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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

Drei Verborgene

Hamburg

Es gibt kaum eine effizientere Art, den Stil eines Autors/einer Autorin zu verstehen, als ihn nachzuahmen. Auch im kläglichsten Scheitern werden beim Schreibversuch Eigenheiten sichtbar, die dem bloßen Betrachter nur nach Einsatz von viel analytischem Hirnschmalz auffallen. Dabei ist das Eintauchen in eine fremde Person, in ihre Gedanken, Gefühle und vor allem in ihre Art, sich auszudrücken der Kern allen Schreibens. Der Reiz entsteht aus dem Blickwechsel: am Anfang schlüpft der Autor sehr bewusst in die fremde Gestalt, um sich plötzlich mehr oder weniger nach ihren eigenen Gesetzen richten und nicht selten mit spöttischem Blick auf den zappelnden Autor zurückblicken, der Mühe hat, mit seinen Gespenstern Schritt zu halten.

Jan Wagner hat in ähnlicher Art seine dichterische Haut gleich drei Figuren zur Verfügung gestellt, die sich darin während seines Aufenthalts in der Villa Massimo in Rom tummeln durften: dem Landdichter Anton Brant, dem versponnen Anagrammatiker Theodor Vischhaupt und dem Elegiker Philip Müller, das Ganze ist aufgelockert und angereichert durch die zugehörigen Backstories und die kommentierenden Blicke der wissenschaftlichen Welt auf das Werk der Wagnerschen Zöglinge. ‚Drei Verborgene‘ nennt Wagner seine Figuren, die er, wie im Vorwort nicht ohne Hintersinn formuliert ist, versucht „zumindest für die Dauer der Lektüre (…) der ewigen Abwesenheit zu entreißen, durch die Präsentation ihrer Leben und ihrer Werke dafür zu sorgen, daß sie einen Augenblick lang vortreten (…)“.

Zu ergänzen wäre wohl: trotz aller stilistischen Unterschiede als Seiten des Wagnerschen Selbst, denn die Gefahr eines derartigen Versuches liegt sicherlich darin, aus einem Fingerspiel entstandene kokette, aber inhaltsleere Miniaturen zu erschaffen.

Was nicht heißen soll, dass Lyrik immer bierernst anmarschiert kommen muss:

Drei Monate, drei Wochen und drei Tage,
Dann rollt die Wutz sich zur Seite
Wie ein besoffener Offizier,
Die Beine ausgestreckt und nur noch
Zusammengehalten vom Doppelreiher
Der Zitzen, eine seufzende Masse Fleisch.

So formuliert Brant die Genesis zu seiner Poetologie, gefällig in das drastische Bild ‚Das Sauen‘ verpackt. Es sind Landschaftsgedichte, aus einer selbstverständlichen Naturnähe gespeist, die ein mehr oder weniger romantisches Ideal des ländlichen Lebens evozieren, ein Nachwirken alter – als idyllisch unterstellter Prozesse – sichtbar machen wollen, etwa bei der nach wie vor Handarbeits-lastigen Schafschur: „Wie uralt die Szene ist, wie alles // Still wird, sich zusammenballt drum herum: // Kein Schnauf von ihm, vom Andern kein Meckern; // Zwei Ringer, die durch die Stellungen gehen //“ Es ist ein archaischer Blick, den Brant vorexereziert, er ist immerhin schon in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts eingebettet, eine Reflexion, geübt im Ausblenden, die jedes störende Einsprengsel der Moderne übergeht und sich wie zum eigenen Trost in alte Wendungen – ein umfangreiches Glossar der unüblichen (echten, aber sehr verschiedenen Dialekten entnommenen) Wörter ist enthalten - zurückfallen lässt.

Die Straßenlaternen frühabends, präzise
Wie Flohbisse. Er huscht den Hexenbuckel
Der Hude hinunter, verliebt in den Himmel
Und diese gigantische Schüssel
Mit Schmant, die irgendeine Hand ihm füllt,
Webt sein Schnurren um unsere Beine,“

(„Ein Kater“) Es ist nicht nur ein amüsanter Charakter entstanden, eine witziges Drumherum an Sekundärliteratur und Studien lässt das germanistische Unwesen erblühen („Schmitz, Peter: ‚Von Dups und Dalle, Hippe und Hude – Regionalismen und landwirtschaftliches Vokabular in den Gedichten Anton Brants‘“) – die Texte sind anregend, phantasievoll erzählend und trotz gelegentlicher Überzogenheit ein Vergnügen zu lesen – und sicher auch laut zu hören.

Vischhaupt. Anagrammatiker sind mir ein Rätsel. Dieses Sudokuhafte Dichten. Es ist noch schlimmer: ich muss dabei immer, immer, zwanghaft, an 99 Flaschen Bier denken. Eine von hunderten von Varianten:

# Copyright 2001 Christopher J. Carlson
# All Rights Reserved

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  s/s+/ /g;$a    =~
  y/b-z/a-z/;$b   =~
  tr/b-z/a-z/;$c  =~
  tr/b-z/a-z/ ; for(
  $d=100;$d>0;$d--){
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  ;print" $a,n$c, "
  ;print($d-1);print
  " $a $b.n";} $x =
  "cjc"; $y="dobbz";
  $z="com";print"n"
  ;print "- $x@$y."
   ;print"$z nn";

Das ist ein lauffähiges Perl-Programm, das das lange (99 Strophen), stelzige und im Kern recht schlichte gleichnamige Trinklied produziert, der Witz besteht darin, einer absurd engen Formvorgabe ein nicht mehr erwartetes Ergebnis abzutrotzen (es gibt hunderte von Programmen nur zu diesem Lied). Versteht man, was ich sagen will? Auch egal. Außerdem, ich kann überhaupt kein Perl und bestaune neidlos Akrobaten wie Vischhaupt, ich bin ziemlich sicher, dass seine Texte in der Anagrammer-Szene echte Klopper sind, ich sage nur ‚Das Kind aus Taschkent‘ oder ‚Wo der Pfeffer wächst‘, drei f, zwei w, gut, ä wird zu a e, aber immerhin.

Soweit damit auch zu dem vielseitigen Richard Mutt, dem das ganze Buch gewidmet ist.

Philip Miller DrittSelbst ist, wage ich zu sagen, Jan Wagner der willkommenste Gast, die Hexameter fügen sich nahtlos zusammen, eine Leichtigkeit, sommerliche Melancholie, die ohne das schon Goethe wärmende Deckmäntelchen wohl der lyrischen Mode zuliebe öfter gebrochen hätte werden müssen, als die Zinken Schönheitshungriger, aber krummnasig geborener Amerikanerinnen. Hier ist der moderate postmoderne Hauch, der alle drei Dichter unterschwellig durchzieht, am explizitesten.

Unter der Erde, im Tuff, Stockwerk um Stockwerk tief,
Katakomben, die langen Regale, wie Bibliotheken,
Wie ein Archiv für den Staub, eng. Die Luft ist antik:
Nur ein paar Wurzeln durchdringen die Decke, trinken die Stille.
Steigt man zurück ins Licht, kommen die Wände mit.

In zwölf Elegien durchstreift Miller ein modernes Rom, das seiner Vergangenheit nicht Herr wird. Für meinen Eindruck waren die Spaziergänge in und vor der Stadt, die Wagner hier vorstellt, entspannt und atmosphärisch ‚leicht‘ zu lesen, es würde mich wundern, fänden sich für Rom-Kenner nicht ein weites Feld an Bezügen und Anspielungen auf reale Gegenden.

Man wird in dem Buch die Welträtsel nicht gelöst finden, aber es ist doch deutlich mehr als nur ein gelungenes humoriges Experiment – was für sich keine Kleinigkeit ist, wieviele humoristische Lyrikbücher gab es in letzter Zeit – die Perspektiven sind pfiffig gewählt und tragen neben ihren rückspiegelnden Seiten vor allem, was manche ärgerlich finden mögen, einen sehr menschenfreundlichen, Ressentiment-freien Ton, der in meinen Augen entscheidend für das Gelingen dieses Versuches ist.

Jan Wagner
Die Eulenhasser in den Hallenhäusern
Hanser Berlin
2012 · 128 Seiten · 14,90 Euro
ISBN:
978-3-446-24030-8

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