands, eine Nachdichtung des Baudelaire-Gedichtes "Paysage", die auch die Richtung seines dichterischen Blickes andeutet. Da spricht einer auf Wolkenhöhe und dennoch vom sogenannten urbanen Raum, da hebt einer zur großen philosophischen Rede an und übersieht dennoch die kleinen Dinge nicht. So in "Zeltkino", diesem nostalgischen Bild einer Konfrontation von Traum und Wirklichkeit. Im Kleinen wie im Großen, im Persönlichen wie im Gesellschaftlichen.

Röhnert zeichnet meistens mit dem Wort: Er führt die Ebenen von Wissen und Wahrnehmung zusammen in schnelle, fließende Bilder. Er zeigt, wie ein gebildeter Mensch die Welt wahrnehmen kann. Mal mit dem prosaischen Atem langer Zeilen, mal abgehackt kurzzeilig, prononciert und konstatierend. Die bisweilen gedankenlos in die Postmoderne diffundierte Kleinschreibung hat hier keinen Platz, irgendwelchen Moden folgen die Gedichte keinesfalls.

Röhnert hat sich in diesem Band, entgegen Benns Postulat, ein Lyriker solle keine Farbattribute benutzen, das sei die Angelegenheit von Optikern und Augenärzten, die Beschreibung von Licht und Farben vorgenommen. Einer der besten Belege hierfür ist der Text "Aus der Naturgeschichte des Blicks". Weil darin vieles zu sehen ist, was der Autor kann: Frappierende Einstiege in einen Text gehören genauso dazu wie Konnotationen aus der Literaturgeschichte. Und der Gedanke des wahrnehmenden Ichs, auf den der Text oftmals zielt: "wiesengrün kieselgelb / lehmrot ahornbraun // die Farben der Dinge / und eine Sprache dafür / hast du im Auge, bevor es sie gibt." Oft spricht das wahrnehmende Ich in den Texten ein Du an, welches sowohl ein Gegenüber sein kann, als auch das lyrische Ich selbst.

Es sind immer die formulierten Gedanken, die für mich Röhnerts Texte so interessant machen. Der Blick auf die Dinge dieses durch die Welt reisenden Autors erinnert mich bisweilen eher an die Welt des F.A.Z.-Magazins. Viel Inventar der Texte könnte auch aus Illustrierten und Prospekten stammen. Da ist es, als reise Jan Volker Röhnert mit allen Sinnen durch Hochglanzpapier. Darum gehe ich in seinen Gedichten auf die Suche – zwischen Design und Silhouetten von Reihern im Dämmerlicht, zwischen barocken Tapeten und griechischen Tavernen unterm Sternenhimmel, zwischen schwarzen Stilettos, Minirock, Givenchy und der Romantik der Landungsbrücken. Und, um in den Bildern zu bleiben: Ich finde die Perlen eines klugen Denkers. Drei seien hier exemplarisch zitiert:

" ... / Uns trennen die Schatten / von dem was wir sein könnten und sind, / in einem Punkt führen sie uns zusammen, / der nirgendwo steht, in / einem späteren Leben erst / geht ihre Rolle uns auf, / ohne dass wir je wüssten / wie jetzt uns geschieht, / das Glück ist immer eine Idee / weiter als jeder Gedanke daran."

Aus dem Gedicht, das dem Band den Titel gab, "Wolkenformeln", ist das folgende Zitat:

... / Im Gefieder der Schwäne und Reiher / setzen sich die Wolken fort. / Du kommst ihnen am nächsten, wenn du staunend / vom Fenster des Sees ins Leere blickst.

"... / Nicht einmal während wir lesen, erst / im Schlaf kehren uns die Bücher ihr Innerstes zu, // als hätt' sie ein Ghostwriter diktiert. / Die Dichter liehen ihnen ihre Namen, // wir ihnen unsre Zeit und Augen, / die in der Schrift zu Bildern sich vergaßen; // jeder mit sich allein. …"

Was den Texten besonders gelingt, ist eine realistische Einordnung des schauenden Ichs in eine große alte Welt, die es auf das zurückwirft, was es ist: ein Punkt im All. Dafür liebe ich sie. Aber sie thematisieren auch eindringlich eine Kindheit in der DDR und den Wechsel der Systeme. Zum Beispiel im Gedicht "Erinnerung, unscharfes Sommerbild":

"… / mein Großvater hatte nichts gefunden / oder nichts in die Hände gekriegt / im Kellerarchiv – keine Akten // zur Reformation in unserem Dorf: / umsonst gekommen nach Greiz, es / muss der letzte Sommer gewesen sein."

Bisweilen gibt Röhnert den eleganten Sprachfluss auf und wagt sich an überraschend archaisch anmutende Texte wie "Grobkörnig", in dem ein ungeschminktes lyrisches Ich spricht. Zum Abschluss sei er zitiert:

"Sommer 84', 85' oder 86' – / ich acht oder zehn / wie jeden Sommer am Meer / (Greifswalder Bodden), war diesmal / der Himmel bewölkt, die Strände / versperrt, dass wir den Dom, sein / Backsteinrot suchten: // Drin Fotos von Nagasaki, Hiroshima / grobkörnig, Abzüge schwarzweiß, Glieder / verrenkt verstümmelt monströs – ich / wendete mich ab, / keine Erklärung half, keine Schrift / unter dem Bild, draußen / auf dem Pflaster, am Markt // schien wohl wieder Sonne, / es gab Eis oder Kuchen / mit Sahne, was immer / es gab: das Grauen / klebte an jedem Ding."

Und natürlich schreibt Jan Völker Röhnert auch über das Licht, wie schon die Inflation dieses Wortes im Band zeigt. Dies ist kein leichtes Unternehmen in unserer Zeit, in der man meinen könnte, über ein solches Thema sei schon alles geschrieben. Doch Röhnert hat das Zeug dazu.

Jan Volker Röhnert
Wolkenformeln
editionfaust
2014 · 160 Seiten · 19,00 Euro
ISBN:
978-3-945400-02-9

Fixpoetry 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge