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ostra-gehege Zeitschrift für Literatur und Kunst
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ostra-gehege Zeitschrift für Literatur und Kunst
Kritik

METAPHYSISCHE UNRUHE ÜBER QUERGESTREIFTE TRIKOTS

Jean-Philippe Toussaints abseitsverdächtige Betrachtungen zum Fußball
Hamburg

Wer Jean-PhilippeToussaint (geb. 1957) mag, wird auch seine offen zur Schau getragenen Eitelkeiten mögen, auch gut finden, dass er wiederholt seine früheren Titel nennt und zitiert, etwa seinen Marie-Zyklus oder das vorausgegangene Fußballbuch Zidanes Melancholie. Hier ist ein Autor, der sich anscheinend als Gesamtkunstwerk schätzt.

Aber wie ist sein Verhältnis zum gewählten Gegenstand, dem Fußball? Oder muss der Fußball nur als Titelsetzung dienen und anderes rückt in Toussaints Fokus? Ein klares Sowohl-als-auch ist die Antwort.

Mehrfach liefert uns Toussaint durchaus erhellende Einblicke in das Wesen des Fußballs. Der ist für ihn das Kontrastprogramm zum illusionslosen Alltagsleben, denn

die Wirklichkeit ist fast immer enttäuschend, das wird Ihnen nicht entgangen sein.

So dass er einfach nicht anders konnte – trotz seiner Ahnung, weder dem Intellektuellen noch dem Fußballfreak gerecht zu werden – als dieses Buch mit dem Titel „Fußball“ zu verfassen:

Aber ich musste es schreiben, ich wollte nicht den zarten Faden zerreißen, der mich noch mit der Welt verbindet.

Immer wieder einmal derart pathetisch gestimmt,  meint er, der Fußball dagegen habe das Zeug zu einer „cosa mentale“, ganz „wie nach Leonardo da Vinci die Malerei“. Der Fußball rufe „ein Entzücken“ hervor, das sich herleite „aus den Fantasien von Triumph und Allmacht, die er in unserem Geist erzeugt.“ Fußball – und hier zeigt sich gleich auch der lyrische Toussaint - sei herrliches Frischobst, müsse gleich konsumiert sein, ungeeignet sei es als Lagergut:

Als Ganzes betrachtet, handelt es sich bei Fußball um verderbliche Nahrung, sein Verfallsdatum setzt unmittelbar ein. Man muss ihn sofort verzehren, so wie Austern, Meeresschnecken, Langusten oder Garnelen.

Synonyme für Fußball sind vor allem Kindheit und Träume: Phänomene, die mit zunehmender Lebensdauer nachlassen können:

Es fängt an, dass ich vom Fußball die Nase ein wenig voll habe. Ich bevorzuge die Dichtkunst (kleine Übertreibung).

Was behandelt er dann mittels Dichtkunst?

Ich tue so, als schriebe ich über Fußball, aber ich schreibe, wie immer, über die Zeit, die verrinnt.

Schnell ist also Meister Proust ins Spiel gebracht, die Kapitänsbinde übertragen. Drum erfahren wir in diesem schmalen Buch manch biographische Impression über den Knaben Toussaint, etwa als bolzenden Pausenhofkicker aus der Brüsseler Grundschulzeit, wobei die Mannschaftsauswahl nach den belegten Fächern „Moral“ und „Religion“ erfolgte:

… und die Religion, bei denen ich mitspielte (ich war immer sehr für Religion, zumindest bis zur sechsten Klasse), waren verteufelt gut am Ball.

Gerne liest man in Toussaints Fussball solch humorvoll-distanzierte Passagen, die ihm seine keineswegs fußballverrückte Sozialisation ermöglichte, denn er ist ja gerade nicht der Südkurventyp von Kindesbeinen an:

Ich gehe nicht regelmäßig ins Stadion, es gibt in meiner Familie nicht die sonntägliche Tradition, ins Stadion zu gehen, mein Vater hat mich nie zu einem Fußballspiel mitgenommen.

Manchmal dagegen gerinnt sein oft gewinnbringender Erzählstandpunkt der äußersten Subjektivität zu gehöriger Selbstverliebtheit, ergeben sich doch arg eitle  Sätze wie:

… und der immer sauber rasierte Schädel von Shinji Ono, schon ein Klassiker, der sich auch bei Roberto Carlos und bei Jancker, bei Pierluigi Collina und bei mir findet.

Der erwachsene Autor mag Fußball als Aufzeigen der Lebensmöglichkeiten, als Infragestellung, als Kunst. Allein schon das Spielgerät als solches:

Der Ball, auch wenn er rund ist, ist widerspenstig und geht wunderliche Wege, er widersetzt sich, ärgert uns, verrät und demütigt uns.

Gleichzeitig sucht dieser distanzierte Süchtige aber nach wie vor das immer Gleiche, die Konstanz der Kindheit. Da ist die Magie der Nationaltrikots - und in diesem Punkt bitte keine Dynamiken, keine kindheitsverscheuchenden Wechsel im Design! Grundsätzlich beglückt beim Anblick der traditionellen Trikots der einzelnen Nationalmannschaften, übermannt ihn nämlich „metaphysische Unruhe“,

wenn ich die Brasilianer in Dunkelblau spielen sehe, oder schlimmer noch: die deutschen Spieler in diesen grauenhaften, rot-schwarz gestreiften Rugby-Trikots (von Toulouse oder von Toulon?), die sie im Halbfinale der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien trugen. Dann fühle ich mich verletzt, nicht ich selbst (ich habe da schon Schlimmeres erlebt), aber als Kind, das ich einst war und das um das einfache, ein Gefühl von Sicherheit gebende Glück betrogen wird, die Deutschen auf den Fußballplätzen der ganzen Welt in alle Ewigkeit in schwarzen Hosen und weißen Hemden spielen zu sehen.

Der Autor gewinnt als einer, der sich nicht um Stellungnahme zu soziologisch-politischen Aspekten des Fußballs drückt (Spielsysteme und dergleichen interessieren ihn aber nicht die Bohne, wie er vorgibt), sondern ganz im Gegenteil: prononcierte Begrifflichkeit an- bzw. einführt:

Der Fußball erlaubt, zwar nicht nationalistisch … , nicht einmal patriotisch, aber chauvinistisch zu sein, worunter ich einen nicht in die Irre führenden Pseudonationalismus verstehe, dessen leichtere Form sozusagen, einen ironischen Nationalismus …

um zu konkretisieren:

Während eines Spiels befinde ich mich in einem infantil-behaglichen Zustand. … Ich bin Partei, ich bin streit- und kampfeslustig, ich beschimpfe den Schiedsrichter, schreie ihm hinterher, beleidige ihn. Ich prangere den Gegner an. Ich lasse gewalttätigen und aggressiven Regungen freien Lauf, die normalerweise nicht zu meiner Persönlichkeit gehören. Ich billige die Dummheit und das Gewöhnliche. Ich fühle mich wohl – nennen wir das eine Katharsis.

Das Buch hält u.a. Kapitelüberschriften mit den Jahreszahlen der Weltmeisterschaften zwischen 1998 und 2014 bereit, wobei eines deutlich im Zentrum steht: „Korea/Japan 2002“. Wohlgefühlt haben muss er sich dort, denn er war gefragt in dreifacher Eigenschaft: als Schriftsteller, Filmemacher und Liebhaber des Fußballs („meine dritte Mütze, die rote Basecap mit der Aufschrift BELGIUM in goldenen Lettern.“) In diesem Kapitel ist besonders gut die grundlegende Vorgehensweise Toussaints zu begutachten: Kaum Anmerkungen zum konkreten Fußballspiel, hier vor allem die Partie Japan gegen Belgien; dafür aber, sobald wie irgend möglich: scheinbare Abweichungen in spielerisch-lyrischem Ton, die indes den Kern des Kapitels ausmachen, wie:

… im Stadion von Kobe …, wo eine leichte Meeresbrise in der schwülen Nacht die Eckfahnen sanft hin und her bewegte.

Der Autor steht zu seiner Technik der Melange, Erlebnisse möchte er in ihrer tatsächlichen chaotischen Abfolge niederschreiben, nachträglich keine künstlichen thematischen Trennungen vornehmen,

sondern sie als Einheit wieder aufleben lassen, so wie ich es in den Zügen und Stadien erlebt habe, inmitten der Fans in den blauen Trikots, in dieser feuchten Junihitze …

Also erfahren wir nebenbei manches über den vermeintlichen Nationalcharakter der Japaner:

ein schnelles Völkchen, das sein Nickerchen regelmäßig in öffentlichen Verkehrsmitteln hält (man könnte meinen, dass alle Japaner chronisch unter Jetlag leiden).

Anschauliches zum Anrücken von Fangruppen:

… alle diese blauen Trikots  fanden sich zusammen wie Tröpfchen zu einem schmalen Bächlein, das einen Bach bildet, der durch die Straßen fließt, und schließlich zu einem Fluss wird, einem blauen immer stärker aus den Zuflüssen der Metrostationen anschwellenden Strom.

Gendermäßiges zur Zusammensetzung der Zuschauerschaft in einem Vergleich Europa vs. Japan:

Während in Europa die Fans vorwiegend männlich sind, gewaltbereit, rassistisch, abgefüllt mit Bier oder Wein, ist das Publikum in Japan leise, fein und feinfühlig, intelligent und kultiviert, oder anders gesagt: In Europa ist der Fußball Männersache, während es in Japan eher wie bei einem Schiffbruch heißen mag: Frauen und Kinder zuerst.

Plastisches, es ist vielleicht der Höhepunkt des Kapitels, zur Überlegenheit von Rundfunk- zu Fernsehübertragung:

Mit geschärften Sinnen las ich besorgt in den Gesichtern der Studenten, während meine Ohren, aufgerichtet wie die einer Katze auf die Gefahr oder die Verheißung eines Tors lauerten und ich die Unterschiede in der Tonstärke der Kommentatorenstimme zu deuten versuchte, die von einem gleichmäßigen Geschnurre während der Spielphasen im Mittelfeld bis zu einem lebhaften Crescendo bei der Annäherung an die jeweiligen gegnerischen Tore reichte und sich weiter bis zu einem kurzen, hysterischen Anfall, nahe einem Schlaganfall, steigerte, wenn ein Pass vors Tor geschlagen und dort der meist misslungene Versuch unternommen wurde, den mit einem Volley genommenen Ball abzuschließen.

Es muss ein großer Dichter sein, der seine Ohren als „aufgerichtet wie die einer Katze“ empfindet. Allerdings gilt uns eine Bemerkung an anderer Stelle wie „unter meinen kindlichen Augen“ als eher aufgesetzt, denn den kindlichen Blick werden wir schon selbst via das Geschriebene als solchen erkennen. Oder auch nicht.
Ein angenehm friedvoller Autor auf jeden Fall:

Am Ende fand ich das Unentschieden ganz wunderbar, es war sogar genau der Spielstand, den ich mir gewünscht hatte.

Und überhaupt:

Was bedeutet im Grunde schon der Fußball. Die Zeit verrinnt, und auf den Brücken entfernen sich in aller Stille flüchtige Silhouetten von Frauen auf: Fahrrädern mit einem Sonnenschirm in der Hand.

Joachim Unselds deutsche Übersetzung aus dem Französischen ist gelungen, zeitigt aber auch ein-, zweimal die Neigung zur derzeit beliebten Übernahme einer fremdsprachigen Struktur ohne Not, denn auf Deutsch heißt es nun einmal: Es war zu der Zeit, als … und eben nicht:

Es war zu der Zeit …, dass zweimal Glühwürmchen meinen Weg gekreuzt haben.

Lesenswert an „Fußball“ sind also Toussaints begrifflich klare, gedanklich angenehm forsche Festlegungen zum Wesen des Fußballs. Diejenigen Passagen, in denen er sich ohne Scheu und doch selbstironisch als Teil dieses attraktiven Wahns mit seinen kindlichen Wurzeln darstellt. Ebenso manche lyrische Passage, der es gelingt – scheinbar bezugslos – originelle Atmosphäre zu erzeugen, in die sich der Fußball betten lässt. Leserinnen und Leser, die selber ein reiches Leben führen, könnten sich von Toussaints  Nabelschau allerdings mitunter etwas unterfordert fühlen. Trotzdem mag die Aufforderung des Verlags, der Frankfurter Verlagsanstalt, verfangen:

Freuen Sie sich mit uns auf ein Buch, das die Wartezeit bis zum Anpfiff der EM in Frankreich verkürzt und bereichert.

Jean-Philippe Touissaint
Fußball
Übersetzung:
Joachim Unseld
Frankfurter Verlagsanstalt
2016 · 128 Seiten · 17,90 Euro
ISBN:
978-3-627-00227-5

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