Fixpoetry

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Kritik

"Heil God!"

Hamburg

Bei Wolfbach in der "Reihe" – die nur so heißt, um mich zu ärgern, denn wenn ich nun schreibe "in der Reihe 'DIE REIHE'", dann klingt das holprig, wie ein missglückter Versuch, einen komischen Effekt unterzubringen; wenn ich das Problem dagegen löse wie eingangs tatsächlich, klingt es nach der Übernahme ausgeklügelter Werbesprache – …also nochmal: Bei Wolfbach in der "Reihe" ist schon 2015 "Victory. Ein Quartett" von der englischsprachigen Zürcher Künstlerin, Sängerin und Autorin Jeanine Osborne erschienen, ein zweisprachiger Band mit vier lose verknüpften Texten, der aber seinen Weg in die Fixpoetry-Besprechungslisten erst Ende 2016 geschafft hat. Das schadet nicht weiter – an der Formbestimmung "Langgedicht" und an den Texttiteln können wir ablesen, dass unsere Lektüre von Osbornes "Quartett" gerade in die ersten Wochen der Amtszeit von 'Präsident' Trump ganz gut passen wird:

Die vier Gedichte heißen "Death wall", "Victory", "Result of a journey" und "Walls of paradise" und behandeln wenig überraschend diverse Fluchten, spannen innere Zwänge gegen äußere, schildern (gelegentlich unwahrscheinliche) Schauplätze von Überlebenskämpfen … der hypnotisierte Blick der Ohnmächtigen auf die Mächtigen reißt in ihnen nie ganz ab.

Dass die Übersetzung ins Deutsche von der Doyenne "schwieriger" Schweizer Literatur stammt, Elisabeth Wandeler-Deck, und das Nachwort von dem in den USA lehrenden Literaturwissenschaftler Peter Blickle, bestärkt uns noch einmal darin, was das erste Überfliegen der Seiten von "Victory" schon nahelegt, spätestens, wenn wir sehen, dass die einzelnen Texte mit Datumsangaben weiter unterteilt sind, wie Log- oder Tagebücher: Diese Texte sind in der Tradition von Beat-Lyrik zu lesen, sind investigative oder historiographische Lyrik im Sinn z. B. Ed Sanders' oder, vielleicht stärker, der verschiedenen Xicana-Frauen, die unter dem Pseudonym von La Loca dichten; der deutsche Sprachraum ist der zufällige Ort einer Publikation, aber offensichtlich noch nicht der ganze intendierte Resonanzraum der Texte von "Victory" (so, wie auch die Räume, in denen derzeit irgendjemand muttersprachlich-unkompliziert "Victory!" verkünden kann, sich stochastisch über den Globus verteilen …).

Osbornes Texte sind außerdem, dementsprechend, distanzlos körperlicher und gefühlsbetonter, als zeitgenössische deutschsprachige Lyrik das zu sein pflegt. Sie retten ihr recht unproblematisch "rundes", "ganzheitliches" Menschenbild als Artefakt der angloamerikanischen Tradition hinüber in die deutsche Sprache – verpflanzen es sozusagen von der linken auf die rechte Buchseite – wo dieses Menschenbild ein wenig … darf man so sagen? … unschuldig-exotisch wirkt. Beides freilich Adverbien, die wir auf die verhandelten Inhalte besser nicht anwenden sollten:

26. August

            erkunde dein Zahnfleisch
            richte deine Zähne
            spreizen
            treiben
            bersten
            kreischen
            zieh deinen Bauch ein
            mach ihn
            zum Schlachtfeld
            Panzer
            fürchten was glänzt

            lass ab von den Augen
            sie sind empfindlich

Der Duft nach Salbei ist bedingt.

Zu viele Pantoffeln verwirren.

            Sieg Heil
            Sigi Heilung

Samstagnacht ist tiefe Nacht im tiefen Meer verschluckt in Schatten von Schatten.

Ich bringe mich in ein Schaufenster, Spiegel rundum, und erhänge mich an meiner Zunge. Passanten starren in die Spiegel und langweilen sich. Dann gehen sie zu ihrem Abendessen.

(…)

… so geht das dahin – wobei die zitierte Stelle weder die erste noch die letzte in "Victory" ist, an der das zwiespältige Verhältnis der Autorin zur Figur Sigmund Freud hervorgeholt und bearbeitet wird (sagen wir, bis es glänzt) – und es entspinnt sich "hinter den Einzeldingen" eine Art Handlung, ein Dialog der vier Textsubjekte mit einer umgebenden Welt, in der Gewalt und Ohnmacht prinzipiell immer gerade ein bisschen zu unmittelbar und zu nahe liegen, als dass wir uns beim Lesen entspannen könnten … aber so richtig viel "passieren" tut auch nicht … denken wir … bis wir über die erste dieser deutlich verschärften Stellen stolpern:

28. August

Die Mauer in unserem Garten ist eine Todesmauer. Feinde können gegen sie gestellt und erschossen werden. Langsam sinken sie in die Knie, Blut rinnt sachte vom Genick zur Ritze. Sie wird zu einer historischen Mauer werden.

Tief unter zwei aus dem Meer geborgenen Steinen liegt mein Hund in einem Topf. Die von seinem Halsband abgerissenen Kühe muhen den Mond an und grasen seine Pfoten. Er schläft befriedigt.

Was soll das alles. (banal)

            Schließe ihre Zunge ein
            halte ihren Atem an
            löse ihr Haar
            reihe ihre Zellen
            eine Perlenschnur
            binde sie zusammen
            meine Fingernägel
            sprechen viele Zungen

(...)

Die vier Texte in "Victory" haben das gemeinsam: Das regelmäßige Umschlagen relativ alltäglicher Abläufe und Subjektivitäten in etwas ganz anderes – die Möglichkeit oder Präsenz des gewalttätigen Übergriffs, auf welche Macht sich gründet – und das zweite Umschlagen dieses ganz Anderen zurück zu einer Normalität, welche die Gewalt so oder so integrieren, überformen, vergeblich behübschen wird.

In dieser Weise erscheinen Osbornes Texte zugleich realistisch (auch in einem eng-literaturwissenschaftlichen Sinn) und seltsam archaisch; sie dehnen den Horizont des bewohnten gesellschaftlichen "Jetzt" weit genug aus, um auch noch die p.t. Kaiser Caligula und Nero von Ferne in den Blick zu bekommen … wie gesagt: Für die ersten Tage der Trump-'Regierung' nicht die unpassendste Lektüre.

Jeanine Osborne
Victory
Wolfbach
2016 · 208 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
9783905910599

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