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Kritik

Große Miniaturen

Hamburg

Igel ist eine Autorin, die seit drei Jahrzehnten konsequent ihren literarischen Weg geht. Ich schätze sie als Gesprächspartnerin und Kollegin, mit der ich die Reihe Neue Lyrik im Auftrag der Kulturstiftung Sachsen im Verlag Poetenladen herausgeben darf, aber lange bevor ich sie persönlich kannte, schätzte ich sie schon als Autorin.

Ihr neuestes Werk heißt Umtriebe und ist als fünfzehnter Band in der von Bert Papenfuss und Sascha Anderson herausgegebenen Reihe Black Paperhouse im Frankfurter Gutleut Verlag erschienen. Es ist nach Jurjews Von Orten das zweite Buch dieser Reihe, das ich umstandslos in das Regal mit meinen Lieblingsbüchern stellen werde. Die Gründe dafür sind vielfältig. Im Zentrum steht sicherlich, dass die Texte sich wie schon bei Jurjew formal nicht binden lassen. Sie changieren zwischen Miniatur und Prosagedicht, ohne dass das Nichterfüllen der Kategorie einen Mangel an Qualität bedeutet. Vielmehr ist es so, dass die Texte in ihrer Durchbildung jeglichen formalen Dogmatismus absurd erscheinen lassen. Sie erfinden, indem sie sich selbst erfinden,  zugleich ihre eigene Form. Das heißt, sie zelebrieren Freiheit.

Im Text Sondierungen, der meiner Meinung nach auch so etwas wie eine poetologische Einlassung bildet, hört sich das so an:

Erfinden – d.h. In diesem falle, in den textraum vorzudringen, ihn zu sondieren (was an eine operation gemahnt – das besteck des operateurs, es ist nicht das eigene gewebe, das er seziert, der blick auf ein objekt gerichtet, der objektive blick, der sich oft als obsessiv entpuppt), obsessiv diese sondierungen allerdings – Sie betreffen den eigenen körper, besser: die verkörperung der eigenen Geschichte, …

Die hier zitierte Passage zeigt Igels Vorgehen hinsichtlich der Objekte (oder der Realität, wenn man so will und wenn es so etwas jenseits ihrer sprachlichen Ausformung gibt), erlaubt aber zugleich, denn das ist davon nicht zu trennen, einen Blick auf die Eleganz des Ergebnisses. Und so wendet sich die Autorin den verschiedensten Aspekten der Welt zu, ohne in einen Ortswechselfuror verfallen zu müssen.

Igel ist 1954 in Leipzig geboren, hat eine Ausbildung zum Bibliothekar durchlaufen, Theologie studiert und ist 1994 nach Dresden gezogen, wo sie heute lebt. Ihre Texte sind sächsisch grundiert. Herkunft spielt in ihnen eine große Rolle, Kindheit und Erinnerung. Dennoch gelingt es der Autorin, diesen eher privaten Rahmen zu verlassen, denn sie spürt Strukturen auf, die alles andere als privat sind.

Postmodern könnte man sagen.  Es sind die Strukturen der Macht, also  Strukturen die neben dem Ich auch dessen Reflexion hervorbringen und erfordern. Zuweilen verheddert man sich ein wenig in den Introspektionen des Bandes, kommt ins Stolpern, aber noch darin wird man des feinen Gewebes gewahr, in das man sich eingesponnen findet. … Die wir doch alle im fell des erdmantels hängen, uns daran festklammern, an das fell, das stellenweise schütter,... (Das Fell des Erdmantels)

Aus Igels Texten werden Denkbilder, Traumprotokolle und zuweilen auch historische Abrechnungen mit der sprachlichen Gestalt unserer Herkunft in Zeit der Redensarten, oder gesellschaftspolitische Pamphlete wie der Text: Seit wir das Schätzen gelernt....

Jayne-Ann Igel
Umtriebe
Illustrationen: Reiner Maria Matysik
black paperhouse
2012 · 60 Seiten · 11,00 Euro
ISBN:
978-3-936826715

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