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Kritik

London, die eigentliche Hauptstadt des Exils

H.G. Adler, Elias Canetti und Franz Baermann Steiner als bedeutendes Exildreigestirn
Hamburg

Dieses schmale Buch, inklusive dreier hübscher Autorenfotos, hat reichen Inhalt. Es handelt sich um eine Studie zum deutschsprachigen Nachkriegsexil mit einem Fokus auf England, genauer: auf London, und damit zu einem Gegenstand, der laut Michael Krüger (Nachwort, sechsseitig) bislang im Gegensatz zum amerikanischen Exil stark vernachlässigt wurde:

Die deutsche Prominenz in Kalifornien und New York ist bestens dokumentiert. … Für die Arbeit der deutschen Schriftsteller, Geisteswissenschaftler und Künstler, die England als Fluchtort gewählt haben, ist eine solche Transparenz nicht zu haben.

Der Autor, der dieser Malaise nun erste, aber dafür gleich profunde Abhilfe verschafft, konzentriert sich dabei auf das Dreigestirn H. G. Adler, Elias Canetti und Franz Baermann Steiner, das zu den

interessantesten deutschsprachigen Exilgruppen der Nachkriegszeit

gehört (Klappentext des Verlags). Allen drei Personen ist der Autor Jeremy Adler, geb. 1947, Professor Emeritus für Germanistik am King‘s College London, selbst begegnet, einem von ihnen, weil es sich um seinen Vater handelt. Deshalb ist es verständlich, dass das abschließende Kapitel III des Buches eben H. G. Adler gewidmet ist, und zwar recht zentral in seiner Eigenschaft als Gegenspieler von Adorno (dieser Teil des Buches ist im Jahr 2000 schon einmal eigenständig erschienen, und zwar unter der Überschrift: „Good against Evil? H. G. Adler, T. W. Adorno and the Representation of the Holocaust“).

Jeremy Adlers Buch, obwohl grundsätzlich wissenschaftlich dargeboten (im Anhang ist eine dreiseitige Literaturliste), liest sich flüssig, da der Leser dem Autor abnimmt, wie lohnenswert eine breitere Beschäftigung mit dem Gegenstand ist oder fürderhin noch wäre. Zudem ist es zugleich rührend und von der Sache her wohl ganz und gar gerechtfertigt, wie löwenhaft der Sohn für eine günstige Rezeption des literarischen und soziologischen Werks des Vaters eintritt. Der Autor hält auch manche auflockernde biographisch-anekdotische Einzelheit bereit.

Das Buch mit seinen drei Kapiteln ist klar nachvollziehbar eingeteilt: Kapitel I ist ein Abriss über die Geschichte des Exils ab biblischer Zeit, schließlich mit besonderem Blick auf England bzw. London während der Jahre der Naziherrschaft. Für diese Zeit steckt der Autor eingangs noch einmal die passenden Koordinaten ab, indem er Karl Jaspers‘ markante Metapher von Deutschland nach der nationalsozialistischen Machtergreifung als verwandelt in „ein ‚geistiges Gefängnis‘“ anführt, um dann in eigener Einschätzung fortzufahren:

Fast die ganze geistige Welt, die sich von der Aufklärung bis zur Weimarer Republik in Deutschland entfaltet hatte, wanderte aus.

Eingedenk des insgesamt ungünstigen Vergleichs mit der Rezeption des deutschsprachigen Exils in Amerika sieht der Autor in London jedoch

in politischer und moralischer Hinsicht … die eigentliche Hauptstadt des Exils.

und verweist u.a. auf die bedeutende aufklärerische Rolle der BBC, aber auch auf Thomas Manns Reden von London aus, deren Einfluss gleichwohl „schwer einzuschätzen“ bleibe. Da lt. Autor die englische Gesellschaft konservativer als die in Amerika war,

waren die Exulanten [Schreibweise so durchgängig im Buch, R.S.], die hierblieben, … in den meisten Fällen entsprechend konservativer. … Die einzige Figur der deutschen Avantgarde unter den Exulanten dürfte Kurt Schwitters gewesen sein.

Nachdem er detailliert die Namen deutschsprachiger Exilgruppen in London nennt, wirft er ein Licht auf die offizielle englische Aufnahmepolitik jener Jahre:

Man hat in letzter Zeit den Standpunkt der englischen Regierung äußerst kritisch untersucht. … Man schätzt heute, daß in den Jahren 1933-39 ungefähr 90.000 Emigranten in England Zuflucht fanden, wovon 85 bis 90% Juden waren, allerdings war das laut Vicomte Samuel nur ein ‚tiny trickle‘ der Gesamtzahl. Etwa 900.000 – nach der Schätzung von Louise London – hat man nicht hineingelassen.

Im Anschluss an die Benennung zahlreicher Akteure mit ihren Aktivitäten in dem Wechselspiel zwischen Emigranten und englischer Öffentlichkeit kommt Adler zu einem positiven Resultat:

Manches spricht für die These, daß sich eine mitteleuropäische Kulturaristokratie in England gebildet hat.

Im Mittelkapitel des Buches findet dann die Beschäftigung mit Werk und enger persönlicher Beziehung der „drei Freunde“ A. G. Adler, Elias Canetti und Franz Baermann Steiner statt, deren Arbeiten sehr vielgestaltig waren:

Sie verfaßten Romane und Erzählungen, Dramen und Gedichte, Aufzeichnungen und Essays, und große wissenschaftliche Monographien.

In engagierter Sprache verdeutlicht der Autor die Intensität des dichterischen Selbstverständnisses der drei während ihres Londoner Exils und davor:

Was den Freundeskreis kennzeichnet ist sowohl das erschütternde Schicksal der Einzelnen als auch ihre ständige Auseinandersetzung mit den sie beschäftigenden Fragen. Jeder war in seiner Weise ein Opfer. Jeder war in seiner Weise ein Zeuge. Jeder verstand es, seine demütigende Lage zu meistern. … Man durchschaute das Grauen der Zeit. Man wehrte sich gegen die Attacken, welche das Jahrhundert mit sich brachte. Man war ausgeliefert. Man litt. Man verlor Identität und Heimat – und doch, man bediente sich der Sprache, um Grenzen auszuloten, Schrecken entgegenzuwirken und die Welt in neuer Form wiederherzustellen. Gegen die modernen Wirren setzte man vor allem die althergebrachte Idee der Dichtung ein.

Aber jeder hatte daneben auch den Ehrgeiz,

... mit einer großen Monographie gegen die Untaten des zwanzigsten Jahrhunderts aufzutreten ...

was Canetti dann mit "Masse und Macht" (1960) gelang; A.G. Adler (zunächst im vorbereitenden Aufsatz "Mensch und Masse") mit "Theresienstadt 1941-1945: Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft" (1955); Baermann-Steiner mit "A Comparative Study of the Forms of Slavery" (1949).

Hieran schließt sich des Autors bitterer Vorwurf an „die deutsche Literaturgeschichte“ an, die

bis heute aber … die Existenz dieser Gruppe kaum wahrgenommen

habe. Breiten Raum gibt der Autor dem Vergleich der drei Freunde in ihrer schließlich überwiegenden Übereinstimmung bei punktuell (wohl auch grundsätzlich) großen Divergenzen -

Canetti glaubte an die Macht des Bösen, Adler an die Übermacht des Guten

- wobei er hier und im weiteren Verlauf des Buches mit einigen Seitenhieben auf Canetti besonders dessen Verhältnis zu seinem Vater beleuchtet:

Canetti schreibt mit eigenartiger Distanz über den alten Freund [H.G. Adler nämlich, R.S.] und hütet sich davor, auf die Freundschaft als solche einzugehen.

Jedenfalls hatten sich die drei ab 1937 fest im Blick:

H.G. Adler machte … 1937 Canettis Bekanntschaft, als dieser aus seinem Roman Die Blendung in Prag vorlas, Steiner aber zu einem Studienaufenthalt in London weilte.

Während Steiner und Canetti rechtzeitig auswandern können, wird H. G. Adler Opfer der Shoah. Sein Sohn kann nicht umhin, Steiner und vor allem Canetti eine gewisse Mitschuld wegen deren Zögerlichkeit bis Untätigkeit bei Adlers Hilferufen aus Prag zu geben:

Am 11. April [1939, R.S.], als die Ausreise noch möglich war, schrieb er [H. G. Adler, R. S.] an Steiner: ‚Nun möchte ich gerne wissen, was Du, Elias und Eure Freunde für Schritte eingeleitet haben …?‘

Der Autor kann nicht umhin, auf die noble Reaktion des Vaters zu verweisen:

Das moralische Versagen seiner Freunde thematisierte Adler in seinem späteren Leben mit keinem Wort.

So dass sich das Dreigestirn im Februar 1947

im eigentlichen Sinne des Wortes zum ersten Mal konstituiert.

Der Autor erläutert, warum vor allem die o. ä. Hauptwerke der drei Freunde durch die Umstände des Exils befördert wurden, ja, gerade nur aus seiner Einbettung heraus denkbar sind, denn sie

hätten nicht in einem konventionellen akademischen Kontext entstehen können. … Erst indem die Autoren ihre Methoden erfanden, konnten sie ihr Ziel erreichen, den Leser zu erschüttern. So spiegeln diese Werke die Isolation ihrer Autoren. Wer sie liest, kostet das, was Dante als „das bittere Brot des Exils“ bezeichnet.

Als Beispiel der Unterschiedlichkeit zwischen mitteleuropäischer und englischer Weltanschauung nennt der Autor den Topos „Einsamkeit“, der von den Mitteleuropäern begrüßt und als zentral gesehen werde, von englischen Autoren – Ausnahme sei Wordsworth – abgelehnt werde: So bei Eliot.

Steiner ist derjenige, der H. G. Adler in die Londoner Gesellschaft einführt, wobei er ihn auch mit Erich Fried und Michael Hamburger bekannt macht. Durchaus unterschiedlich sei schließlich die gefühlsmäßige Haltung der drei Exilanten zu ihrem Gastland ausgefallen: Hass bei Canetti, Hassliebe bei Steiner, zunehmende Wertschätzung bei Adler.

Abschließendes Kapitel III ist schließlich ganz auf H. G. Adler ausgerichtet, wobei der Autor eingangs Peter Demetz zitiert. Dieser sieht H.G. Adler

in der Epoche der Shoah als Verbündeten Primo Levis und Elie Wiesls.

Im Folgenden geht es dem Verfasser darum, die bislang wohl unangemessene Rezeption des Werkes seines Vaters zu verdeutlichen:

Es gehört zu den großen intellektuellen Skandalen unserer Zeit, daß seine wichtigsten Bücher erst noch ins Englische übersetzt werden müssen – die persönlichen wie jene, die der Suche nach der historischen Wahrheit gewidmet sind.

Zentral für diese Zurückweisung scheint dem Sohn, dass H. G. Adlers 'Optimismus' im Widerspruch zum dominanten Adorno und dessen Pessimismus stehe. So werde von der

'Keine-Kunst-nach Auschwitz'-Schule

gefeiert: Celan, jedoch nicht Katzenelson; Plath, jedoch nicht Kolmar. Dem Autor aber scheint es deshalb

an der Zeit, über die Tabus nachzudenken, die in der Diskussion über die Darstellung der 'Endlösung' stillschweigend errichtet wurden. Es sind nämlich diese Tabus, die dafür sorgen, daß Werke von der Art wie Adorno sie lobt, und die, vereinfacht gesagt, in einen breiteren Kulturnegativismus eingeordnet werden können, weite Verbreitung finden, während andere, die diesen Kategorien widersprechen und bekräftigen, daß das Gute schließlich obsiegt, ignoriert werden.

Den Lebensweg H. G. Adlers bio- und bibliographisch nachzeichnend, spricht der Autor zunächst hinsichtlich der Lagerlyrik sowohl ästhetisch alsauch ethisch von der

Affirmation des menschlichen Wertes – selbst in der Hölle.

Für H.G. Adlers große Theresienstadt-Monographie dann –

zwar als Dokumentation verfaßt, aber aufgebaut wie ein Roman

– konstatiert der Autor in Anbetracht seiner Rezeption in England, dass

von einer Handvoll bemerkenswerter Ausnahmen abgesehen

Desinteresse bis Feindseligkeit bestehen, während das Werk in Deutschland

als dokumentarische Grundlage für die Verabschiedung des Bundesentschädigungsgesetzes

herangezogen und in Israel Adolf Eichmann vor dessen Prozess als Lektüre vorgesetzt wurde.

Der Autor analysiert sodann detailliert Charakteristika von H. G. Adlers Romanen "Unsichtbare Wand", "Panorama" und besonders "Eine Reise", wobei er deren ungenügend (an)erkannte methodologische Modernität herausstreicht:

Ereignisse werden dadurch verfremdet, daß Anspielungen auf nationale Stereotype, sei es ‚jüdisch‘ oder ‚deutsch‘, vermieden und unterschiedliche Techniken angewandt werden – Dokumentation, Montage, Stream of consciousness, Ironie, Lyrismus -, um das Unvorstellbare zu vermitteln.

In Punkto Vermeidung von Stereotypen nennt er als erhellendes Beispiel, wie in "Panorama" anstelle von "Juden" und "Deutschen/Nazis" von "Verlorenen" und von "Verschworenen" die Rede ist. Außerdem müsse endlich die Komplexität der Kritik an der Moderne bei H. G. Adler verstanden werden:

Ein solcher Radikalismus in der Darstellung von Auschwitz ist mit einer umfassenden Kritik an der Moderne verbunden. Technik, Ökonomie, Konsumismus, Bildung, Wissenschaft, Medizin und die Presse – ein in Eine Reise allgegenwärtiges Kraussches Thema: Sie alle partizipieren an den hier dargestellten Verbrechen.

Es folgt noch einmal eine stark emotionale Skizze des Antagonismus zwischen H. G. Adler und Adorno: Adorno mit seiner "Lobeshymne auf die Negativität", die auch in dessen  Polemik gegen Arnold Schönbergs "Die Überlebenden von Warschau" zu finden sei, weil dieses Werk das jüdische Schicksal ästhetisiere, "als hätte es irgendeinen Sinn"; Adler, der in seiner

Bewahrung des Glaubens an die Kontinuität der menschlichen Ethik und die positive Darstellung der Hoffnung

von Canetti und Böll gestützt wird, wenn wir dem Buch glauben dürfen. Adorno, mitunter auch einmal versöhnlicher, hatte H. G. Adler wegen seiner

Schützengrabenreligion des Entronnenen

verspottet; H. G. Adler seinerseits revanchierte sich auf ureigenstem Terrain:

Es hat den Anschein, daß die Person Adorno in das satirische Portrait des Professors Kratzenstein in Adlers "Die unsichtbare Wand" eingeflossen ist. Das Gemisch aus Marxismus und Psychoanalyse, über das Kratzenstein faselt, liest sich wie eine Parodie auf Adornos Philosophie.

Anscheinend ein wenig ermüdet von den zuvor so akribisch nachgezeichneten ideologischen Gefechten der Vergangenheit schließt Jeremy Adler sein Buch ab mit einem pauschalen Plädoyer für dasjenige Werk des betrachteten Dreigestirns, das ihm am meisten am Herzen liegt:

Wie auch immer – die Zeit ist reif für eine Neubewertung von H. G. Adlers Werk.

Der Wallstein Verlag hat mit "Das bittere Brot" einen weiteren Titel von aufklärerischem Wert vorgelegt. Sein Thema: Ein bislang vernachlässigtes. Sein Autor: als Zeitzeuge, Sohn und seinerseits Romanautor besonders hautnah dran. Seine Leser: die an der Thematik der deutschen und österreichischen Emigration nach England während der Nazi– und der unmittelbaren Nachkriegszeit weiterhin (bzw. jetzt erst recht) Interessierten.

 

 

Jeremy Adler
Das bittere Brot
H.G. Adler, Elias Canetti und Franz Baermann Steiner im Londoner Exil
Wallstein
2015 · 120 Seiten · 14,90 Euro
ISBN:
978-3-8353-1753-6

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