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schliff Literaturzeitschrift, band 11 utopie
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schliff Literaturzeitschrift, band 11 utopie
Kritik

Jennifer L. Knox’ Gedichte

„words like fuck or help“ aber keine Beatpoetry und Schubladenlyrik

Da liegt er vor, der erste Band einer Knoxschen Gedichtauswahl in deutscher Sprache – ja!
Zu verdanken haben wir dies dem jungen, neuen Kleinverlag luxbooks, der sich unter anderem der Vermittlung von amerikanischer Gegenwartslyrik verschrieben hat. Als Übersetzer hat sich der Verleger Christian Lux tatkräftige und renommierte Unterstützung geholt – so zeichnet Ron Winkler, derzeit der Botschafter junger US-amerikanischer Gegenwartslyrik schlechthin, für einige der deutschen Fassungen verantwortlich.

Das Buch kommt nahezu quadratisch daher, in Farbe und mit laminierten Seiten, die den Fotoabbildungen Jeremy Hinsdales, von denen die Gedichte unterbrochen sind, einen adäquaten Raum bieten. Selbstverständlich ist es eine zweisprachige Ausgabe, nach dem Links-Rechts-Muster. Insgesamt haben es um die 20 Texte in die Ausgabe geschafft.
Wer die Anthologie junger amerikanischer Lyrik „Schwerkraft“ (2006 bei Jung und Jung erschienen, Hrsg. Ron Winkler) wahrgenommen hat, dem kann Jennifer L. Knox nicht entgangen sein – ihre kompromisslos poetische Auslotung der Lebens- und Zeichenwirklichkeit des amerikanischen White Trash der Trailerparks. „Wir fürchten uns“ setzt diese Auslotung, wie sollte es anders sein, fort bzw. ergänzt sie aus der Sicht des deutschen Lesers zu einem breiter angelegten Einblick in das bisher schmale publizistische Werk der jungen Lyrikerin. Neben den schon in „Schwerkraft“ erschienenen Gedichten wie „Chicken Wings“ (siehe meine Rezension zu Schwerkraft!), lassen sich neue Übersetzungen finden, zum Teil eben von Ron Winkler, zum anderen Teil von Christian Lux, dem Verleger selbst.

Die erwähnte Auslotung des White Trash mit den Mitteln der Poesie führt bei Knox zu einerseits vorfreudig erwartet hingerotzten Langzeilen, und andererseits zu Gedichten schmalerer, zerbrechlicher Art. „Mekong“ ist mit seinen drei Zeilen und seinem unaufgeregten Duktus einem Gedicht wie dem erwähnten „Chicken Wings“ mit seinem Ausmaß und seinem „Krach“-Potenzial geradezu diametral entgegengesetzt. Schade, dass sich der Übersetzer hier (Mekong-Übersetzung) nicht getraut hat, auf poetisierenden Sprachschmuck zu verzichten, um die schroffe Einfachheit so abzubilden, wie sie vorliegt. Beim Klassikerthema Lyrik und Übersetzung zeigt sich der Band von mehreren, verschiedenen Seiten, und nicht nur den besten …

Was der Band darüber hinaus zeigt, ist nichts weniger als die Absage an beatlyrische Genreklischees, wie sie sich die Literaturgeschichte in den letzten dreißig Jahren zurechtgelegt hat. Knox schreibt, wie sollte es anders sein, keine Beatpoetry, keine Schubladenlyrik. Man weiß nie so recht, was einen im nächsten Text, in der nächsten Zeile erwartet. Es finden sich Gedichte wie das „Hot Ass Poem“ (genial übertragen von Ron Winkler) – schnoddrig, post-beatig, hingefletzt. Es finden sich aber genauso Texte wie „If my love for you were an animal“ – behutsam, verletzlich und zutiefst aufflugfähig!
Dass unserer deutschen Lyrikszene der offene, (zumindest ansatzweise) vorurteilsfreie Blick über den großen Teich gut anstehen würde, darauf habe ich schon an anderer Stelle verwiesen, und möchte es hier noch einmal in aller mir möglichen Schärfe bekräftigen.
Doch Jennifer Knox ist nicht nur für Lyrikschreibende und -lesende interessant, sie ist es – wie schon die Anthologie „Schwerkraft“ – ebenso, weil die US-amerikanische Lyrik sich als ein Weg erweisen kann, ein Weg, auf dem die eigenen Vorurteile und Anti- bzw. Pro-Amerikanismen unserer sub- und leitkulturellen Diskurse, als schroffe Steine in unübersehbarer Zahl parat liegen, als unbedingte Einladung zu stolpern – denn soviel ist versprochen: Es lohnt!

Jennifer L. Knox · Christian Lux
Wir fürchten uns
luxbooks
2008 · 90 Seiten
ISBN:
978-3-939557319
Erstveröffentlicht: 
Berliner Literaturkritik

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